DIE WURZELN DER DEUTSCHEN EVANGELIKALEN BEWEGUNG


Einleitung: Seit gut dreißig Jahren spricht man in der Bundesrepublik Deutschland von der Evangelikalen Bewegung (EB). Während anfangs weitgehend unbekannt war, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, wissen heute viele Mitglieder von Kirchen und Freikirchen, daß der Begriff "Evangelikale Bewegung" eine Sammelbezeichnung für theologisch konservative Christen ist, die sich überwiegend zu der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz bekennen.
Der Prozeß des Bekanntwerdens der Evangelikalen in der Öffentlichkeit hängt einmal mit ihrem Nachrichtendienst zusammen; denn durch idea erfuhren sowohl der Begriff "evangelikal" als auch die Anliegen der Evangelikalen eine starke Verbreitung. Daneben ist die EB aber auch durch die Gründung von verschiedenen Werken und Arbeitsgemeinschaften bekannt geworden, die teilweise eine weit über Deutschland hinausreichende Bedeutung erlangt haben. Da diese Werke Aufgaben wahrnehmen, die in ähnlicher Weise von bereits bestehenden Einrichtungen der Kirchen erfüllt wurden und werden (z.B. kirchlich: Brot für Welt; evangelikal: Hilfe für Brüder), sind die Begriffe "Parallel"- oder "Doppelstrukturen" aufgekommen. So warf der Heilbronner Dekan G. Simpfendörfer der EB vor, daß sie "die Evangelische Allianz e.V. ... systematisch als Basis einer neuen selbständigen Kirche innerhalb bzw. neben der Evangelischen Kirche" benutze. Die "Frankfurter Rundschau" nahm Simpfendörfers Vorwurf auf und fragte in einem Artikel vom 24. Mai 1986: "Wie lange gibt es noch die Evangelische Kirche in Deutschland?"
Diese Stimmen machen deutlich, daß die Sorge um die Einheit der Kirche nicht völlig unberechtigt ist. Bedenkt man, daß auf der Mitgliederversammlung des zur EB zu zählenden Gnadauer Verbandes vom 10.-14. Februar 1986 ernsthaft von den 100 Delegierten über die Frage diskutiert wurde, ob die Gemeinschaftsbewegung weiterhin in den Landeskirchen bleiben oder sich einer der bestehenden Freikirchen anschließen oder eine neue gründen solle, so zeigt dies, was auf die Landeskirchen in Deutschland zukommen kann. Denn sollte sich die Gemeinschaftsbewegung, zu der sich etwa 300.000 Mitglieder zählen, wirklich einmal von der Kirche trennen, wäre dies, zumindest für einige Landeskirchen, ein schmerzlicher Verlust.
Weil Größe und Einfluß der deutschen EB nicht unterschätzt werden dürfen, kann man nicht achtlos an ihr vorübergehen. Um aber ihr gegenwärtiges Erscheinungsbild verstehen zu können, ist es nötig, ihre geschichtlichen Wurzeln zu kennen. Dazu muß - nachdem der Begriff "evangelikal" erklärt worden ist - zunächst ein Blick in die englische und besonders amerikanische Kirchengeschichte geworfen werden, weil dort eine Wurzel der deutschen EB liegt, um danach die beiden anderen in unserem Lande liegenden Wurzeln zu beschreiben.


1.1. Der Begriff "evangelikal"

Bereits im 16. Jahrhundert erscheint in England der Ausdruck "evangelical" als Bezeichnung für Anhänger der Reformation sowohl lutherischer als auch calvinistischer Prägung. "Evangelical", das anfangs ganz dem deutschen Begriff "evangelisch" entsprach, wurde in den folgenden 200 Jahren von dem Ausdruck "Protestant" zurückgedrängt und tauchte erst im 18. Jahrhundert während der Zeit der methodistischen Erweckung wieder auf. Da im Methodismus nicht nur die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, sondern - und damit zumindest teilweise über die Reformatoren hinausgehend - auch die Heiligung des Lebens der Gläubigen stark betont wurde, begann hier ein Prozeß, in dessen Verlauf die "Evangelicals" nicht mehr nur die Evangelischen im reformatorischen Sinne waren, sondern mehr und mehr eine Gruppe von Christen, die besonderen Nachdruck auf die persönliche Aneignung des Heils, den geheiligten Lebenswandel sowie Evangelisation und Mission legte.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfuhr "evangelical" dann insofern eine Einengung, als nun vorwiegend jene Christen damit bezeichnet wurden, die die Erweckungsbewegung innerhalb der Kirche von England vertraten. Diese bis heute einflußreiche Kirchenpartei ("Low Church") hat die Entwicklung der Anglikanischen Kirche wesentlich mitgeprägt. Der Begriff "evangelical" blieb indessen nicht auf sie beschränkt. Heute werden - sowohl in England als auch in den USA - alle jene Kirchen und Gruppen als "evangelical" bezeichnet, die die ursprünglichen Anliegen der methodistischen Erweckungsbewegung vertreten: die Rettung des Menschen geschieht nur durch den persönlichen Glauben an Jesus Christus; die Gläubigen führen einen heiligen, d.h. an Gottes Geboten ausgerichteten Lebenswandel; sie vermitteln den Nichtchristen ihren Glauben durch missionarisches und diakonisches Engagement; sie betrachten die Bibel als höchste Autorität für Lehre und Leben. - Zugleich wird das englische Wort "evangelical" auch heute noch in seinem ursprünglichen Sinn, nämlich als schlichte Übersetzung des deutschen "evangelisch", gebraucht. So gibt das Oxford Dictionary of the Christian Church "EKD" mit "Evangelical Church in Germany" wieder.

Obwohl in jener Zeit, als in England die große methodistische Erweckungsbewegung das Land überzog, in Deutschland eine Bewegung mit ähnlichen Merkmalen, der Barockpietismus, bereits bestand, wurde der Terminus "evangelical" nicht in die deutsche Sprache übernommen. Dies sollte erst 200 Jahre später geschehen.

Der Begriff "evangelikal" als Bezeichnung für konservative deutsche Protestanten entsprechend den englischen und amerikanischen Evangelicals erscheint wohl erstmalig im Jahre 1965 im Ev. Allianzblatt, dem damaligen Organ der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Vorher fand man zwar schon vereinzelt den Ausdruck "evangelikal", doch bezeichnete diese Übersetzung des englischen "evangelical" stets die Evangelikalen Englands oder der USA. Mitverantwortlich für den "Durchbruch" von "evangelikal" in der deutschen Sprache war der 1966 in Berlin von amerikanischen Evangelikalen durchgeführte Weltkongreß für Evangelisation. Der Tübinger Missionswissenschaftler Prof. P. Beyerhaus, einer der führenden Evangelikalen Deutschlands, ist sicher, daß "das Wort 'evangelikal' seit dem Berliner Weltkongreß für Weltevangelisation ... in Deutschland gebraucht wird". Daher ist anzunehmen, daß die amerikanischen Evangelikalen um Billy Graham während des Berliner Kongresses unbeabsichtigt die deutschen (aus dem Bereich der Ev. Allianz kommenden) Konferenzteilnehmer anregten, sich selbst als in evangelikaler Tradition stehend zu erkennen und durch Übernahme dieses Begriffes auch terminologisch den Anschluß an die im angelsächsischen Raum schon zu einem breiten Strom angeschwollene EB zu vollziehen. Tatsache ist, daß seit 1966 eine langsame, aber stetige Zunahme des Terminus "evangelikal" in deutschsprachigen Veröffentlichungen zu beobachten ist. In erster Linie ist es das von der DEA herausgegebene Ev. Allianzblatt, das den neuen Begriff aufnimmt und seinen Lesern bekannt macht. Nach dem ersten Vorkommen im Jahr 1965 erscheint er in den beiden folgenden Jahren nur selten. Im Oktober 1968 nimmt das Allianzblatt eine ausführliche Erklärung des neuen Begriffes vor, und von nun an wird "evangelikal" als Bezeichnung für theologisch konservative Christen aus verschiedenen Denominationen, die der DEA verbunden sind, üblich. Daß "evangelikal" heute weit über den kirchlichen Bereich hinaus bekannt ist, hängt mit dem Informationsdienst der Ev. Allianz (idea) zusammen. idea hat sich nach eigenen Angaben "dafür eingesetzt, die Bezeichnung 'evangelikal' als Sammelbegriff einzubürgern".

