GRUNDPOSITIONEN EVANGELIKALER THEOLOGIE

Einleitung: Im zeitweise ausführlich gehaltenen zweiten Teil dieser Arbeit über die Geschichte des deutschen Evangelikalismus hat es sich häufig als nötig erwiesen, auf die theologischen Überzeugungen der deutschen Evangelikalen einzugehen. Dies geschah allerdings unsystematisch und nur ansatzweise. Der nun folgende dritte Abschnitt soll die Auffassungen der Evangelikalen zu zentralen theologischen Fragen geordnet darstellen. Ausgehend vom Schriftverständnis und dem Verhältnis der Evangelikalen zum kirchlichen Bekenntnis, sollen das Missionsverständnis und die eschatologischen Konzeptionen sowie die Haltung der Evangelikalen zu einigen ausgewählten ethischen Fragen dargelegt werden. Dabei wird es sich zeigen, daß die hermeneutische Frage im Zentrum evangelikaler Theologie steht. Die hier eingenommene Position prägt entscheidend alle weiteren theologischen Überzeugungen der Evangelikalen und läßt die EB immer wieder in Widerspruch zu akademischer Theologie und kirchlicher Verlautbarung geraten. Da es aber durchaus kein einheitliches Schriftverständnis unter den Evangelikalen gibt - lediglich in den Grundansichten stimmt man überein -, existieren verschiedene hermeneutische Modelle nebeneinander. Diese in ihren Nuancen darzustellen, würde eine eigene Untersuchung erfordern. Hier soll es - entsprechend der Aufgabenstellung dieser Arbeit - nur um die Grundlinien evangelikaler Hermeneutik und Theologie gehen.



3.1. Die Stellung der Evangelikalen zu Schrift und Bekenntnis

3.1.1. Das Schriftverständnis

Wie bereits angedeutet, besteht unter den Evangelikalen im Blick auf das Schriftverständnis nur eine Übereinstimmung in grundlegenden Fragen. Solch eine grundlegende Position kommt (in Anlehnung an 2 Tim 3,16 und 2 Petr 1,21) z.B. in der Glaubensbasis der Evang. Allianz von 1846 zum Ausdruck, die in ihrem ersten Punkt formuliert: Evangelikale vertreten "die göttliche Inspiration, Autorität und Allgenugsamkeit der Heiligen Schriften."1 Dieser Formulierung können alle Evangelikalen zustimmen, weil sie allgemein gehalten ist und nicht näher definiert, was Inspiration, Autorität und Allgenugsamkeit bedeuten. Hier beginnen nun aber die Differenzen der Evangelikalen. Erstreckt sich die Inspiration auf die ganze Bibel in allen ihren Aussagen (Verbal- oder Ganzinspiration), oder sind nur Teile der Bibel inspiriert (etwa nur die theologischen Aussagen)? Bedeutet Inspiration Fehlerlosigkeit der Bibel (im Urtext), oder muß mit Irrtümern in den biblischen Texten gerechnet werden? Gilt die Autorität der Heiligen Schrift den Christen des 20. Jahrhunderts genauso uneingeschränkt wie denen der Alten Kirche? Diese Fragen werden von den Evangelikalen unterschiedlich beantwortet. Im Folgenden sollen - die genannten Fragen aufnehmend - die zwei großen Linien evangelikalen Schriftverständnisses dargestellt werden, die sich mit den Begriffen "gemäßigter" und "strenger Biblizismus" beschreiben lassen.


