Die Pfingstbewegung

Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet in Kapitel 2 darüber, daß an jenem Pfingstfest, das auf die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi folgte, der Heilige Geist auf die zwölf Apostel ausgegossen wurde, so daß sie "anfingen, in anderen Sprachen (oder: Zungen) zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen" (Apg 2,4). Da die Zungenrede an dem genannten Pfingstfest erstmals unter den Jüngern Jesu auftrat, werden jene christlichen Kreise, die das Zungengebet besonders pflegen, unter der Bezeichnung "Pfingstbewegung" zusammengefaßt.
Obwohl es im Verlauf der Kirchengeschichte verschiedene Beispiele von Christen gibt, die das Charisma der Sprachenrede besaßen4, ist der Begriff "Pfingstbewegung" für jenen Aufbruch reserviert, der Anfang unseres Jahrhunderts in den USA erfolgte. Schon im 19. Jahrhundert konnte eine Verdichtung charismatischer Aufbrüche registriert werden, die in immer weiteren Kreisen Interesse am Wirken des Heiligen Geistes weckten5. Charles F. Parham, der Leiter einer Bibelschule in Topeka, Kansas (USA), betrachtete nach intensivem Studium der Apostelgeschichte die Zungenrede als Erkennungsmerkmal für die Geistestaufe6. Auf Grund dieser Überzeugung suchten er und die Schüler seiner Bibelschule die Gabe der Zungenrede. Am 1. Januar 1901 sprach die erste Person in Zungen, wenige Tage später hatten auch die meisten anderen Bibelschüler diese Gabe empfangen7. Dieses Ereignis wird gewöhnlich als Beginn der Pfingstbewegung betrachtet; "... denn wenn auch andere schon vorher in Zungen geredet hatten, war das doch das erste Mal, daß Personen die Geistestaufe gesucht hatten in der Erwartung, daß das Zungenreden deren Beweis sei."8
Die neue Bewegung breitete sich von Topeka ausgehend auch in anderen Staaten der USA aus, erreichte ihren entscheidenden Durchbruch aber erst fünf Jahre später in Los Angeles. Hier wirkte ein Schüler Parhams, W. J. Seymour. Er mietete eine alte Methodistenkirche in der Azusa Street, wo feurig-enthusiastische Versammlungen abgehalten wurden. "Während drei Jahren fanden hier ununterbrochen Gebetsversammlungen statt mit Zungenreden, Zungensingen und Prophetien."9 Bedeutsam ist, daß in der Anfangszeit der Pfingstbewegung überwiegend Schwarze als Führer auftraten10, was eine Erklärung für den überaus enthusiastischen Charakter der Versammlungen jener Zeit sein kann.
Von Los Angeles aus breitete sich die Pfingstbewegung innerhalb kurzer Zeit über die ganze Erde aus. Nach Europa kam sie durch den norwegischen Methodistenprediger Thomas B. Barratt, der im Jahre 1906 während einer Kollektenreise durch die USA die "Geistestaufe" nach viel Gebet und Fasten erlebte11.
In den deutschen Gemeinschaftskreisen wartete man schon seit einigen Jahren auf eine geistliche Neubelebung. Geschürt wurde diese Erwartung besonders durch die Berichte von Erweckungen in Wales in den Jahren 1904 und 190512. Im März und April 1905 kam es dann in Mülheim an der Ruhr zu erwecklichen Aufbrüchen13. Der Andrang zu den von den Pastoren Girkon und Modersohn durchgeführten Versammlungen war so groß, daß sie über mehrere Wochen fortgesetzt werden mußten. Es kam zu vielen Bekehrungen, auch von dem christlichen Glauben völlig fernstehenden Menschen14, doch blieben die außerordentlichen Charismen (Prophetie, Heilung und Zungenrede) aus. Diese traten erst in Deutschland auf, als zwei norwegische Zungenrednerinnen auf eine Einladung hin nach Hamburg und Kassel reisten15. Vom 7. Juli 1907 an wurden in Kassel erweckliche Versammlungen mit den beiden Norwegerinnen abgehalten, in deren Verlauf viele Besucher in Zungen zu reden begannen16. Anfangs verlief alles geordnet; mit zunehmender Dauer der Veranstaltungen nahmen aber ekstatische Ausbrüche zu17, so daß die Versammlungen auf Drängen der Polizei abgebrochen wurden18.