Obgleich die Evangelikalen Christen verschiedener Konfessionen sind und insofern aus unterschiedlichen Traditionen kommen, besteht unter ihnen über die Definition von "evangelikal" weitgehende Einigkeit. Mit fünf Kennzeichen läßt sich beschreiben, worin Evangelikale das Wesentliche "evangelikalen Glaubens" sehen:
1. Die Betonung der absoluten Verbindlichkeit der Heiligen Schrift für Lehre und Leben. Die Bibel gilt als das vom Heiligen Geist eingegebene Wort Gottes, ohne daß es eine Übereinstimmung der Evangelikalen über die Art der Inspiration gibt.
2. Bekehrung und Wiedergeburt durch den Glauben an den Jesus Christus, den die Bibel und die drei altkirchlichen Symbole bezeugen, sind nötig zur Erlangung der ewigen Seligkeit.
3. Die Pflege geistlicher Gemeinschaft aller von Herzen an Jesus Christus Glaubenden. Die Evangelikalen sind der Überzeugung, daß Gott eine ecclesia invisibilis unter allen Kirchen und Gemeinden hat, die erst bei der Parusie Christi völlig offenbar werden wird.
4. Die Heiligung des persönlichen Lebens sowie Mission durch Verkündigung des Evangeliums und Diakonie betrachten die Evangelikalen als vorrangigen Auftrag Gottes für ihr Leben.
5. Die Erwartung der sichtbaren Wiederkunft Jesu Christi und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Reich Gottes lassen die Evangelikalen zurückhaltend sein gegenüber allen Versuchen, allein aus menschlicher Kraft ein irdisches Friedensreich zu errichten.

Die genannten fünf Positionen schließen zugleich auch Negationen in sich. So wendet sich das Bekenntnis zur absoluten Verbindlichkeit der Bibel gegen die unkritische Übernahme der Ergebnisse der historisch-kritischen Bibelforschung, das Insistieren auf Bekehrung und Wiedergeburt gegen die Forderung nach Heilswegen außerhalb des christlichen Glaubens, die Formulierung "aller von Herzen an Jesus Christus Glaubenden" gegen die Gleichsetzung von Kirchenmitgliedschaft und Christsein, die Betonung von Mission und Diakonie gegen eine Überbewertung des Dialogprogrammes des Ökumenischen Rates und die Erwartung der sichtbaren Parusie Christi gegen jeden Säkularoptimismus.
Die Evangelikalen fühlen sich mit der Formulierung der aufgezählten fünf Positionen als Christen, die ganz in der neutestamentlichen und (überwiegend auch) reformatorischen Tradition stehen. "Wenn 'evangelikal' eine Theologie beschreibt", erklärt der englische Theologe John Stott, "dann ist es die biblische Theologie. Die Evangelikalen behaupten, daß sie ganz einfach biblische Christen sind ...".



1.2. Die Evangelikale Bewegung im angelsächsischen Raum

1.2.1. In England

Wie schon dargestellt, wurden in England zunächst die Anhänger der Reformation als "evangelical" bezeichnet. Während der methodistischen Erweckungsbewegung erhielt der Begriff dann seine spezielle, auch heute noch gültige Bedeutung. "Evangelicals" waren fortan alle Christen, die ähnliche Grundsätze vertraten, wie sie im Methodismus gegeben waren. Als transkonfessionelle Bewegung traten die Evangelicals erstmals in Erscheinung, als im Jahre 1846 in London die "Evangelical Alliance" gegründet wurde. Mit der Evangelical Alliance war "nicht ein Zusammenschluß aller evangelischen Christen und Gemeinden, keine Vereinigung von Kirchen, nicht eine 'Protestant Alliance' ... gemeint - angestrebt war eine tätige Gemeinschaft aller Evangelikalen." Der Wunsch nach einer solchen tätigen "Gemeinschaft aller Evangelikalen" muß auf dem Hintergrund der besonderen kirchlichen Situation im Großbritannien des 19. Jahrhunderts gesehen werden. Die in der Folge der methodistischen und (späteren) schottischen Erweckungsbewegung spürbare geistliche Neubelebung in den meisten protestantischen Kirchen hatte zur Gründung von manchen neuen christlichen Werken (z.B. Bibel- und Missionsgesellschaften) und damit zu weiterer organisatorischer Aufsplitterung des kirchlichen Lebens geführt. Die Mitarbeiter dieser Werke, die aus den unterschiedlichsten kirchlichen Lagern kamen, bemerkten jedoch ihre Übereinstimmung in grundlegenden geistlichen Fragen und sehnten sich nach mehr Einheit innerhalb der evangelischen Christenheit. Nach und nach entstanden überkonfessionelle Gebetsvereinigungen und Versammlungen, bei denen über Wege zu vermehrter Einheit beraten wurde. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung, die durch ein gleichzeitiges Erstarken der römisch-katholischen Kirche sowie durch verstärkte katholische Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche (Anglokatholizismus) gefördert wurde, war eine vorbereitende Konferenz im Oktober 1845 in Liverpool, auf der eine große evangelische Versammlung in London geplant werden sollte. Diese Liverpooler Konferenz wurde von Vertretern verschiedener Kirchen zusammengerufen, um zum einen dem wachsenden Einfluß der katholischen Kirche entgegenzutreten, zum anderen aber auch, um bibelorientiertes Christentum zu fördern. Ein in Liverpool eingesetztes Komitee erhielt den Auftrag, eine theologische Grundlage für die ein Jahr später in London geplante große Konferenz zu erarbeiten.
Dort trafen sich dann vom 19.8. bis 2.9.1846 mehr als 900 Christen aus den USA, Kanada, England, Irland, Frankreich, Holland, Deutschland, Skandinavien und der Schweiz, die aus über 50 verschiedenen Kirchen kamen. Sie berieten über die schon in Liverpool auf der Tagesordnung stehenden Fragen und riefen das Einigungswerk der weltweiten Evangelischen Allianz ins Leben. Sie waren allerdings nicht als offizielle Delegierte ihrer Kirchen gekommen, sondern als Privatleute, die sich zusammenfanden, um ihre geistliche Einheit zu dokumentieren und um gemeinsam das Anliegen der Missionierung der Welt voranzutreiben.


1.2.2. In Nordamerika

Während die englische EB in ihrem weiteren Verlauf keine solche Bedeutung erreichte, die eine detailliertere Beschreibung erfordern würde, muß die Entwicklung des Evangelikalismus in den USA genauer nachgezeichnet werden; denn die USA sollten - besonders nach dem Zweiten Weltkrieg - zu einem Zentrum und Ausgangspunkt der weltweiten EB werden.