3.1.1.1. Gemäßigter Biblizismus (reformatorischer Ansatz)

Das Wort "Biblizismus" begegnet in Deutschland erstmals im Jahr 1854 und bezeichnet fortan eine "auffallend gesteigerte Bindung an die Bibel"2. Besonders den schwäbischen Pietismus kennzeichnet die Forschung als "biblizistisch"3 und betont seine heilsgeschichtliche Ausrichtung. Trotz der Warnung, der Ausdruck "Biblizismus" sei "weder für die Dogmatik noch für die Ethik anders brauchbar als zur Bezeichnung eines Irrweges"4, hat sich der Begriff bis heute gehalten. Versteht man unter ihm jene Denkrichtung, "die in allen Fragen des Glaubens, der Lehre, des Handelns und der persönlichen Frömmigkeit ... die Bibel als das geschichtlich offenbarte Wort Gottes in ihrer Ganzheit oder im einzelnen möglichst nachdrücklich, ausschließlich und unmittelbar als Norm oder Quelle zur Geltung bringen will"5, so sind alle Evangelikalen Biblizisten. Doch während ein Teil von ihnen jede Bibelkritik entschieden ablehnt (Fundamentalisten), hält der andere Teil Sachkritik an der Bibel für unverzichtbar oder wenigstens für möglich. Diese zweite Gruppe der Evangelikalen steht Luthers Schriftverständnis nahe. Denn wie der Reformator auf der einen Seite für das sola scriptura stritt und auf der anderen Seite vor bibel- bzw. kanonkritischen Äußerungen nicht zurückschreckte6, bekräftigen auch die gemäßigten Biblizisten aus der EB "die göttliche Inspiration, die ... Wahrheit und Autorität der alt- und neutestamentlichen Schriften ... als das einzige geschriebene Wort Gottes"7 und plädieren teilweise zugleich für die Anwendung der historisch-kritischen Methode. Die Bibelkritik der gemäßigten Biblizisten bezieht sich aber in aller Regel nicht auf die theologischen Aussagen der Heiligen Schrift: "Die Heilige Schrift ist irrtumsfrei in allem, was notwendig ist ad fidem = zum Glauben. Die Bibel aber erhebt nicht den Anspruch rationaler Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit."8 Diese Position deckt sich in etwa mit der des in pietistischen Kreisen geschätzten Tübinger Theologen Adolf Schlatter (1852-1938). Schlatter bekannte sich zur Inspiration der Bibel9, arbeitete aber zugleich kritisch. Eine Unfehlbarkeit der Bibel lehnte er ab: "Nicht die Schrift, sondern der die Schrift gebende und durch sie uns berufende Gott ist unfehlbar."10 Die Unfehlbarkeit der Bibel besteht für ihn darin, "daß sie uns zum Unfehlbaren bringt, zu Gott."11 Diese "soteriologische (auf Heilsfragen beschränkte) Engführung hinsichtlich der Autorität und Unfehlbarkeit der Bibel"12 wurde fortan kennzeichnend für die hermeneutische Grundposition der theologischen Ausbildungsstätten sowohl (teilweise) des Gnadauer Verbandes wie der klassischen Freikirchen Deutschlands. "Die freikirchlichen Predigerseminare in Deutschland waren schon vor vierzig Jahren völlig 'verschlattert'..."13, urteilte der baptistische Theologe A. Pohl bereits im Jahre 1965.

Weitgehende Einigkeit besteht unter den gemäßigten Biblizisten über die Ablehnung des Begriffs "Irrtumslosigkeit" (der Schrift). Wenn man den Begriff, der nicht in der Bibel erscheint und ihr "wesensfremd und unangemessen"14 sei, überhaupt benutzt, dann nur im Sinne der Lausanner Verpflichtung. Sie bekennt, das Wort Gottes sei "ohne Irrtum in allem, was es verkündigt (engl. affirms)." Diese Formulierung wird gewöhnlich so verstanden, daß die Bibel uneingeschränkte Autorität im Blick auf ihre theologischen Aussagen besitzt; was darüber hinausgeht, könne aber fehlerhaft sein15. Überwiegend aber meidet man den Ausdruck "irrtumslos", sowohl im landes- wie im freikirchlichen Pietismus16. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Erfahrung, bei der Bibellektüre auf Ungereimtheiten und Spannungen zu stoßen. "Die Schreiber der Heiligen Schriften waren Menschen mit ihren Fehlern, ihrer Unwissenheit und ihren Begrenzungen. Ihr geschriebenes Zeugnis hat daran Anteil, ohne seinen Wert als unfehlbare Botschaft vom Heilshandeln Gottes zu schmälern."17 Nach Meinung mancher gemäßigter Biblizisten ist diese "Knechtsgestalt" der Heiligen Schrift auf Gottes Kondeszendenz zurückzuführen. In Anlehnung an Johann Georg Hamann (1730-1788) bezieht man die "Herunterlassung" Gottes nicht nur auf die Christologie, sondern ebenso auf die Schöpfung und die Entstehung der Bibel18. Doch wenn auch Gott den Schatz seines Wortes nur "in irdenen Gefäßen"19 gegeben hat, so sei die Bibel dennoch die "untrügliche Wahrheit und Weisung für Glauben und Leben"20, weil sie "gewirkt und durchweht" ist "vom Heiligen Geist"21. Dieses Bekenntnis zur Inspiration der Schrift nach 2 Tim 3,16 ist für den gemäßigten wie für den strengen Biblizismus fundamental. Vor allem die gemäßigten Biblizisten lehnen aber ein bestimmtes Inspirationsdogma ab. Die Bibel "enthält keine geschlossene Inspirationslehre. Begriffe wie Personalinspiration, Realinspiration und Verbalinspiration greifen deshalb zu kurz, auch wenn sie richtige Teilaspekte aussagen."22 Man stimmt daher der Ansicht J. Millards, des früheren Rektors des Theologischen Seminars der Freien ev. Gemeinden, zu, der formulierte: "Wir glauben an die Inspiration der ganzen Heiligen Schrift, aber wir glauben nicht an ein bestimmtes Inspirationsdogma."23

