Unabhängige Evangelikale

Auf den vorstehenden Seiten ist die Entstehung und Entwicklung der Evangelikalen Bewegung Deutschlands im Zeitraum von 1965 bis 1985 untersucht worden. Für diese Zeit lassen sich, wie dargestellt, drei evangelikale Strömungen beschreiben, die durch personelle Verflechtungen miteinander verbunden waren und sind: Die Allianz-Evangelikalen, die Bekenntnis-Evangelikalen und die Pfingst-Evangelikalen. Evangelikale im Umfeld der Deutschen Evangelischen Allianz gehen vor allem auf den landes- und freikirchlichen Pietismus zurück und engagieren sich im missionarischen (Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen, ProChrist-Evangelisationen, Willow-Creek-Bewegung), pädagogischen (evangelikale Bekenntnisschulen, Bibelschulen und theologische Seminare) und diakonischen Bereich (Krankenhäuser und Altenheime, Drogenrehabilitation, Biblisch-therapeutische Seelsorge). - Bekenntnis-Evangelikale treten besonders für die Geltung von Schrift und Bekenntnis ein. Sie haben sich in der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" und in der Konferenz Bekennender Gemeinschaften formiert, kommen überwiegend aus den Landeskirchen und kämpfen für das wörtliche Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse. Bekenntnis-Evangelikale gründen in der Regel keine neuen Werke, wie dies die Allianz-Evangelikalen tun; vielmehr konzentrieren sie sich auf die literarische Arbeit, verfassen neue Glaubensdokumente1 wie etwa die Frankfurter Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission (1970) und wirken publizistisch durch ihren Informationsbrief der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium", der seit 1966 zweimonatlich an eine große Lesergemeinde kostenlos versandt wird. - Die Pfingst-Evangelikalen umfassen sowohl die klassischen Pfingstgemeinden, wie sie sich seit Entstehung der Pfingstbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt haben, wie auch die als neupfingstlerisch oder charismatisch bezeichneten Gruppierungen, die seit fast 40 Jahren zur konfessionellen Vielfalt Deutschlands einen nicht unerheblichen Beitrag leisten. Diese stark missionarisch wirkenden Gemeinden betonen die im Neuen Testament erwähnten Charismen mit einer Vorliebe für spektakuläre Gaben wie Sprachenrede, Krankenheilung und Prophetie. Nicht wenige dieser Gruppierungen bewegen sich mit ihrem häufig einseitig stark enthusiastisch geprägten Frömmigkeitsstil und ihren partiell über das biblische Zeugnis hinausgehenden Lehren am Rande zum Sektenhaften2. Gleichwohl sind die Pfingst-Evangelikalen zum breiten Strom der Evangelikalen Bewegung zu zählen. Denn auch sie vertreten die typisch evangelikalen Grundpositionen: Die Bibel ist Gottes Wort und verbindlich für Lehre und Leben; Jesus Christus ist der einzige Weg zu Gott; Bekehrung zu Christus und persönlicher Glaube an den vom Tode auferstandenen Jesus ist heilsnotwendig; Jesus wird sichtbar für alle wiederkommen und sein Reich aufrichten.

Neben den genannten drei Zweigen der deutschen Evangelikalen Bewegung hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein vierter Zweig gebildet, der bisher kaum beachtet wurde, inzwischen aber wegen seiner Größe und Dynamik nicht mehr übersehen werden kann. Es handelt sich um die unabhängigen Evangelikalen, deren Theologie zwar streng evangelikal ist, die sich aber keinem der drei bisherigen evangelikalen Zweige verbunden fühlen. Zu ihnen zählen zunächst die rußlanddeutschen Aussiedlergemeinden, die heute in allen Teilen Deutschlands anzutreffen sind, und dann die in der Konferenz für Gemeindegründung verbundenen Gemeinden, die durch einen darbystischen Frömmigkeitstyp und einen starken missionarischen Impetus charakterisiert sind.


2.4.1. Evangelikale Aussiedlergemeinden

Die Zarin Katharina II. warb seit 1763 um Ausländer, die nach Rußland kommen und dem Riesenreich wirtschaftlich helfen sollten. Da Katharina großzügige Versprechungen machte (Glaubensfreiheit, Freiheit vom Kriegsdienst, Recht auf Landzuteilung usw.) und da der Siebenjährige Krieg (1756-1763) viel Not mit sich gebracht hatte, entschieden sich viele Deutsche für eine Auswanderung nach Rußland. Unter ihnen waren Lutheraner, Katholiken und auch Mennoniten. Ihre deutsche Kultur, ihre Sprache und ihren Glauben pflegten die Einwanderer sehr gewissenhaft. Geheiratet wurde in der Regel nur untereinander, so daß eine klare Trennung zwischen der einheimischen russischen und ukrainischen Bevölkerung einerseits und den deutschen Einwanderern andererseits erhalten blieb3.