1.2.2.1. Erweckungsbewegungen als die eine Ursache für die Entstehung der Evangelikalen Bewegung

Die bei der Gründung der Evangelical Alliance in London anwesenden Vertreter aus den USA brachten die neue Bewegung, und besonders den neuen Namen, mit in ihr Land. Zwar war der Begriff "evangelical" nicht unbekannt, doch verstand man in den USA unter den Evangelicals alle protestantischen Gruppen in Abgrenzung zu den "Unevangelicals", zu denen Katholiken, Unitarier, Swedenborg-Anhänger u.a. gerechnet wurden, also Gruppen, die nicht auf dem Boden der Reformation standen. Es kam nun aber keineswegs sogleich zu einer protestantischen Bewegung in den USA, die sich den Namen "evangelical" im Sinne der Evangelical Alliance zulegte. Denn Bewegungen mit evangelikaler Prägung gab es schon längst in Nordamerika; auf den Namen "evangelical" aber wurde kein besonderer Wert gelegt.
Die erste größere Bewegung, die als evangelikal zu bezeichnen ist und unter dem Namen "Great Awakening" in die Geschichte einging, wurde durch die Predigten von Jonathan Edwards (1703-1758) entfacht. Seine Verkündigung (und auch die des in Amerika wirkenden englischen Evangelisten George Whitefield) rief Wellen von Erweckungen hervor, die große Teile der Kolonien und (später) der Vereinigten Staaten ergriffen. - Neben diesen erwecklichen Aufbrüchen, die sich über weite Teile der Kolonien erstreckten, gab es in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche, regional begrenztere Bewegungen, die durchgängig evangelikal geprägt, aber verschieden akzentuiert waren. - In den USA des 19. Jahrhunderts kann man nach einem Vorschlag von E. Geldbach vier evangelikale Strömungen unterscheiden:
1. Der sozial-evangelikale Typ
Er entstand als Anwort auf die großen sozialen Probleme im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts und war bemüht, die amerikanische Sozialordnung nach christlichen Grundsätzen zu gestalten (social gospel). Ein Hauptvertreter war Baptistenpastor Walter Rauschenbusch (1861-1918), der sich allerdings mit seiner Überzeugung einer allmählich fortschreitenden Entwicklung der Menschheit zum Besseren die Kritik vieler Evangelikaler zuzog.
2. Der charismatisch-evangelikale Typ
Schon Charles G. Finney (1792-1876), ein ehemaliger Rechtsanwalt, der nach seiner Bekehrung als Berufsevangelist wirkte, betonte die Geistestaufe, um zur christlichen Vollkommenheit zu gelangen. In der Folgezeit spielte das charismatische Element eine zunehmend wichtige Rolle, bis es in der Pfingstbewegung einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. "In Amerika hat die übernatürliche Erneuerung des Individuums durch die Macht des Heiligen Geistes nicht nur zur Absonderung von der Welt geführt, sondern auch zur Taufe mit dem Heiligen Geist, was dann zur Etablierung eigener Pfingstkirchen um die Jahrhundertwende führte."
3. Der irenisch-individualistische Typ
Hierzu zählt Geldbach den Erweckungsprediger Dwight Lyman Moody (1837-1899) und die durch ihn entfachte Bewegung. Moody war ein Feind theologischer Spitzfindigkeiten, seine Botschaft war einfach und jedem verständlich. Er selbst "hat oft von den drei R's gesprochen: Ruin by sin, Redemption by Christ, Regeneration by the Holy Ghost". Seine Predigten zielten auf den Einzelnen, der zu Bekehrung und Lebenshingabe an Jesus Christus aufgerufen wurde.
4. Der dispensational-evangelikale Typ
Unter "Dispensationalismus" versteht man eine Schule heilsgeschichtlicher Schriftauslegung, nach der die Geschichte in einer Abfolge von Heilsdispensationen (Heilsbünden oder abschnitten) eingeteilt ist. Gegenwärtig leben wir im Heilsabschnitt der Kirche Jesu Christi. Nach John Nelson Darby, auf den wesentliche Gedanken des Dispensationalismus zurückgehen, ist der Heilsabschnitt der Kirche Christi nur ein Einschub in die jüdische Dispensation. Letztere werde dann wieder im Zentrum von Gottes Heilshandeln stehen, wenn die Gemeinde Jesu Christi entrückt worden ist (vgl. 1 Thess 4,13ff). Diese Schau Darbys hat zur Folge, daß die einzelnen Bibelabschnitte jeweils nach ihrem Adressaten befragt werden müssen: Gilt diese Bibelstelle dem jüdischen Volk oder der neutestamentlichen Gemeinde Christi? - Darbys Hermeneutik hatte nicht geringen Einfluß auf zahlreiche amerikanische Ausbildungsstätten und ist weltweit durch die Scofield Reference Bible (1909) bekannt geworden.

Von Ausnahmen abgesehen betrachten die Vertreter dieser evangelikalen Richtungen - besonders der drei zuletzt beschriebenen - die Bibel als unbedingte Autorität für Glauben, Lehre und Lebensführung. Ebenso zählt für sie die Missionierung der Welt zu den dringlichsten Aufgaben der christlichen Gemeinde.
In ihren Grundpositionen stimmen also die amerikanischen Evangelikalen des vergangenen Jahrhunderts mit den britischen überein. Zugleich aber wird deutlich, daß die Akzente innerhalb der evangelikalen Strömungen im Amerika des 19. Jahrhunderts durchaus verschieden gesetzt waren. Dies hilft zu verstehen, weshalb der Evangelikalismus auch heute keine einheitliche Größe ist.


1.2.2.2. Die Säkularisierung als die andere Ursache für die Entstehung der Evangelikalen Bewegung

Neben den Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts muß als weiterer Grund für die Entstehung und besonders Formierung der amerikanischen EB die Säkularisierung bezeichnet werden. Darunter ist die Verweltlichung des Denkens zu verstehen, das sich von kirchlich-biblischer Bevormundung befreit und in zunehmendem Maße seine Autonomie behauptet und, als Folge davon, die geistigen Grundlagen des politisch-gesellschaftlichen und kulturellen Handelns eigenständig zu legen und auch zu verantworten versucht.
Das Gedankengut der Aufklärung fand - von Europa kommend - auch an den Hochschulen der USA Eingang. Die philosophische Erschütterung des christlichen Glaubens, die innerhalb der westeuropäischen Aufklärung besonders von den englischen Deisten sowie den radikalen französischen Aufklärern eingeleitet wurde, mündete vielfach in entschiedene Dogmen- und Bibelkritik ein (vgl. Spinoza). Dazu kam der Einfluß neuester naturwissenschaftlicher Theorien. Daß der Mensch nicht, wie man bisher geglaubt hatte, als Geschöpf Gottes unmittelbar aus dessen Hand hervorgegangen, sondern das Produkt einer Entwicklung über lange Zeiträume sei, daß die Erde nicht, wie es der schlichte Bibelleser annehmen muß, etwa 6.000 Jahre, sondern einige Millionen Jahre alt sein soll - all das wurde von vielen Christen mit Entsetzen zur Kenntnis genommen. Es gab in der folgenden Zeit nicht wenige Pastoren und Theologen, die kein sacrificium intellectus zu bringen vermochten und sich daher dafür einsetzten, Abstriche am traditionellen christlichen Glauben vorzunehmen. "Sie entschieden, daß einzig die Anpassung der christlichen Lehre an die Ergebnisse der Naturwissenschaft, der Philosophie und der kritischen theologischen Forschung intellektuell redlich und geistlich befriedigend sei." Ihnen, den "liberalen" Theologen, standen die "konservativ-evangelikalen" Geistlichen gegenüber, die am überkommenen Bibelverständnis festhielten. Sie sammelten sich ab etwa 1880 auf Konferenzen (z.B. Niagara-Bibelkonferenz) und traten gemeinsam den Überzeugungen der liberalen Theologie entgegen. Bald bezeichnete man die Konservativen auch als "Fundamentalisten"; diese Bezeichnung wurde von einer ab 1910 erschienenen Buchreihe mit dem Titel "The Fundamentals" abgeleitet. "In diesen Texten wurde der Begriff 'fundamentals' (Grundlagen) für Elemente der traditionellen Lehre - Inspiriertheit und Verbindlichkeit der Schrift, die göttliche Natur Jesu Christi, die Jungfrauengeburt u.a. - verwendet ...". - Bis zu diesem Zeitpunkt (etwa 1920) bestand im wesentlichen noch Identität zwischen evangelikaler und fundamentalistischer Bewegung, wie ein Vergleich von der für die Evangelikalen grundlegenden Glaubensbasis der Evangelical Alliance von 1846 und den "fundamentals" zeigt.