Im Blick auf die Hermeneutik der Evangelikalen kann man feststellen, daß der im Gefolge Schleiermachers häufig vertretene Grundsatz, die "Interpretation der biblischen Schriften" unterliege "nicht anderen Bedingungen des Verstehens als jede andere Literatur"24, bei den Evangelikalen auf erhebliche Vorbehalte und Ablehnung stößt. Man hält vielmehr mit Nachdruck an der Überzeugung fest, die Bibel sei als das vom Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes ein Geheimnis, das dem natürlichen Menschen durchaus verschlossen bleibe (vgl. 1 Kor 2,14f.); nur durch den Heiligen Geist sei ein rechtes Verstehen der Schrift möglich25. Das Unvermögen der natürlichen Vernunft, die Heilige Schrift zu verstehen, führen die Evangelikalen in Übereinstimmung mit den Bekenntnisschriften der Reformation26 auf die zerstörerische Macht der Sünde zurück27. Wird nun ein Mensch durch die Kraft des Geistes Gottes erneuert, so öffnen sich ihm auch die Heiligen Schriften28. Es geht bei dieser theologia regenitorum allerdings nicht um eine einseitige hermeneutische Festlegung. Jene Ausleger, die den Heiligen Geist als notwendig für das rechte Verstehen der Bibel betrachten, bedienen sich durchaus geordneter exegetischer Methoden29. Manche halten die historisch-kritische Methode für unverzichtbar30 (ohne freilich die drei von Troeltsch formulierten Prinzipien - Kritik, Analogie und Korrelation31 - unbesehen übernehmen zu können); andere plädieren für eine historisch-biblische Methode. Im Unterschied zur historisch-kritischen verzichtet die historisch-biblische Methode auf das kritische Element, weil unter der Voraussetzung, daß die Bibel das "Zeugnis der göttlichen Offenbarung ist"32, eine kritische, zweifelnde Haltung nicht die angemessene Antwort auf das Geschenk göttlicher Offenbarung sein könne33. "Denn das Korrelat (Entsprechung) zur Offenbarung ist nicht Kritik, sondern Gehorsam, ist nicht Korrektur ..., sondern Sich-korrigieren-Lassen."34 Eine solche historisch-biblische Methode unterscheidet sich dann in der praktischen Anwendung besonders im Bereich der Literarkritik und Formgeschichte sowie der redaktionsgeschichtlichen Methode, während die textkritische Arbeit entsprechend der historisch-kritischen Methode verläuft35.

Unter den gemäßigten Biblizisten wird die Anwendung der historisch-kritischen Methode insbesondere von Theologen aus der Pfarrer-Gebets-Bruderschaft36 sowie der klassischen Freikirchen und der Bekenntnisbewegung befürwortet. Die historisch-biblische Methode vertreten das Albrecht-Bengel-Studienhaus in Tübingen, Teile der Freikirchen, der Bekenntnisbewegung, des Gnadauer Verbandes und der Evangelischen Allianz. Schon diese vage Zuordnung zeigt, daß die Grenzen fließend sind und es keine einheitliche Blockbildung gibt zwischen Befürwortern und Gegnern der historisch-kritischen Methode unter den gemäßigten Biblizisten. Einigkeit besteht unter ihnen lediglich in der Ablehnung der radikalen Kritik im Sinne der von Troeltsch formulierten Prinzipien und des Fundamentalismus37.