Im 19. Jahrhundert gab es unter den Mennoniten pietistisch geprägte Erweckungen, die zu einem neuen Aufleben des christlichen Glaubens unter vielen Siedlern führte. Auch besuchten Pastoren deutscher Baptistengemeinden die deutschen Kolonien in Rußland und gründeten baptistisch geprägte Kirchen. Mit der Machtübernahme der Kommunisten verschlechterte sich die Situation der deutschen Siedler jedoch zusehends, und es kam in den zwanziger Jahren zu einer großen Auswanderungswelle. Unter der stalinistischen Schreckensherrschaft fanden viele der zurückgebliebenen Deutschen den Tod oder wurden in andere Teile des russischen Reiches umgesiedelt. Während und nach dem zweiten Weltkrieg kamen Tausende deutscher Siedler durch Kriegshandlungen, Hunger und Mißhandlungen ums Leben. Erst seit den fünfziger Jahren besserte sich die Lage langsam und erste Deutschstämmige erhielten die Erlaubnis, nach Deutschland heimzukehren. Mitte der siebziger Jahre begann die Rückwanderung stärker zu werden und schwoll in der Gorbatschow-Ära Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre zu einem breiten Strom an. Inzwischen sind die meisten Rußlanddeutschen in das Land ihrer Vorfahren heimgekehrt. Unter den knapp vier Millionen Umsiedlern aus dem gesamten Ostblock befinden sich fast zwei Millionen aus der ehemaligen Sowjetunion. Unter diesen zwei Millionen sind nach vorsichtigen Schätzungen etwa 70.000 Mitglieder täuferischer Gemeinden. In täuferische, also baptistisch oder mennonitisch geprägte Gemeinden wird nur als Mitglied aufgenommen, wer aufgrund seines persönlichen Bekenntnisses zu Jesus Christus die Glaubenstaufe empfangen hat. Da die Aussiedler kinderreiche Familien haben und traditionell jeder - auch wenn er noch nicht getauft wurde und somit kein Mitglied ist - mit zur Kirche geht, ist davon auszugehen, daß die Zahl täuferisch geprägter Aussiedler bedeutend höher ist als die Zahl der Mitglieder. Schätzungen sprechen von etwa 200.000 nicht getauften Familienangehörigen4.

Da die rußlanddeutschen Baptisten und Mennoniten die in Deutschland vorgefundenen Gemeinden häufig als zu wenig bibelorientiert empfanden, haben sie eigene Gemeinden gegründet. Deren Zahl schätzt man auf gegenwärtig 350. Sie gehören verschiedenen Bünden an, z.B. der Bruderschaft der Christengemeinden, der Vereinigung der Evangeliums-Christen-Baptistengemeinden, dem Bund Taufgesinnter Gemeinden, der Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Gemeinden usw.
Die Gottesdienste der Aussiedlergemeinden sind sehr gut besucht. Eine Umfrage unter evangelischen Kirchen und Freikirchen ergab, daß unter den 25 am besten besuchten evangelischen Gottesdiensten in Deutschland 15 freikirchliche Aussiedlergemeinden sind5. Eine Analyse von Lehre und Leben der Aussiedlergemeinden zeigt sogleich ihre pietistisch-evangelikale Verwurzelung. Würde man die deutsche Evangelikale Bewegung in ein Spektrum von rechts bis links einteilen, wobei rechts bedeuten würde: Glaube an die Irrtumslosigkeit der Bibel in allen ihren Aussagen, und links bedeuten würde: Glaube, daß die Bibel nur hinsichtlich ihrer Lehre über den Weg zur Seligkeit irrtumslos ist, aber in historischen und naturwissenschaftlichen Fragen irren kann, dann sind die baptistisch-mennonitischen Aussiedler auf jeden Fall am rechten Flügel einzuordnen.