Ins Blickfeld der Öffentlichkeit trat der Fundamentalismus besonders im Jahre 1925 im berühmten Scopes-Prozeß42. Der Biologielehrer John Scopes hatte vor seinen Schülern die Evolutionslehre vertreten, was aber im Staate Tennessee, wo Scopes unterrichtete, verboten war. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, bei dem sich in Anklage und Verteidigung zwei berühmte Persönlichkeiten gegenüberstanden: William Jennings Bryan, Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei und Staatssekretär unter Präsident Wilson, ein entschiedener Fundamentalist, der den Standpunkt vertrat, daß "der Unterricht in der Evolutionslehre sich zerstörend auf die Moral und verheerend auf den Glauben der Söhne und Töchter jener Leute auswirke, die durch ihre Steuergelder immerhin den Lehrern das Gehalt bezahlten". Ihm gegenüber stand Clarence Darrow, ein bekannter Rechtsanwalt, der als Agnostiker überzeugt war, keine zuverlässigen Kenntnisse über Gott haben zu können. In der Diskussion der beiden Kontrahenten wurde bald deutlich, daß Bryan dem Rechtsanwalt unterlegen war; er konnte die gezielt naturwissenschaftlichen Fragen von Darrow nicht befriedigend beantworten, weil er offensichtlich eine intensive Beschäftigung mit dem ganzen Themenkomplex bislang versäumt hatte. Da die Debatte durch Presse und Rundfunk im ganzen Land verfolgt werden konnte, verlor die fundamentalistische Bewegung landesweit an Boden.

In der Folgezeit entwickelte sich mehr und mehr ein militanter Fundamentalismus, der von Spaltungen nicht verschont blieb (viele evangelikale Christen begannen sich zu distanzieren), gegen andere Anschauungen polemisierte, selber an geistlichem und geistigem Niveau einbüßte und seine Aktivitäten zunehmend auch auf politische Bereiche ausdehnte. "Es entsteht ein separatistischer Fundamentalismus, der immer mehr zu einem Syndrom aus Christlichkeit ..., patriotischem Amerikanismus, Laissez-Faire-Wirtschaft (Free Enterprise), Antikommunismus und Antisozialismus, Antiromanismus, Antiökumene ... und für Aufrüstung wird."

In den dreißiger Jahren trat als Wortführer der Fundamentalisten Carl McIntire hervor, der 1948 gegen den Ökumenischen Rat der Kirchen den International Council of Christian Churches (ICCC) in Amsterdam gründete. "Er war von Anfang an als Gegen-Ökumene gedacht und wandte sich in seinen Verlautbarungen gegen Modernismus, Rationalismus, Kommunismus ..., die röm.-kath. Kirche ... und die Ökumenische Bewegung."

Während also die fundamentalistische Bewegung ursprünglich gekennzeichnet war "von echter Gelehrsamkeit mit positiven Aussagen und einer gewissen Breite der evangelischen Basis", wurde sie "nach und nach zu einer negativen, defensiven und reaktionären Angelegenheit mit verengtem theologischen Horizont, ohne akademisches Niveau und ohne literarische Produktivität." Dieser Niedergang des Fundamentalismus mit der Folge abnehmenden Einflusses auf Kirche und Gesellschaft hielt bis etwa zum Ende des Zweiten Weltkrieges an.

Ab 1946 läßt sich dann eine schrittweise Wiederaufnahme der ursprünglichen fundamentalistischen Anliegen erkennen. Einige Wissenschaftler untersuchten kritisch den amerikanischen Fundamentalismus der vergangenen Jahrzehnte und verfolgten zugleich das Ziel, die "grundlegenden Wahrheiten der biblischen Botschaft ohne Einbuße an geistlicher Substanz neu zu formulieren, und zwar in qualifizierter Weise, mit akademischer Sorgfalt und in gesprächsbereitem Geist ... . Eine evangelikale Erneuerung in der theologischen Literatur begann." Dabei war es diesen evangelikalen Wissenschaftlern, die bald als "New Evangelicals" bezeichnet wurden, ein zentrales Anliegen, die grundlegenden theologischen Ansichten der Fundamentalisten beizubehalten, da man sie als biblisch begründet betrachtete. Aber sie sollten nicht doktrinär-polemisch verteidigt werden, wie es bei den Fundamentalisten um McIntire zeitweise der Fall war; vielmehr versuchte man, nach intensiver Auseinandersetzung mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der verschiedensten Gebiete aufzuzeigen, daß die moderne Wissenschaft keineswegs überall im Gegensatz zu den biblischen Anschauungen steht. Neben der Beschäftigung mit Archäologie wandte man sich besonders den Fragen der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie zu, um darauf aufmerksam zu machen, daß schon manche axiomatischen Voraussetzungen wissenschaftlicher Arbeit in Frage gestellt werden müssen. Auch das Problem der Evolutionslehre, das schon in den zwanziger Jahren leidenschaftlich diskutiert worden war, wurde erneut aufgenommen. In der 1941 in Chicago gegründeten Vereinigung der American Scientific Affiliation (ASA) mit ihrer Zeitschrift "Journal of the ASA - An evangelical perspective on science and the Christian faith" traten Wissenschaftler, die die Autorität der Bibel auch im Blick auf nicht unmittelbar theologische Fragen anerkannten, den Überzeugungen und Einflüssen des naturwissenschaftlichen Materialismus entgegen. Sie taten dies keineswegs nur mit theologischen Argumenten, sondern - da die ASA mehr und mehr Zulauf von qualifizierten Naturwissenschaftlern und Technikern bekam - setzten sie sich auf der Basis wissenschaftlicher Kenntnisse kritisch mit den gängigen naturwissenschaftlichen Theorien auseinander. Zu einer Abspaltung von der ASA kam es, als keine Einigung über das Verständnis von Genesis 1 und 2 erzielt werden konnte. Der Teil der Wissenschaftler, der am wörtlichen Verständnis der beiden Kapitel festhielt, gründete die Creation Research Society, eine wissenschaftliche Gesellschaft, "die nur Mitglieder aufnimmt, die einen akademischen Grad in Naturwissenschaft oder Technik besitzen".