3.1.1.2. Strenger Biblizismus (fundamentalistischer Ansatz)

Im Unterschied zum Fundamentalismus in den USA ist die christliche fundamentalistische Bewegung im deutschsprachigen Raum nur theologisch, nicht aber politisch geprägt38. Sie gehört zum großen Strom der EB und nimmt nur an einer - allerdings zentralen - Stelle eine von den anderen Evangelikalen verschiedene Haltung ein: Den strengen Biblizisten gilt die Bibel im (nicht mehr vorhandenen) Urtext in allen ihren Aussagen als irrtumsfrei und fehlerlos.
Die Fundamentalisten, die sich in allen drei Strömungen der EB finden, bekennen mit den gemäßigten Biblizisten die Inspiration und Autorität der Bibel sowie die geheimnisvolle Einheit von Wort Gottes und Menschenwort entsprechend der Einheit von Gottheit und Menschheit in Christus39. Mit der altprotestantischen Orthodoxie40 vertreten die Fundamentalisten die Identität von Wort Gottes und Bibel (ein "Kanon im Kanon" wird abgelehnt), ohne jedoch den Inspirationsvorgang als ein mechanisches Diktat aufzufassen, bei dem die Schreiber wie mechanisch funktionierende Marionetten in der Hand Gottes waren41. Vielmehr wurde die individuelle Persönlichkeit des einzelnen Autors von Gottes Geist so geleitet, daß er mit vollem Bewußtsein und Willen und unter Wahrung seiner Eigenart das schrieb, was Gott geschrieben haben wollte, manchmal gar, ohne sich der göttlichen Eingebung bewußt zu sein42. Entscheidend ist nun, daß sich diese Theopneustie (2 Tim 3,16) auf die ganze Bibel bezieht und nicht nur auf Abschnitte, die Glaubens- und Heilsfragen behandeln. Und da Gott als der absolut Wahrhaftige nur Wahrheit sprechen kann, muß sein Wort völlig wahr sein43. Die Fundamentalisten schließen also von der Wahrheit Gottes auf die Wahrheit seines Wortes, der Bibel, und betrachten die Begriffe Unfehlbarkeit (infallibility) und Irrtumslosigkeit (inerrancy) als angemessene Formulierung für die absolute Zuverlässigkeit der Bibel44.

Die Verbreitung des fundamentalistischen Anliegens ist in der jüngeren Vergangenheit von der "Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel"45 gefördert worden46. Dieses im Oktober 1978 in Chicago entstandene Bekenntnis zur Bibel vertritt die Irrtumslosigkeit der Bibel im Urtext in allen ihren Aussagen (Art. XII), d.h. auch historische, naturwissenschaftliche und ethnographische Angaben seien zuverlässig und wahr. Hier liegt der zentrale Unterschied zwischen dem Schriftverständnis der gemäßigten Biblizisten und der Fundamentalisten und zugleich der Grund für mancherlei Polemik zwischen beiden Gruppen. Mit den den Fundamentalisten vorgehaltenen Spannungen im biblischen Text als Beweis für die Unhaltbarkeit der These von der Irrtumslosigkeit gehen die strengen Biblizisten differenziert um: Einmal seien viele angebliche Widersprüche bereits durch die exegetische Forschung geklärt worden; sodann müsse beachtet werden, daß die Bibel von Orientalen geschrieben wurde und nicht von Abendländern der hochtechnisierten Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts, was eine Erklärung für manche Eigentümlichkeiten der biblischen Formulierung und Darstellung sein könne; außerdem wolle die Bibel kein naturwissenschaftliches oder historisches Lehrbuch sein, d.h. es werden in ihr keine systematischen Abhandlungen zu wissenschaftlichen Themen gegeben, und dennoch sei das, was sie zu solchen Fragen sage, absolut zuverlässig; schließlich gelte es zu akzeptieren, daß man gegenwärtig auf manche Ungereimtheiten noch keine Lösung habe, was aber nicht bedeute, daß es keine gebe47.