Unter den Führern der deutschen Gemeinschaftsbewegung bestand weithin Unsicherheit in der Beurteilung der neuen Bewegung. Während zu Beginn der Kasseler Veranstaltungen eher Zustimmung signalisiert wurde19, nahm man nach Bekanntwerden der Ausschreitungen eine distanziertere Haltung ein20. Am Ende zahlreicher Gespräche und verschiedener Erfahrungen mit der neuen Bewegung setzte sich unter den führenden Gemeinschaftsleuten (und teilweise auch Freikirchlern) schließlich die Überzeugung durch, die Pfingstbewegung sei nicht göttlichen, sondern teuflischen Ursprungs.
Dieses harte Urteil, das in der "Berliner Erklärung 1909" mit den Worten: Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten; sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein ..."21 von 56 Führern aus Gemeinschaftsbewegung und Ev. Allianz gefällt wurde, leitete die Entstehung einer selbständigen Pfingstbewegung ein. Denn viele Christen aus der Gemeinschaftsbewegung, die die Erfahrung der "Geistestaufe" gemacht hatten, konnten aufgrund dieses Urteils der Berliner Erklärung nicht mehr im Gnadauer Verband bleiben und gründeten eigene Gemeinschaften22. Nach und nach bildeten die neugegründeten Gemeinden feste Strukturen aus; bald wurde auch ein eigenes Liederbuch (Pfingstjubel) und eine Zeitschrift (Pfingstgrüße) herausgegeben23. - Die Mehrheit der pfingstlich geprägten Kreise orientierte sich an den seit 1909 jährlich stattfindenden Mülheimer Konferenzen24, die dem einen großen Zweig der deutschen Pfingstbewegung den Namen gaben: "Christlicher Gemeinschaftsverband Mülheim (Ruhr)". Diesem seit 1913 bestehenden Verband von Pfingstgemeinden gehören heute etwa 5.000 Mitglieder an25. Daneben gibt es einen zweiten Verband, den "Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland", der bis 1982 "Arbeitsgemeinschaft der Christengemeinden Deutschlands" hieß26. Er entstand 1948 durch einen Zusammenschluß zahlreicher Einzelgemeinden und hat etwa 17.000 Mitglieder27. Während der Mülheimer Verband als eine gemäßigte, d.h. wenig enthusiastische Pfingstkirche gilt, die von ihren Mitgliedern auch nicht den Austritt aus der Landeskirche verlangt und die Kindertaufe anerkennt28, ist der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden enthusiastischer geprägt und bewußt freikirchlich orientiert. Beide Verbände sind - zusammen mit noch drei anderen, kleineren Pfingstkirchen - seit 1979 im "Forum Freikirchlicher Pfingstgemeinden" organisiert, einer Plattform, die der Begegnung und dem Gespräch von Vertretern der verschiedenen deutschen Pfingstrichtungen dient29.


2.3.2. Die Charismatische Bewegung (CB)

Die Pfingtkirchen gehören weltweit zu den am schnellsten wachsenden Denominationen und stellen mit 60 Millionen Mitgliedern nach den Reformierten, Lutheranern und Anglikanern die größte protestantische Kirche dar30. In Deutschland stehen die Pfingstler jedoch im Schatten der Landeskirchen und können keine so großen Zuwachsraten aufweisen wie in anderen Ländern31. - Ganz anders verhält es sich mit der deutschen Charismatischen Bewegung (CB). Sie stellt bisher keine eigene Kirche dar32, hat aber als transkonfessionelle Bewegung Eingang in Landes- wie in Freikirchen gefunden und wird dort wie auch in der katholischen Kirche stark beachtet.