Im Bereich der theologischen Ausbildung setzten die "New Evangelicals" ebenfalls neue Akzente. Um der Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen gewachsen zu sein, mußten sie ihre angehenden Theologen gründlich schulen. Dazu sollte u.a. das 1947 in Pasadena/Californien gegründete Fuller Theological Seminary dienen. Neben einer theologischen Abteilung besitzt das Institut auch eine für Psychologie und eine für Weltmission. Damit ist das Stichwort für den Bereich gefallen, der den Evangelikalen besonders am Herzen liegt. Nicht nur Weltmission im Sinne der Verkündigung von Gottes Wort unter Völkern, die bisher das Evangelium nicht kannten, sondern auch Evangelisation unter den Massen des eigenen Volkes, die dem christlichen Glauben entfremdet sind, ist ein Hauptanliegen der Evangelikalen geworden. Dabei soll die Bekämpfung sozialer Mißstände nicht unbeachtet bleiben; man möchte vielmehr Evangelisation und soziales Engagement Hand in Hand gehen lassen. Der Mann, dem hier eine Vorreiterfunktion zukommt, ist Billy Graham. Schon Anfang der fünfziger Jahre zogen seine Evangelisationen Tausende an. In ihm "fand die evangelikale Bewegung einen Verkündiger, der imstande war, die Gedanken verständlich auszudrücken und die Vorstellungsmöglichkeit der theologisch nicht geschulten Menschen anzusprechen". Grahams und seiner Mitarbeiter Einfluß auf das amerikanische Volk darf nicht unterschätzt werden. Durch seine Tätigkeit wurde die EB in ganz Nordamerika und darüber hinaus weltweit bekannt. Selbst in den Staaten des Ostblocks konnte er in der jüngsten Vergangenheit mehrere Male biblische Vorträge halten. Große Konferenzen wurden von Grahams Missionswerk auch in Europa durchgeführt. So fanden sich z.B. im Juli 1986 in Amsterdam mehr als 11.000 Teilnehmer aus 178 Staaten zur "Internationalen Konferenz für Reisende Evangelisten" ein; der Kongreß widmete sich vor allem den Fragen der Durchführung missionarischer Aktionen. - Da sich die New Evangelicals für die Einheit der Christen einsetzen, ihr Anliegen jedoch weder in dem eher liberalen Federal Council of Churches (später: National Council of Churches of Christ) noch in dem 1941 von McIntire streng fundamentalistisch geprägten und als Gegenpol zum National Council gegründeten American Council of Christian Churches (ACCC) verwirklicht sahen, schlossen sie sich 1942 zur National Association of Evangelicals (NAE) zusammen. Diese Organisation fußt auf den Positionen, wie sie 1846 in London von der Evangelical Alliance festgelegt worden waren und versteht sich als eine Arbeitsgemeinschaft von einzelnen Christen bzw. christlichen Gruppen, die auf den Gebieten Mission, Publizistik, Ausbildung und Sozialwesen zusammenarbeiten wollen. "Im Gegensatz zur Verneinungs- und Abgrenzungspolitik des Fundamentalismus ... wollten die Evangelikalen auf die Herausforderungen von Theologie, Kirche und Gesellschaft eine positive Antwort geben, die auch das Gespräch mit anderen theologischen Gruppen einschloß."

Durch die Gründung der National Association of Evangelicals ist im amerikanischen Protestantismus eine dritte Größe entstanden, eine Bewegung, die einerseits die eher liberale Theologie des National Council of Churches of Christ nicht mittragen kann, andererseits zwar den Biblizismus des Fundamentalismus weitgehend bejaht, sich jedoch entschieden von seinen doktrinär-polemischen Positionen und seiner Vermischung von Theologie und Politik abgrenzt. - "Nach allem Dargelegten ergibt sich, daß man zwischen Fundamentalismus und Evangelikalismus unterscheiden sollte. Daß die Übergänge vor allem unter den Laien fließend sind, versteht sich wohl von selbst."

Es soll noch ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß Teile der fundamentalistischen Bewegung der USA in den letzten drei Jahrzehnten versucht haben, ihr in der Gesellschaft gesunkenes Ansehen dadurch zu heben, daß sie mit fundierten Forschungsergebnissen zu (besonders) naturwissenschaftlichen Fragen in die allgemeine Diskussion eingegriffen und mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen nicht geringes Aufsehen erregt haben.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die erwecklichen Aufbrüche des 18. und 19. Jahrhunderts in den USA die Kennzeichen der methodistischen Erweckung in England trugen und daher als evangelikal zu bezeichnen sind, und daß sich diese evangelikalen Strömungen im Laufe der Zeit verschieden ausprägten, so daß man von vier Typen reden kann: sozial evangelikal, charismatisch evangelikal, irenisch individualistisch und dispensational evangelikal. Aus diesen evangelikalen Bewegungen entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Verlauf der Auseinandersetzung mit Naturwissenschaft und bibelkritischer Theologie der Fundamentalismus. Während sich im Anfang der fundamentalistischen Bewegung Evangelikalismus und Fundamentalismus nahezu deckten, wandten sich ab Mitte der zwanziger Jahre viele Christen vom Fundamentalismus ab, weil sie sich mit dessen unqualifizierter Apologetik des christlichen Glaubens nicht mehr zu identifizieren vermochten. Von bibelkritischer Theologie, säkularisierter Gesellschaft und dem strengen Fundamentalismus herausgefordert, formierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg erneut die EB (die "Neuen Evangelikalen"), die die ursprünglichen theologischen Positionen der evangelikal-fundamentalistischen Bewegung vom Anfang des Jahrhunderts wieder aufnahm, sich aber von der teilweise doktrinär-polemischen, die (besonders früher) nötige wissenschaftliche Sorgfalt vermissen lassende Vorgehensweise der Fundamentalisten abgrenzte.


1.2.2.3. Definition von Evangelikalismus und Fundamentalismus

Will man eine Definition des heutigen evangelikalen und fundamentalistischen "Glaubens" (in den USA) wagen, so kann man mit Barr, Marquardt und Joest sagen:
Beide, Fundamentalisten und Evangelikale,
- betrachten die Heilige Schrift als höchste Autorität für Lehre und Leben des Christen;
- glauben an das stellvertretende Sühneopfer Jesu Christi und an seine leibliche Auferstehung von den Toten;
- erwarten die sichtbare Wiederkunft Jesu Christi;
- betonen Bekehrung und persönlichen Glauben an Jesus Christus als Bedingung der Rettung von der ewigen Verdammnis.
Über die Evangelikalen hinausgehend vertreten die Fundamentalisten
- die Verbalinspiration und als Folge die Unfehlbarkeit (infallibilty) und Irrtumslosigkeit (inerrancy) der Bibel im Urtext in allen ihren Aussagen;
- die strikte Ablehnung der modernen Theologie (historisch-kritische Methode);
- die Neigung zu der Überzeugung, Christen könnten nur ganz bestimmte politisch-ökonomische Anschauungen haben;
- eine Tendenz zur Verabsolutierung des eigenen Standpunktes mit der Folge, daß alle Andersdenkenden in ihren Augen keine wahren Christen sind.

Tatsächlich sind die Grenzen zwischen beiden Gruppen fließend, und es scheint nicht wenige Evangelikale zu geben, die den ersten beiden speziell fundamentalistischen Punkten zustimmen, während sie die politischen Ansichten und den Exklusivitätsanspruch der Fundamentalisten nicht teilen können.


1.2.3. Einflüsse der amerikanischen Evangelikalen auf Deutschland

Wie schon angedeutet, hat die amerikanische EB nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere durch Billy Graham und sein Missionswerk starken Einfluß auf gewisse Kreise innerhalb des deutschen Protestantismus genommen. Graham selbst war allein in den Jahren 1953 bis 1966 zu fünf evangelistischen "Feldzügen" (crusades) in Deutschland. Um eine Vorstellung von den Auswirkungen dieser Besuche zu erhalten, hilft ein Blick auf den Zuspruch, den Grahams Veranstaltungen fanden. Die evangelistischen Vorträge von 1955, die meist in Fußballstadien deutscher Großstädte stattfanden, wurden von bis zu 60.000 Menschen besucht. Da diese Evangelisationen in Verbindung mit der Deutschen Evangelischen Allianz durchgeführt wurden, konnten die deutschen Organisatoren Einblicke in die Arbeit der amerikanischen Evangelikalen gewinnen und so Anregungen für die Verkündigung des Evangeliums in ihrem eigenen Lande empfangen.
Eine Neuigkeit für Deutschland war "Euro 70", eine Großveranstaltung mit Graham im April 1970 in Dortmund, von wo aus erstmalig die täglichen Evangelisationsvorträge via Fernsehen in mehr als 30 Städte übertragen wurden66. "Euro 70" war auch der Auslöser für die Entstehung von "idea", der zu einer schnellen und guten Versorgung mit kirchlich-evangelikalen Informationen für zunächst jene christlichen Gruppen beitragen sollte, die an der "Euro 70" beteiligt gewesen waren. Ebenso kann der Europäische Kongreß für Evangelisation in Amsterdam (1971) als Auswirkung von "Euro 70" betrachtet werden.