Interessant ist nun, daß die Aussiedlergemeinden bis vor wenigen Jahren selbst von deutschen Evangelikalen kaum wahrgenommen wurden. Eine Ausnahme bildete der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, der mit 88.000 Mitgliedern zur Zeit die größte evangelische Freikirche Deutschlands darstellt. In diesem Bund haben sich deutsche Baptisten- und Brüdergemeinden zusammengeschlossen. Der Bund hat sich sehr um eine Integration seiner baptistischen Glaubensgeschwister aus Osteuropa bemüht und viele Gespräche mit Repräsentanten der täuferischen Aussiedler geführt. Dennoch hat sich nur ein kleiner Teil der Aussiedler (etwa 7.000) den deutschen Baptisten angeschlossen. Als Gründe werden genannt die zu großen kulturellen Unterschiede zwischen Aussiedlern und Hiesigen sowie eine nach Meinung vieler Aussiedler zu schwache biblische Orientierung der hiesigen Gemeinden6.

Neben ihren eigenen Gemeinden haben die Aussiedler auch verschiedene christliche Werke ins Leben gerufen. Am 1993 gegründeten Bibelseminar Bonn werden Studierende für den pastoralen und missionarischen Dienst ausgebildet. Das Seminar bietet einen dreijährigen Studiengang auf College-Ebene und einen zweijährigen Aufbaustudiengang auf Master-Ebene an. Letzterer führt in Zusammenarbeit mit einer US-amerikanischen Hochschule zu einem Master-Abschluss. Mit zur Zeit (2000) 250 Studierenden in allen Studiengängen (Tages-, Abend- und Fernschule) ist das Bibelseminar Bonn eines der größten theologischen Seminare in Europa.

Während sich in der Anfangszeit die missionarischen und humanitären Projekte der Aussiedler vor allem auf Osteuropa konzentrierten, arbeiten ihre Missionare heute auf allen Kontinenten. Gleichwohl liegt der Schwerpunkt der Aktivitäten immer noch im Bereich der früheren Sowjetunion. Dort arbeiten die Aussiedler auch besonders effektiv. Denn weil sie mit Sprache und Kultur Rußlands vertraut sind, benötigen Aussiedler, die vor 10 Jahren nach Deutschland heimkehrten, hier eine theologische Ausbildung absolvierten und dann als Missionare oder Gemeindegründer wieder in ein Land der GUS gehen, nur eine ganz kurze Eingewöhnungszeit. Zugleich aber unterstützen von Aussiedlern in Deutschland gegründete Missionswerke russische und ukrainische Missionare und versorgen die Gemeinden in der GUS mit humanitärer Hilfe. Zu den großen Missionswerken der Aussiedler gehören Friedensstimme, Friedensbote, LOGOS und das Internationale Centrum für Weltmission. Letzteres zählt mit 150 unterstützten Missionaren zu den größten evangelischen Missionswerken in Deutschland und ist seit kurzem auch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen7, einem Dachverband evangelikaler Missionsgesellschaften, der nach eigenen Angaben etwa 70 Prozent aller protestantischen Missionare Deutschlands repräsentiert.

Die baptistisch-mennonitischen Aussiedler fühlen sich keinem der drei Zweige der deutschen Evangelikalen Bewegung verbunden. Die Pfingstbewegung wird generell abgelehnt; schwärmerisch-enthusiastisch geprägte Frömmigkeit ist den durch viel Leid gegangenen Aussiedlern realitätsfern. Zur Bekenntnisbewegung haben sie keinerlei Verhältnis, da sie als erst vor wenigen Jahren nach Deutschland eingereiste freikirchliche Gläubige keinen historischen Bezug zum Kirchenkampf im Dritten Reich oder zur Auseinandersetzung mit der bibelkritischen Theologie in den Landeskirchen besitzen. Am ehesten können die Aussiedler noch etwas mit der Evangelischen Allianz anfangen. Doch auch hier gibt es nur zaghafte Annäherungsversuche. Denn viele Aussiedler sehen in der Allianz eine Art Ökumenischer Rat der Kirchen. Letzteren aber lehnen sie aus theologischen Gründen entschieden ab.

Während sich das Wachstum der Aussiedlergemeinden bis Mitte der neunziger Jahre atemberaubend schnell vollzog - der ständige Zuzug von Aussiedlern aus Osteuropa sowie missionarische Bemühungen unter Aussiedlern in Deutschland ließen die Gemeinden explosionsartig wachsen - haben sich die Wachstumszahlen inzwischen auf unter 10 Prozent jährlich eingependelt und die Gemeindeleiter arbeiten nun an der Konsolidierung ihrer Kirchen.

Für die deutschen Evangelikalen stellen die Aussiedler auf jeden Fall eine Herausforderung dar. Ihre unbedingte Treue zur Heiligen Schrift, ihre Leidensbereitschaft, Opferwilligkeit und ihre engagierte Mitarbeit in der Gemeinde fordern träge gewordene deutsche Evangelikale heraus, Gott wieder den ersten Platz in ihrem Leben und in ihren Gemeinden einzuräumen.