Die CB geht in ihrem Ursprung auf Einflüsse der Pfingstbewegung zurück. Dennis J. Bennett, ein Pastor einer Episkopal-Kirche in Van Nuys, Kalifornien, empfing im November 1959 unter Handauflegung die "Geistestaufe" und die Gabe des Sprachenredens33. Seine Erfahrung war in den außerhalb der Pfingstbewegung stehenden amerikanischen Kirchen ungewöhnlich und erregte schnell Aufsehen, besonders nachdem NEWSWEEK und TIME darüber berichtet hatten34 und in einer Fernsehsendung der in Zungen redende Bennett zu sehen gewesen war35. In den folgenden Jahren entstanden in vielen nichtpfingstlichen Kirchen der USA - auch in der katholischen Kirche - charismatische Gruppen36, die durch bewußtes Einbringen der ganzen Bandbreite neutestamentlicher Charismen eine geistliche Belebung der Gemeinden anstreben, zu denen sie gehören und die sie nicht verlassen wollen, auch wenn sie innerhalb ihrer eigenen Kirchen zeitweise auf Widerstand stoßen.

Nach Deutschland wurde die CB durch den lutherischen Pfarrer Arnold Bittlinger gebracht. Er hatte die amerikanische CB auf einer Studienreise durch die Vereinigten Staaten im Herbst 1962 kennengelernt und zeigte sich von ihrem nichtschwärmerischen Charakter beeindruckt37. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik kam es zu verschiedenen Tagungen und der Gründung von Hauskreisen, in denen die neu gemachten Erfahrungen weitergegeben wurden38. - Das Jahr 1968 markiert einen ersten wichtigen Einschnitt in der Geschichte der deutschen CB: Auf Schloß Craheim (Unterfranken) gründeten die landeskirchlichen Pfarrer Arnold Bittlinger und Reiner-Friedemann Edel, die Baptisten Wilhard Becker und Siegfried Großmann und der Katholik Eugen Mederlet (OFM) das "ökumenische Lebenszentrum für die Einheit der Christen", in dem seither charismatisch geprägte Tagungen und Freizeiten stattfinden39.
Ein weiterer Einschnitt erfolgte 1976, als sich der "Koordinierungsausschuss der Charismatischen Gemeinde-Erneuerung in der evangelischen Kirche"40 konstituierte, dessen Vorsitzender in den ersten beiden Jahren A. Bittlinger war41. Bittlinger wurde 1978 von Wolfram Kopfermann42 abgelöst, unter dessen Leitung die "Entwicklung der Gemeinde-Erneuerungs-Bewegung einen rasanten Verlauf"43 nahm. Seit 1978 erscheint unter der Verantwortung Kopfermanns der "Rundbrief der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche"44, der über die Arbeit der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung (GGE) informiert und zu von der GGE durchgeführten Tagungen einlädt. Ein 1983 gebildeter "Freundeskreis" der GGE soll zu mehr Verbindlichkeit der Freunde und Förderer der Arbeit führen; seine Arbeit lief allerdings nur zögernd an, wie ein erneuter Aufruf zum Beitritt in den Kreis im Jahre 1987 zeigte45.

Die GGE, die sich als "eine geistliche Erweckungsbewegung innerhalb der Kirche"46 versteht, möchte ihr Anliegen, den Kirchen zu neuem geistlichen Leben zu verhelfen, vor allem durch Tagungen weitergeben. So wird etwa in "Einführungsseminaren", zu denen Theologen und Laien eingeladen sind, nicht nur auf die Relevanz des Wirkens des Heiligen Geistes für das persönliche und das gemeindliche Leben hingewiesen, sondern durch Gebet und Handauflegung auch ganz konkret die "Geist-Erneuerung" mitgeteilt, so daß es immer wieder zum Empfang von Charismen kommt. "Vertiefungsseminare" sind für solche Teilnehmer gedacht, die bereits Erfahrungen mit den Geistesgaben gemacht haben und behandeln ein bestimmtes Thema, etwa die Frage nach der Praxis der Krankenheilung in der Gemeinde47, extensiv48. Die Tagungen der GGE richten sich zwar in erster Linie an Mitglieder der evangelischen Landeskirchen; tatsächlich aber kommen die Teilnehmer auch aus verschiedenen Freikirchen und der katholischen Kirche.