Der Einfluß der amerikanischen EB auf den deutschen Protestantismus wurde nicht zuletzt auch deshalb erst möglich, weil das gute politische Klima zwischen den USA und der Bundesrepublik und das Näherrücken der Kontinente infolge moderner Medientechnik (Satellitenfernsehen) und erleichterter Reisebedingungen den Dialog zwischen Amerikanern und Deutschen in bisher nicht dagewesenem Maße förderte.

Die erste Wurzel der deutschen EB, der Evangelikalismus im angelsächsischen Raum, mußte etwas ausführlicher dargestellt werden, da es bisher nur wenige deutschsprachige Untersuchungen zur EB der USA gibt. Die noch verbleibenden beiden anderen Wurzeln des deutschen Evangelikalismus - die pietistischen und bekenntnisorientierten Gruppierungen - sind schon mehrfach beschrieben worden; daher kann hier auf eine umfangreichere Darstellung verzichtet werden.



1.3. Der landes- und freikirchliche Pietismus in Deutschland

Vorbemerkung: Wenn in dieser Arbeit immer wieder die Begriffe "Pietismus" und "pietistisch" fallen, so dienen sie meist als Bezeichnung eines bestimmten Frömmigkeitstyps, der sich in der Zeit des Barockpietismus ausprägte und sich über die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts bis zu den neupietistischen Strömungen unseres Jahrhunderts gehalten hat. Er läßt sich wie folgt kennzeichnen:
1. Die persönliche Aneignung des christlichen Glaubens erfolgt durch Bekehrung und Wiedergeburt;
2. der Lebensstil des Bekehrten ist geprägt durch Gebet, Bibelstudium, missionarische Weitergabe des Glaubens und durch tätige Nächstenliebe.

In Deutschland kann man in der Gegenwart von zwei pietistisch geprägten Strömungen sprechen, deren Hauptunterschied im Bereich der Ekklesiologie liegt: Während die Gemeinschaftsbewegung (Gnadauer Verband) bewußt an der Struktur der Volkskirche (einschließlich der dort praktizierten Kindertaufe) festhält, vertreten die sogenannten "klassischen" (und viele andere) Freikirchen das Modell der vom Staat völlig unabhängigen Kirche. Mitglied einer solchen Freikirche kann nur werden, wer sich zum Glauben an Jesus Christus bekennt und dies durch die Glaubenstaufe bezeugt (die Kindertaufe wird meist abgelehnt).


1.3.1. Die Gemeinschaftsbewegung

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand innerhalb der evangelischen Kirche eine Frömmigkeitsbewegung, die als "Barockpietismus" bezeichnet wird. Nicht im Gegensatz, aber doch in Ergänzung zur altprotestantischen Orthodoxie genügte dem Pietismus nicht das Festhalten und Rezitieren der objektiven Heilslehre, wie sie von den orthodoxen Dogmatikern aufgestellt worden war. Der neuen Bewegung ging es vielmehr um die subjektive Aneignung und Erfahrung des christlichen Glaubens, um Herzensfrömmigkeit und tätige Nächstenliebe. Der Pietismus hat tiefe Spuren in der Volksfrömmigkeit und im kirchlichen Leben hinterlassen und in der über hundert Jahre später einsetzenden Erweckungsbewegung (Revival, Réveil) eine Renaissance erlebt. Diese, deren Blütezeit nach 1815 begann und die als Reaktion auf die "damaligen kirchlichen Verhältnisse verstanden werden" kann, nahm in Deutschland keinen einheitlichen Verlauf. Manche Landschaften wurden von ihr entscheidend beeinflußt, "andere blieben dagegen merkwürdig unberührt ...". Besonders dort, wo bereits pietistische Versammlungen bestanden (in Württemberg, am Niederrhein und im Siegerland), fand die Erweckungsbewegung vorbereiteten Boden und breitete sich rasch aus. Als Folge der erwecklichen Aufbrüche wurden einerseits die noch von der pietistischen Bewegung her bestehenden Konventikel belebt und andererseits viele neue Versammlungen gegründet. Diese schlossen sich zu überregionalen Verbänden zusammen (z.B. 1849 der Ev. Verein für Innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses in Baden; 1863 der Herborn-Dillenburger Verein), blieben zugleich aber weiterhin ihren jeweiligen Kirchen treu. Im Zentrum dieser Gemeinschaftskreise stand, wie schon im Pietismus, das Studium der Heiligen Schrift und das gemeinsame Gebet zur persönlichen Auferbauung. Doch war es den erweckten Christen auch ein dringliches Bedürfnis, das ihnen zuteil gewordene Heil anderen Menschen zu bezeugen. So kommt es zur Gründung mancher Werke der Inneren (z.B. 1833 Rauhes Haus in Hamburg) und Äußeren Mission (z.B. 1849 Hermannsburger Mission).
Bis Mitte der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hatte als Folge der Erweckungsbewegung das Gemeinschaftswesen einen festen Platz in der evangelischen Kirche eingenommen. "Diese verhältnismäßig kleinen Gemeinschaftskreise bildeten die pietistische Strömung, die die methodistischen Einflüsse und Anstöße der Oxfordbewegung von 1875 aufnahm und zu einer neuen kraftvollen Bewegung vereinigte, die man allgemein als Gemeinschaftsbewegung bezeichnete."

Vom 29. August bis zum 7. September 1874 fand in Oxford eine Konferenz statt, an der führende Vertreter der deutschen Erweckungsbewegung teilnahmen. Hauptredner der Tagung war der Fabrikant Robert Pearsall Smith, ein Amerikaner, der 1858 eine Bekehrung erlebt hatte und von der nordamerikanischen Erweckungs- und Heiligungsbewegung beeinflußt worden war. Smith war Anhänger der Boardmanschen Heiligungslehre, nach der der Gläubige über die Stufen von Rechtfertigung und Heiligung zu dem "höheren christlichen Leben" gelangen könne. Darunter verstand Smith, daß der Gläubige durch Christi Erlösung nicht nur die Vergebung seiner Schuld, sondern auch die Befreiung vom Zwang zur Sünde habe. Nehme er diese im Glauben in Anspruch, so könne er ständigen Sieg über die Sünde haben.
Großen und bleibenden Eindruck hinterließen die "Segenstage von Oxford" bei fast allen der 3.000 Teilnehmer aus den verschiedensten Kirchen und Denominationen. Sie nahmen ihre Erfahrungen mit in ihre Länder und Kirchen auf dem europäischen Festland und bereiteten dadurch eine größere Heiligungsbewegung vor. Smith selbst kam 1875 auf den Kontinent und hielt in Deutschland und der Schweiz stets gut besuchte Versammlungen ab. Die Christen rief er auf, die durch den Sohn Gottes vollbrachte Überwindung der Sünde im Glauben zu erfassen und so im Heiligungsleben ständig voranzuschreiten. Seine Überzeugungen fanden in den meisten Gemeinschaftskreisen dankbare Aufnahme, so daß zwischen den deutschen Gemeinschaften und der englisch-amerikanischen Heiligungsbewegung enge Kontakte entstanden.
Im Juni 1875 fand eine zweite Heiligungskonferenz in Brighton statt. Thema, Verlauf und Ergebnis waren der Oxford-Tagung sehr ähnlich. Unter den etwa 8.000 Teilnehmern befanden sich 1.000 ausländische, davon nicht wenige aus Deutschland. Viele konnten wieder von einer bislang noch nicht erfahrenen Vertiefung ihres Glaubens berichten. Smith, der im Verlauf von Privatgesprächen einige unbiblische Lehren vertreten hatte und zudem wieder - wohl als Folge von Überanstrengung - an einer alten Krankheit zu leiden begann, verließ bald nach der Konferenz England. Er hat nie mehr auf den englischen Heiligungskonferenzen, die nach 1875 in Keswick abgehalten wurden, gepredigt. Der Einfluß seiner Lehre von der völligen Heiligung durch den Glauben auf die deutschen Gemeinschaften aber blieb bestehen und darf nicht unterschätzt werden. Sie wurde durch führende Männer aus deutschen Gemeinschaftskreisen, die den englischen Konferenzen beigewohnt hatten, im ganzen Deutschen Reich verbreitet und fand in vielen der nach geistlicher Erneuerung verlangenden Gemeinschaften ein großes Echo. Anfang des letzten Jahrhunderts erlebte diese Lehre im Zwei-Stufen-Heilsweg der Pfingstbewegung und der Lehre Jonathan Pauls vom "reinen Herzen" einen vorläufigen Höhepunkt.

