Im DUDEN (Bd. 1) wird evangelikal definiert als die unbedingte Autorität des Evangeliums vertretend. Diese Definition weist in die richtige Richtung, ist aber nicht konkret genug. Als evangelikal sind Christen zu bezeichnen, die die Bibel als letztgültige Autorität für Glauben und Leben betrachten. Kirchliche Traditionen auf der einen Seite und Bibelkritik auf der anderen Seite werden von den Evangelikalen als nicht bindend und unsachgemäß abgelehnt. Da es Evangelikale in vielen Konfessionen gibt, ist die Evangelikale Bewegung (EB) eine überkonfessionelle Bewegung.

Herausgefordert von Bibelkritik und Säkularisierung haben sich im protestantischen Raum Deutschlands seit Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts drei theologisch konservative Strömungen zusammengefunden, um für den Erhalt biblisch-christlicher Werte in Kirche und Gesellschaft einzutreten. Die Christen dieser drei Strömungen, die zunächst als Pietisten und Biblizisten galten, übernahmen infolge verschiedener Begegnungen mit US-amerikanischen Evangelicals die Selbstbezeichnung evangelikal, um dadurch ihre weltweite Verbundenheit mit allen biblisch geprägten Gläubigen zu erkennen zu geben.

Wichtige Lebensäußerungen der EB sind u.a. die Gebetswoche der Evangelischen Allianz, an der jeweils Anfang Januar etwa 500.000 Menschen im deutschsprachigen Raum teilnehmen, und die ProChrist-Evangelisationen, die von einem zentralen Veranstaltungsort in über 1000 weitere Orte in zahlreichen europäischen Ländern übertragen werden.

Die deutsche EB hat, wie bereits angedeutet, drei Hauptgruppen ausgebildet: Die Allianz-Evangelikalen, die Bekenntnis-Evangelikalen und die Pfingst-Evangelikalen. Zu ihnen ist seit etwa 1985 eine vierte Gruppe hinzugekommen: die unabhängigen Evangelikalen. Die Gesamtzahl dieser vier Gruppierungen wird auf etwa 1,3 Millionen geschätzt. Weltweit wird die Zahl der Evangelikalen mit über 600 Millionen angegeben, also knapp 10 % der Weltbevölkerung.


Literatur zum Thema Evangelikale Bewegung:

Geldbach, Erich: Evangelikalismus – Versuch einer historischen Typologie. In: Reinhard Frieling (Hg.), Die Kirchen und ihre Konservativen, Göttingen 1984, 52-83

Jung, Friedhelm: Die deutsche Evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie, Bonn (Verlag für Kultur und Wissenschaft) 32001

Jung, Friedhelm: Neueste Entwicklungen in der deutschen Evangelikalen Bewegung. In: Kirchliche Zeitgeschichte 1/2001, 248-260

Ders. 2004, “Sind christliche Fundamentalisten gewalttätig?” In: Fundamentalismus – Sind bibeltreue Christen Fundamentalisten?
(= idea-Dokumentation Nr. 1/2004, S. 19-24); ebenso in: idea-spektrum 42/2001, S. 21-23.

Ders. 2006. “American Evangelicals in Germany – Their Contribution to Church Planting and Theological Education”.
In: Southwestern Journal of Theology, Volume 47, Number 1, Fall 2004, 13-24.

Ders. 2007. „US-Evangelikale in Deutschland – ihr Beitrag zu Gemeindebau und theologischer Ausbildung“.
In: Jahrbuch für Evangelikale Theologie, 21. Jahrgang, 181-194.

Ders. 2007. Was ist „evangelikal“? Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft.

Laubach, Fritz: Aufbruch der Evangelikalen, Wuppertal 1972

Laubach, Fritz/Stadelmann, Helge (Hgg.): Was Evangelikale glauben. Die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz erklärt, Wuppertal/Zürich 1989

Schnabel, Eckhard J.: Sind Evangelikale Fundamentalisten? Wuppertal/Zürich 1995

Tidball, Derek J.: Reizwort evangelikal. Entwicklung einer Frömmigkeitsbewegung, Stuttgart 1999

 

Weiterhin sind die Artikel der theologischen Lexika auf die Stichwörter evangelikal, evangelikale Bewegung hin zu befragen.

2003 Dr. Friedhelm Jung