Das Jahr 1988 brachte für die GGE einen Rückschlag. Wolfram Kopfermann, der Leiter des Koordinierungsausschusses der GGE von 1978 bis 1988, gehörte einst mit zu denen, die sich im "Selbstverständnis der GGE" zur "verfaßten evangelischen Kirche als dem" der GGE "von Gott zugewiesenen Platz"49 bekannt hatten. Da er aber aufgrund des in der Kirche herrschenden "Pluralismus" seine Vision von durch die Kraft des Heiligen Geistes erneuerten Gemeinden für nicht realisierbar zu erkennen glaubte, legte er im September 1988 sein Amt als Pastor an der Hauptkirche St. Petri in Hamburg nieder und trat aus der Landeskirche aus50. In seine neu gegründete "Freie ev.-luth. Anskar-Kirche" folgten ihm über 500 Gläubige, von denen viele ebenfalls aus der Landeskirche austraten51.


2.3.3. Die Stellung von Pfingstlern und Charismatikern innerhalb der deutschen Evangelikalen Bewegung

In fast allen Ländern, in denen es die Evangelische Allianz gibt, ist die Mitarbeit von Pfingstlern und Charismatikern in der Allianz eine Selbstverständlichkeit52. In Deutschland ist das anders. Als hier die Pfingstbewegung Anfang unseres Jahrhunderts in die Gemeinschaftsbewegung einbrach, erhoben führende Gemeinschaftsleute Bedenken: die Pfingstbewegung wurde, wie schon erwähnt, als "von unten" betrachtet53. Dieses in der Berliner Erklärung von 190954 formulierte Urteil stützt sich einmal auf die in den Pfingstkreisen vorgekommenen enthusiastisch-ekstatischen Entgleisungen55, dann aber auch auf die Lehren der Pfingstler über die sogenannte "Geistestaufe" und die Zungenrede. Im Blick auf die Lehre über die "Geistestaufe" gibt es in der weltweiten Pfingst-Christenheit ein drei- und ein zweistufiges Schema. Nach dem Dreistufenschema tritt die "Geistestaufe" (mit begleitender Zungenrede) erst nach den - auch von nichtpfingstlichen Heiligungskirchen des letzten Jahrhunderts gelehrten - beiden ersten Stufen, Bekehrung (Wiedergeburt) und Heiligung, ein. Im Zweistufenschema beginnt mit dem Tag der Wiedergeburt der lebenslang andauernde Prozeß der Heiligung. Die Geistestaufe als zweite Stufe liegt in der Regel irgendwann nach der Wiedergeburt56. Die große Mehrheit der Pfingstkirchen vertritt heute das Zweistufenschema.

In Deutschland nahmen viele außerhalb der Pfingstbewegung stehende Christen einen doppelten Anstoß an den pfingstlichen Lehren: zum einen wurde der Terminus "Geistestaufe" als eine Bezeichnung für ein nach der Bekehrung dem Christen widerfahrendes Geschehen abgelehnt (Stufenschema), zum anderen konnte man nicht anerkennen, daß jeder geistgetaufte Christ das Charisma der Sprachenrede haben müsse57.