Unter den im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zahlreichen und verschiedenen Gemeinschaften, die aus der Erweckungsbewegung hervorgegangen waren und durch die Heiligungsbewegung eine Neubelebung erfahren hatten, wurde angesichts des im Volk zunehmend um sich greifenden Desinteresses an religiösen Fragen der Wunsch und die Verantwortung lebendig, durch Evangelisation die dem Glauben an Gott entfremdeten Menschen zu erreichen. Im Jahre 1884 wurde unter der Federführung von Theodor Christlieb der "Deutsche Evangelisationsverein" gegründet, dessen erster Evangelist Elias Schrenk war. Schrenk, der schon einige Evangelisationen in der Schweiz gehalten hatte, wies mit Nachdruck darauf hin, daß Evangelisation nur in Verbindung mit örtlichen christlichen Gemeinden durchgeführt werden könne; denn die Neubekehrten brauchten Weiterführung und Vertiefung ihres Glaubens. Da aber viele Pfarrer zur Zusammenarbeit mit einem Evangelisten nicht bereit waren, wurden die Neubekehrten zwangsläufig in die schon bestehenden Gemeinschaften eingeführt. "Damit hat die beginnende Evangelisationsbewegung wohl am stärksten das Gemeinschaftswesen gefördert und im wesentlichen dazu beigetragen, daß die aufkommende Gemeinschaftsbewegung ein solch großes Ausmaß annehmen konnte."
Damit sind die beiden wichtigsten Kennzeichen der Gemeinschaftsbewegung genannt worden: einmal die Evangelisation, die als Unterstützung des geordneten geistlichen Amtes verstanden wird, und dann die Sammlung der Gläubigen in Gemeinschaftsgruppen, also die Gemeinschaftspflege zum Zwecke der Erbauung des Einzelnen.

Der Wunsch zahlreicher maßgebender Vertreter der verschiedenen Gemeinschaften Deutschlands nach einer organisatorischen Ausgestaltung derselben führte 1888 zur ersten Gnadauer Pfingstkonferenz. Es versammelten sich 142 Teilnehmer aus fast allen Gegenden des Deutschen Reiches, die zugleich Repräsentanten der bestehenden Gemeinschaften waren. Bis zur Gründung des "Deutschen Verbandes für ev. Gemeinschaftspflege und Evangelisation" (Gnadauer Verband) sollten indessen noch neun Jahre vergehen. Diese am 27. Oktober 1897 gegründete Dachorganisation der deutschen Gemeinschaftsverbände steht auf dem Boden der Heiligen Schrift und der reformatorischen Bekenntnisschriften, und zwar sowohl der lutherischen wie der reformierten, je nachdem, zu welcher Landeskirche der einzelne Gemeinschaftsverband gehört. Doch will der Gnadauer Verband keineswegs die Eigenarten der beiden großen evangelischen Konfessionen ignorieren, sondern sich vielmehr als eine kirchenübergreifende Gemeinschaft bemühen, den einen die protestantischen Kirchen überspannenden Glauben hervorzuheben. Dabei vertritt er selbst weder ein einheitliches Kirchen- noch Sakramentsverständnis. Wichtig war den Gründern des Gnadauer Verbandes stets der Wunsch, innerhalb der Kirche zu wirken und jeglichen separatistischen Tendenzen entgegenzutreten. Wegweisend für das Verhältnis zur Kirche ist der Theodor Christlieb zugeschriebene Satz geworden: "Wir Gnadauer wollen sein in der Kirche, wenn möglich mit der Kirche, aber nicht unter der Kirche".

Rückblickend kann man sagen, daß die deutsche Gemeinschaftsbewegung im wesentlichen zwei Wurzeln entsprungen ist: zunächst der Erweckungsbewegung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (die ihrerseits eng mit dem Pietismus verknüpft war), dann aber auch der Heiligungsbewegung des angelsächsischen Raumes, die zu einer Neubelebung der aus der Erweckungszeit stammenden Gemeinschaften und zugleich zur Gründung neuer christlicher Gruppen führte.

Obgleich der Gnadauer Verband von Krisen nicht verschont wurde (Einbruch der Pfingstbewegung, Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen, Verlust verschiedener Verbände und Werke im Osten als Folge des Zweiten Weltkrieges), gehören ihm heute etwa 30 selbständige Gemeinschaftsverbände, mehrere theologische Ausbildungsstätten und zahlreiche andere Einrichtungen an. Die theologische Haltung der Gemeinschaftsbewegung führte dazu, daß sie in den nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt aufbrechenden Diskussionen um die "moderne" Theologie schon frühzeitig öffentliche Stellungnahmen abgab, in denen zur Achtung vor Schrift und Bekenntnis aufgerufen wurde.


1.3.2. Der Pietismus in den Freikirchen

Die Freikirchen in Deutschland stehen keineswegs alle in unmittelbarer Tradition von Pietismus und Erweckungsbewegung. So reichen etwa die Ursprünge der Mennoniten bis ins 16. Jahrhundert zurück. Auch die Baptisten blicken auf eine fast 400-jährige Tradition: Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden aus der damaligen englischen puritanisch-kongregationalistischen Oppositionsbewegung die ersten Baptisten- Gemeinden. - Als direkt aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts hervorgegangen gelten die Freien evangelischen Gemeinden, deren erste deutsche Gemeinde 1854 gegründet wurde, sowie die auf John N. Darby zurückgehende Christliche Versammlung, die seit 1847 in Deutschland Fuß faßte und heute zum Teil dem Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden angehört. Aber wenn auch nicht alle Freikirchen in ihren Ursprüngen auf die Erweckungsbewegung zurückgehen, so wurden sie doch durch sie entscheidend mitgeprägt und sind bis in die Gegenwart in ihrem Frömmigkeitstyp mit der Gemeinschaftsbewegung eng verwandt.
Die heute in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zusammengeschlossenen Kirchen - die sogenannten "klassischen" Freikirchen - sind sämtlich, wenn auch unterschiedlich stark, von pietistischer Frömmigkeit geprägt. Die stärkste pietistische Prägung findet sich wohl im Bund Freier ev. Gemeinden, da seine Entstehung (vgl. oben) unmittelbar auf die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

Die große Bedeutung der Freikirchen für die EB wird erkennbar, wenn man bedenkt, daß der Hauptvorstand der DEA, der schon - zu Unrecht - als "Kirchenleitung" der Evangelikalen bezeichnet wurde, bis zu 50 Prozent aus freikirchlichen Theologen zusammengesetzt ist. Außerdem stellten die Freikirchen in den letzten drei Jahrzehnten stets den Vorsitzenden des Hauptvorstandes.