2.4.2. Die Konferenz für Gemeindegründung

Eine weitere evangelikale Gruppierung, die bewußt unabhängig von den anderen Zweigen der deutschen Evangelikalen arbeitet, sind die Gemeinden im Umfeld der Konferenz für Gemeindegründung (KfG). 1977 gründete der freikirchliche Prediger Eckehard Strickert die Deutsche Gemeinde-Mission. Strickert sah, daß in Deutschland wohl die meisten Menschen einer christlichen Kirche angehören, aber die wenigsten eine wirkliche Glaubensbeziehung zu Jesus Christus haben. Um Menschen zum Glauben an Christus zu rufen, hielt er die Gründung von bibeltreuen Gemeinden, die sich am Vorbild der neutestamentlichen Urgemeinde orientieren, für einen erfolgversprechenden Weg. Aus der Deutschen Gemeinde-Mission ging dann 1983 die KfG hervor. Mit ihr verbundenen fühlen sich etwa 200 Gemeinden, die teilweise erst in den letzten Jahren entstanden sind (z.B. die Biblischen Missionsgemeinden in Süddeutschland), teilweise aber der darbystischen Brüderbewegung zuzurechnen sind8. Die Brüderbewegung, die auf den ehemaligen anglikanischen Priester John Nelson Darby (1800-1882) zurückgeht9, faßte ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland Fuß und ist gekennzeichnet u. a. durch eine starke Betonung der Unabhängigkeit der Ortsgemeinde, des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen (verbunden mit einer latenten Ablehnung von ordinierten Pastoren) und der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift. Von den insgesamt etwa 40.000 Mitgliedern von darbystisch geprägten Brüdergemeinden in Deutschland sind 16.000 völlig unabhängig und pflegen keinerlei Kontakte zu anderen Evangelikalen (die sogenannten "Exklusiven"), 10.000 sind im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden beheimatet, und 14.000, die sich als "Freie Brüdergemeinden" bezeichnen10, stehen der KfG nahe. Eine Zahl von Gottesdienstbesuchern jener Gemeinden anzugeben, die mit der KfG verbunden sind, ist schwierig; Schätzungen sprechen von 20.000 bis 30.000 Personen. Mit ihrer viermal jährlich erscheinenden Zeitschrift Gemeindegründung wirkt die KfG verbindend und zugleich lehrbildend unter den ihr nahestehenden Gemeinden.

Gemeinden im Umfeld der KfG lassen sich keiner der bisherigen drei Zweige der Evangelikalen Bewegung zuordnen. Da man den Landeskirchen schon wegen ihrer Staatsnähe ablehnend gegenüber steht, bestehen auch kaum Verbindungen zu innerhalb der Landeskirchen arbeitenden Bekenntnis-Evangelikalen. Die Pfingst-Evangelikalen werden gemieden, weil man glaubt, heute gebe es keine außerordentlichen Charismen wie Sprachenrede oder Prophetie mehr, und zu den Allianz-Evangelikalen hat man ebenfalls kaum Kontakte, da die Evangelische Allianz den Schulterschluss mit der Pfingstbewegung anstrebt und sich auch in anderen Bereichen mehr und mehr dem "Zeitgeist" öffne.
Dennoch besitzen die der KfG nahestehenden Gemeinden ein eindeutiges evangelikales Profil. Ähnlich wie die Evangelikalen der Aussiedlergemeinden vertreten sie die Irrtumslosigkeit der Bibel in allen ihren Aussagen und betonen die Verpflichtung der Christen, allen Menschen die Botschaft von Jesus Christus mitzuteilen.

Bisherige Untersuchungen zur deutschen Evangelikalen Bewegung gingen davon aus, daß mit insgesamt etwa einer Million evangelikal geprägter Christen zu rechnen ist. Zu den Allianz-Evangelikalen rechnen sich ca. 500.000, zu den Bekenntnis-Evangelikalen 300.000 bis 500.000 und zu den Pfingst-Evangelikalen etwa 100.00011. Vor allem der Zuzug der evangelikal geprägten Aussiedler hat zum Anwachsen der Evangelikalen geführt. Der beschriebene vierte Zweig der Evangelikalen Bewegung, die unabhängigen Evangelikalen, vereint etwa 300.000 Gläubige, so daß heute von insgesamt ca. 1,3 Millionen Evangelikalen ausgegangen werden kann12.