2.3.3.1. Das Problem der "Geistestaufe"

Auch unter den Pfingstlern gibt es keine einheitliche Definition von "Geistestaufe". Weitgehende Einheit besteht aber in der Überzeugung, daß mit der "Geistestaufe" nicht der erstmalige Empfang des Heiligen Geistes gemeint ist. Denn sonst würde allen Christen, die nicht das Erkennungszeichen der "Geistestaufe", die Zungenrede, haben, der Besitz des Heiligen Geistes und damit auch die Errettung (vgl. Röm 8,9b) abgesprochen, wovon dann natürlich auch alle Christen vor dem Aufkommen der Pfingstbewegung betroffen wären. Vielmehr ist es auch pfingstliche Lehre, daß mit der Bekehrung (Wiedergeburt) der Mensch gerettet wird. Und da diese Errettung ein Werk des Geistes ist, muß der Wiedergeborene den Heiligen Geist auch haben. Hier nun kommen die Pfingstler, wenn sie dies zugeben, in die Situation, die "Geistestaufe", die ja nach der Wiedergeburt erfahren wird, als ein Mehr an Geist zu definieren, was aber in gewissem Widerspruch zu der Überzeugung vom Person-Sein des Geistes steht: eine Person kann man nicht halb haben. Daher helfen sich viele Pfingstler mit folgender Theorie: So wie Jesus vom Geist Gottes gezeugt wurde, so werden Menschen vom Heiligen Geist wiedergeboren, ohne den Geist als "Gabe" zu besitzen58; und wie Jesus bei der Taufe im Jordan die Geistestaufe empfing, so brauchen auch die Christen diese "Zweiterfahrung" als eine besondere Ausrüstung zum Dienst59. Andere Pfingstkreise dagegen, die auch am Stufenschema festhalten, lehren, daß auch der Wiedergeborene und noch nicht "Geistgetaufte" die "Gabe" des Geistes habe: "Nach dem Lehrverständnis der meisten Pfingstgemeinden wird zwischen dem Empfang der Gabe des Heiligen Geistes bei der Wiedergeburt und der Geistestaufe unterschieden ... . ... wir verstehen es so, daß der Heilige Geist bei der Wiedergeburt das göttliche Leben wirkt und bei der Geistestaufe die Salbung zum Dienst schenkt ..."60. Hier wird also zugegeben, daß der Wiedergeborene die Person des Heiligen Geistes habe, daß mit der "Geistestaufe" aber zusätzliche Kräfte des Heiligen Geistes vermittelt werden61.

Von diesen nicht deutlich unterscheidbaren Konzeptionen hebt sich wohltuend die Lehre des "Christlichen Gemeinschaftsverbandes Mülheim (Ruhr)" sowie der GGE ab. Dort wird der Begriff "Geistestaufe" auf den Empfang des Heiligen Geistes bei der Bekehrung (Wiedergeburt) angewandt, jedem Stufenschema eine Absage erteilt und festgestellt, daß jeder wirkliche Christ "Charismatiker" ist62. An diesen einmaligen Empfang des Heiligen Geistes können sich im Laufe eines Christenlebens freilich mehrmalige vertiefende Erfüllungen mit dem Geist Gottes - auch verbunden mit dem Empfang oder Offenbar-Werden von Charismen - anschließen63, was aber nicht, wie bei den meisten Pfingstlern üblich, mit dem Begriff "Geistestaufe" bezeichnet werden darf. - Viele evangelikale Theologen außerhalb der Pfingstbewegung und der CB vertreten ebenfalls diese Auffassung64, verwerfen aber entschieden das Stufenschema der klassischen Pfingstbewegung.