Sowohl für die Gemeinschaftsbewegung als auch für die Freikirchen gilt, daß sie einerseits als wesentliche Wurzel der deutschen EB anzusehen sind. Andererseits aber sind sie zugleich ein Teil der EB; denn es ist davon auszugehen, daß weit mehr als die Hälfte der insgesamt etwa 1,3 Millionen Evangelikalen Deutschlands dem landes- und freikirchlichen Pietismus zuzurechnen ist, der in der Deutschen Ev. Allianz eine überkonfessionelle Plattform gefunden hat.


1.4. "Bekenntnisorientierte" Christen der evangelischen Landeskirchen

In der evangelischen Kirche hat es auch seit der Aufklärung immer Menschen gegeben, die an der Gültigkeit der altkirchlichen Symbole und reformatorischen Bekenntnisschriften festgehalten, deren buchstäbliches Verständnis vertreten und sie als die rechte Auslegung und Erklärung der Heiligen Schrift verstanden haben. Es kann hier nicht der Beweis erbracht werden, daß diese Behauptung für jede einzelne Generation seit dem Aufkommen der Bibelkritik gilt. Doch sollen beispielhaft einige Gruppen und Einzelpersonen genannt werden, die überwiegend dem konfessionell geprägten Luthertum zuzurechnen sind und sich gegen den zunehmenden Einfluß bibel- und bekenntniskritischer Anschauungen wandten.

Die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts war trotz aller Vielfältigkeit der Erscheinungsformen durch eine grundlegende Gemeinsamkeit gekennzeichnet: "Sie entzündet sich überall an einem leidenschaftlichen, alle emotionalen Tiefen aufreißenden Gegensatz zum Aufklärungschristentum ...". Dieser Gegensatz zur Aufklärung fand seinen Ausdruck sowohl in der Forderung nach Bekehrung und Glauben an Jesus Christus als Bedingung für die Errettung des Menschen wie auch - teilweise - in der bewußten Aufnahme der von der altprotestantischen Orthodoxie vorgegebenen Lehren: "... gegenüber der kirchliche Lehre und Sitte auflösenden Wirkung des Rationalismus wollte man wieder bewußt rechtgläubig sein." Nachdem die Erweckungsbewegung, regional unterschiedlich stark, auch manche Geistlichen der Landeskirchen ergriffen hatte, kam es in verschiedenen Kirchen zu einer konfessionellen Neubesinnung (Neuluthertum). Die Bekenntnisschriften wurden wieder entdeckt als "kirchliches Einheitsband" und als "Zusammenfassung der schriftgemäßen Wahrheit". In der Evang.-Luth. Kirche in Bayern waren es besonders Wilhelm Löhe und Adolf von Harleß, in Preußen war es Ernst Wilhelm Hengstenberg und in Norddeutschland Claus Harms, die den Kampf gegen den Rationalismus aufnahmen und die reformatorischen Bekenntnisschriften als die sachgemäße Auslegung der Heiligen Schrift betrachteten. Im universitären Raum war es vor allem die Theologische Fakultät der Universität Erlangen, die mit der Berufung von mit der Erweckungsbewegung in Kontakt stehenden Theologen (A. v. Harleß; J.W.F. Höfling u.a.) mehr als ein halbes Jahrhundert lang zu einem Zentrum konfessionell gebundener (lutherischer) Theologie wurde (Erlanger Schule).

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts steht die konfessionell orientierte Theologie hauptsächlich in der Auseinandersetzung mit dem sich verstärkenden theologischen Liberalismus; auch hier ist es wieder besonders die lutherische Kirche in Bayern, die zum Festhalten an den überlieferten Bekenntnissen mahnt. Nach 1918, als das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments gekommen war, wurde die Bekenntnisfrage aus kirchenpolitischen Gründen aktuell, da die Landeskirchen vor die Aufgabe der Reorganisation gestellt waren. Doch erst von 1933 an wurde die Bedeutung des Bekenntnisses in einer bisher nicht dagewesenen Weise erfahren. Der "Kirchenkampf" während der zwölfjährigen nationalsozialistischen Diktatur veranlaßte Christen verschiedener Bekenntnisse - ihre eigenen Traditionen nicht vergessend, aber zurückstellend -, sich angesichts einer radikalen antichristlichen Bedrohung auf ein gemeinsames Bekenntnis zu verständigen. - In dieser Tradition stehend versteht sich auch die seit Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts aufgekommene Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium". Der von ihr ausgefochtene Streit ist für ihr Verständnis der "zweite Kirchenkampf". Er hat an zwei Stellen auffallende Parallelen zum ersten Kirchenkampf während des Nationalsozialismus: Die Bedrohung des christlichen Glaubens wird als "radikal" empfunden, und Christen unterschiedlicher Bekenntnisse vereinen sich zu diesem Kampf, ohne jedoch ihre Herkunft zu verleugnen.

Die theologiegeschichtlichen Wurzeln der Bekenntnisbewegung liegen in zwei Bereichen: Insofern, als die Bekenntnisbewegung beim wörtlichen Verständnis der altkirchlichen Symbole und der reformatorischen Bekenntnisschriften verharrt, sind ihre Wurzeln in der Erweckungsbewegung und der von ihr beeinflußten konfessionell geprägten Theologie, wie sie in diesem Kapitel kurz angesprochen wurde, zu suchen. Insofern aber, als sich in der Bekenntnisbewegung Christen verschiedener evangelischer Denominationen zusammengefunden haben, um - Besonderheiten ihrer Bekenntnisse zurückstellend - für die zentralen "Heilstatsachen" (wie sie etwa von der Alten Kirche im Apostolikum formuliert wurden) zu streiten, sind Analogien zum Kirchenkampf des Dritten Reiches zu konstatieren.

Aus den hier skizzierten drei Wurzeln des deutschen Evangelikalismus - der angelsächsischen EB, dem landes- und freikirchlichen Pietismus und den "bekenntnisorientierten" Christen - geht seit Mitte der sechziger Jahre die deutsche EB hervor. Sie stellt sich in drei Strömungen dar:
1. Die Evangelikalen im Umfeld der DEA, die auf den landes- und freikirchlichen Pietismus zurückgehen und auch Elemente der angelsächsischen EB in sich aufgenommen haben;
2. Die Evangelikalen der Bekenntnisbewegung, die in der Tradition der "bekenntnisorientierten" Kreise innerhalb der evangelischen Kirchen früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte stehen;
3. Die Pfingst-Evangelikalen, die sich aus dem landes- und freikirchlichen Pietismus sowie der amerikanischen Pfingstbewegung herleiten. Zwischen diesen drei evangelikalen Strömungen (Allianz-, Bekenntnis- und Pfingst-Evangelikalen) gibt es zahlreiche Berührungspunkte und Querverbindungen, die eine eindeutige Abgrenzung dieser drei Strömungen, die im Folgenden dargestellt werden sollen, sehr erschweren.


(Zu diesen drei Strömungen kommt ab etwa 1985 noch eine vierte hinzu, die sogenannten "unabhängigen Evangelikalen". Ihr Wurzelgrund und ihre Entwicklung wird in Punkt 2.4. dargestellt.)