2.3.3.2. Das Problem der Zungenrede

Diejenigen Pfingstgemeinden, die die Geistestaufe als eine Zweiterfahrung nach der Wiedergeburt lehren, betrachten die Zungenrede als deren Beweis65. Dieser Lehrsatz, der "zum erstenmal in der Geschichte"66 von Parham67 aufgestellt worden sein soll und nur unter Mißachtung von 1.Kor 12,30 entstehen konnte, "... sollte ungeahnte Folgen haben; denn er wurde die lehrmäßige Grundlage der Pfingstbewegung des 20. Jahrhunderts"68 und bewirkte in der Weltchristenheit viel Separation. Doch wie schon bei der Lehre von der "Geistestaufe", gehen auch in der Frage nach der Sprachenrede der Mülheimer Verband und die deutsche CB einen eigenen, mehr biblisch orientierten Weg: Sie lehnen Glossolalie als Beweis für die Geistestaufe ab69 und verstehen jene Berichte der Apostelgeschichte, in denen ein zeitliches Auseinanderklaffen von Bekehrung und sichtbarem Geistempfang geschildert wird (Apg 1,5; 8,4-25; 19,1-7), als SondersiDifferenzierte Beurteilung von Pfingstlern und Charismatikern

Pfingstler und Charismatiker haben innerhalb der deutschen EB einen schweren Stand. Auch wenn sie sich selbst zur EB zählen72, werden sie von den beiden anderen evangelikalen Strömungen, der DEA und der Bekenntnisbewegung, kritisch bis ablehnend behandelt. Die distanzierte Haltung der Bekenntnisbewegung, die sich weitgehend mit der des Gnadauer Verbandes deckt, wurde bereits erwähnt73. Der Gnadauer Verband steht noch in der Tradition der Berliner Erklärung von 1909 und verharrt "in der Überzeugung, daß die Väter der Gemeinschaftsbewegung eine schriftgemäße Linie gewiesen haben, als sie Gnadau von der Pfingstbewegung trennten"74. Daher ist es auch bis heute trotz verschiedener Versuche der deutschen Pfingstkirchen, eine Versöhnung mit dem Gnadauer Verband zu erreichen75, nicht zu einer entscheidenden Annäherung von Gemeinschafts- und Pfingstbewegung gekommen.
Ähnlich, aber ein wenig differenzierter, beurteilt die DEA die Pfingstkreise und die CB. In mehreren Lehrgesprächen zwischen dem Hauptvorstand der Allianz und der Arbeitsgemeinschaft der Christengemeinden Deutschlands (seit 1982: Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland) konnte zwar in den beiden Kernpunkten, der Frage nach der Geistestaufe und der Zungenrede, keine Übereinstimmung erzielt werden; die Allianz lehnte sowohl die Geistestaufe als eine Zweiterfahrung nach der Wiedergeburt wie auch die Zungenrede als Kennzeichen der Geistestaufe ab76. Dennoch betrachtet der Hauptvorstand der DEA diese Differenzen nicht als so gravierend, daß Pfingstler dieses Lehrtyps grundsätzlich von der Allianz fernzuhalten seien. Vielmehr gab der Hauptvorstand den Ortsallianzen die Empfehlung, jeweils im Gespräch mit den Pfingstlern, die Interesse an der Mitarbeit in der Allianz bekunden, zu klären, ob sie "allianzfähig" sind. Dies bedeutet: Pfingstler sind dann zur Allianz zugelassen, wenn sie ihre Sonderlehren nicht dogmatisieren und für jedermann verbindlich erklären77. Dieser durchaus nicht von allen "Allianz-Evangelikalen" geteilte Standpunkt78 erscheint auch deshalb angemessen, weil die von den Pfingstlern gemachte Erfahrung einer "Geistestaufe" mit Empfang von Charismen nicht als "von unten" verurteilt werden darf, nur weil die Terminologie falsch ist. Die Sache als solche (Erfahrung einer besonderen Geisteserfüllung und Praktizieren von Geistesgaben) ist durchaus biblisch, sie wird nur von den (klassischen) Pfingstlern falsch interpretiert und bezeichnet; denn, wie bereits ausgeführt, ist nach neutestamentlichem Sprachgebrauch Wiedergeburt und Geistestaufe ein Ereignis. - Weil die Charismatiker (und der Mülheimer Verband) diesen Fehler einer falschen Bewertung ihrer Erfahrungen mit dem Wirken des Geistes Jesu nicht machen79, ist der Prozeß der Annäherung zwischen ihnen und den Evangelikalen der beiden anderen Richtungen weiter fortgeschritten als zwischen den klassischen Pfingstlern und den Evangelikalen. So warnte z.B. Prof. Beyerhaus, ein Führer der "Bekenntnis-Evangelikalen", vor einer pauschalen Verurteilung der CB und rief zu einer differenzierten Beurteilung auf80, womit er sich unmißverständlich von der "Stellungnahme zur 'Charismatischen Bewegung' "absetzte, die von der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" veröffentlicht worden war und sich scharf von der CB distanzierte81. Noch weit beachtenswerter ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen dem Gnadauer Verband in der DDR und dem dortigen (charismatischen) "Arbeitskreis für geistliche Gemeindeerneuerung". Man hatte sich seit 1976 mehrmals zu theologischen Gesprächen getroffen, weil man "durch mancherlei Spannungen, Mißverständnisse, Verdächtigungen und gegenseitige Verurteilungen vor allem in der Arbeit an der Basis"82 beunruhigt worden war. Die Lehrgespräche zeigten dann, daß eine weitgehende Übereinstimmung zwischen "Pietisten" und "Charismatikern"83 über die Fragen nach dem Heiligen Geist und den Geistesgaben besteht. Im Unterschied zur klassischen Pfingstbewegung wird sowohl die "Forderung einer Geistestaufe als eines besonderen Aktes nach der Wiedergeburt"84 (Stufenschema) wie auch die Zungenrede als Initialzeichen für den Empfang der "Geistestaufe" abgelehnt85. Deutlich wird auch der Überzeugung eine Absage erteilt, geistliche Gaben seien ein Zeichen einer tieferen geistlichen Reife; zugleich aber wird Mut gemacht, um die Gaben des Geistes zu bitten86, da sie eine Bereicherung des persönlichen und gemeindlichen Lebens darstellen.

Neben den erwähnten Unterschieden in Lehrfragen differieren die charismatischen Kreise auch im Blick auf ekstatische Erlebnisse von den Pfingstlern. Bittlinger, durch den die CB nach Deutschland kam, zeigte sich bei seinem USA-Besuch 1962 beeindruckt vom nicht-schwärmerischen Charakter der charismatischen Versammlungen87. Durch diese Eigenart möchte auch die GGE gekennzeichnet sein; sie versteht sich bewußt als eine "anti-enthusiastische Bewegung, deren Lebenszentrum die Wirklichkeit des Kreuzes Jesu Christi darstellt."88 Gelegentliche ekstatische Ausbrüche, die auch in den charismatischen Kreisen bekannt sind, werden indessen in der Regel nicht als "von unten" verurteilt. Vielmehr wird der Mülheimer Erklärung von 1909 zugestimmt, die einräumte, daß sich in der Pfingstbewegung "nicht nur Göttliches, sondern auch Seelisches, bzw. Menschliches und unter Umständen auch Dämonisches geltend macht."89 Denn dort, wo der Heilige Geist in einem Menschen zu wirken beginnt, kann der Mensch diesem Wirken entgegentreten oder es mit eigener Kraft fördern, so daß eine Mischung von Göttlichem und Menschlichem entsteht. Auf die Gefahr weisen nicht nur Gegner der CB hin; auch Charismatiker selbst setzen sich kritisch mit enthusiastischer Frömmigkeit auseinander. Der Schweizer Psychoanalytiker Karl Guido Rey, der selbst in der katholischen CB engagiert ist, warnt - besonders im Blick auf die Sprachenrede - vor "Halbwahrheiten, Unwahrheiten"90 und Irrtümern. Er setzt sich eingehend mit dem sowohl in der Pfingstbewegung wie in der CB häufig anzutreffenden Phänomen des "Fallens im Geist"91 und den damit teilweise verbundenen Heilungen auseinander. Während die Mehrheit der Pfingstler und Charismatiker diese Erscheinung als vom Heiligen Geist gewirkt deutet92 - wobei psychologische Faktoren nicht völlig unberücksichtigt bleiben93 -, zieht Rey eine rein-psychologische Erklärung vor: "Ich bin der Meinung, daß das 'Fallen im Geist' und die damit oft verbundenen Heilungen durchaus Folgen von Suggestionen sein können, von denen wir wissen, daß sie tiefgreifende psychosomatische Veränderungen hervorrufen."94 Der Schweizer Psychoanalytiker glaubt nicht an ein direktes "Eingreifen Gottes durch den Heiligen Geist"95, wenn Menschen in Massenveranstaltungen zu Boden sinken, und meint deshalb, ernstlich vor den Gefahren dieses von mit besonderer psychischer Kraft ausgerüsteten Menschen96 erzeugten Phänomens warnen zu müssen. Unter anderem sieht er die "Gefahr der Bindung an Menschen"97 und der enttäuschten Heilungserwartungen. Rey zweifelt Krankenheilungen durch die Kraft Gottes nicht an98 - er weiß, daß es auch in unserer Zeit ungezählte glaubhaft bezeugte Heilungserfahrungen gibt -, aber er warnt vor durch Suggestivverfahren bewirkten scheinbaren Heilungen, die nur eine kurze Zeit die Symptome zudeckten. Da aber die Ursache der Krankheit nicht beseitigt sei, würden über kurz oder lang wieder Symptome - vielleicht andere als vorher - in Erscheinung treten99 und die "geheilte" Person in größere Not kommen als vorher. - Der Schweizer Charismatiker wußte, daß seine Gedanken nicht auf Beifall in der CB stoßen würden100; aber als jemand, der die charismatische Erneuerungsbewegung fördern möchte, fühlt er sich verpflichtet, auf Gefahren und Abwege aufmerksam zu machen101.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Pfingstbewegung und die CB ohne Zweifel zur EB gehören und man deshalb zurecht von "Pfingst-Evangelikalen" sprechen kann102. Weltweit stellen sie einen wesentlichen Strang der EB dar, in Deutschland einen zur Zeit noch weniger wichtigen, aber kontinuierlich an Einfluß gewinnenden. Die enthusiastisch geprägte Frömmigkeit als generell dämonisch beeinflußt darzustellen, darf wohl als verfehlt betrachtet werden103. Ekstase und Schwärmerei sind vielmehr meist auf psychische Faktoren zurückzuführen104, wobei im Einzelfall auch dämonische Kräfte im Spiel sein können.

Zu differenzieren ist auf jeden Fall zwischen Lehre und Praxis der klassischen Pfingstgemeinden bzw. der neupfingstlichen Gruppen einerseits und des Christlichen Gemeinschaftsverbands Mülheim (Ruhr) bzw. der CB andererseits. Zwar weist sich die erstgenannte Gruppe mit ihren Glaubensüberzeugungen als grundsätzlich evangelikal aus, unterscheidet sich aber an zwei wichtigen Stellen von den übrigen Evangelikalen: die Geistestaufe wird als Zweiterfahrung nach der Wiedergeburt gelehrt und die Zungenrede gilt als Kennzeichen der empfangenen Geistestaufe105. Aufgrund dieser Sonderlehren, die nach Meinung der meisten Exegeten biblisch nicht haltbar sind, wird auch in Zukunft eine Annäherung zwischen klassischen Pfingstlern und den übrigen Evangelikalen schwierig sein, besonders dann, wenn die Pfingstler ihre Überzeugungen aggressiv-missionarisch vertreten. Das Verhältnis zwischen Mülheimer Verband bzw. CB und den übrigen Evangelikalen sollte indessen eigentlich besser sein als es gegenwärtig ist; denn es existieren keine wesentlichen Lehrunterschiede zwischen ihnen106.

tuationen, die auch einer besonderen Auslegung bedürfen70. - Auch hier vertreten evangelikale Ausleger außerhalb der Pfingstbewegung und der CB im wesentlichen die gleiche Position wie der Mülheimer Verband und die deutsche CB71.