Die Gründe für ihr Insistieren auf der Irrtumslosigkeit der Schrift liegen für die Fundamentalisten neben dem schon erwähnten Gedanken, die Wahrhaftigkeit Gottes lasse nur ein absolut wahrhaftiges Wort Gottes zu, vor allem in der Überlegung, daß die Bibel, würde sie nur an einer einzigen Stelle irren, grundsätzlich nicht mehr verläßlich wäre und viele weitere Irrtümer in ihr zu erwarten wären48 und dann die menschliche Vernunft als Maßstab zur Prüfung von Richtigem und Falschem herangezogen werden müßte, was aber aufgrund ihrer generellen Begrenztheit und der unter den Menschen durchaus unterschiedlich stark entwickelten Ratio auf jeden Fall scheitern würde. Außerdem sehen sich die Fundamentalisten bei einem Blick in die Kirchengeschichte in ihrer Ansicht bestärkt; denn auch über die altprotestantische Orthodoxie hinaus galt vielen Theologen die Bibel als unfehlbares Wort Gottes49.

Ähnlich wie die gemäßigten Biblizisten begreifen auch die Fundamentalisten die göttliche und menschliche Seite der Schrift als ein Geheimnis, das mit der Zweinaturenlehre aus der Christologie verglichen werden kann50. Im Unterschied zu jenen behaupten aber diese, daß die Schrift ebenso "frei von Irrtum" sei, wie Jesus als wahrer Mensch auch "frei von Sünde war"51. Diese von den Fundamentalisten der Bibel zuerkannte Dignität impliziert einen besonders pietätvollen Umgang mit der Schrift. Die historisch-kritische Methode wird generell als der Bibel unangemessen abgelehnt. Dagegen hält man die schon erwähnte historisch-biblische Methode52, die auf jedes kritische, die Bibel anzweifelnde Element verzichtet, aber zugleich Sprache und Gedankenwelt der Bibel zu erforschen bemüht ist, für praktikabel. Besonders bedeutsam für die hermeneutischen Grundpositionen der Fundamentalisten ist die "Chicago-Erklärung zur Biblischen Hermeneutik", eine vier Jahre nach der Erklärung zur Irrtumslosigkeit vom "Internationalen Rat für Biblische Irrtumslosigkeit"53 publizierte Stellungnahme zur Auslegung der Schrift54. Vom reformatorischen Grundsatz ausgehend, daß die Schrift sich selbst auslegt (scriptura sui ipsius interpres), wird das Verständnis der Schrift von der Erleuchtung durch den Heiligen Geist abhängig gemacht (Art. 17 und 5) und zugleich die Anwendung von exegetischen Methoden begrüßt, die dem göttlichen Ursprung der Schrift Rechnung tragen (Art. 16), ohne jedoch diese Methoden detailliert darzustellen. Ausdrücklich abgelehnt werden dagegen alle exegetischen Verfahren, die in irgendeiner Weise bestimmt sind vom Zweifel an der Wahrheit der Bibel (Art. 12, 13, 16, 17).

Obgleich die Fundamentalisten nicht nur von offizieller Seite der Landes- und Freikirchen abgelehnt werden, sondern auch innerhalb der EB einen schweren Stand haben55, nimmt ihr Einfluß zu. Die Zahl der Fundamentalisten unter den evangelikalen Theologen ist gegenwärtig noch gering, während unter den Nichttheologen der EB viele Fundamentalisten anzutreffen sind. Doch ist zu beobachten, daß zunehmend jüngere evangelikale Pastoren das fundamentalistische Anliegen vertreten56. Dafür verantwortlich sind u.a. zwei theologische Ausbildungsstätten, die beide die Unfehlbarkeit der Bibel vertreten: die Staatsunabhängige Theologische Hochschule (STH) (Basel) und die Freie Theologische Akademie Gießen (FTA). Die STH wurde 1970 in Riehen bei Basel von S. Külling als staatsunabhängige theologische Hochschule gegründet57. Sie bekennt sich "zur uneingeschränkten göttlichen Wahrheit und Autorität der ganzen Heiligen Schrift in jeder Hinsicht"58 und verlangt dieses Bekenntnis von jedem ihrer Dozenten. Alternativ zu den theologischen Fakultäten der staatlichen Hochschulen möchte man "gründliche theologische Arbeit ohne ... Bibelkritik leisten ..."59. Bis Ende 1988 haben fast 300 Studierende, die zu über 50 Prozent aus der Bundesrepublik kamen, die fünfjährige Ausbildung durchlaufen60 und arbeiten als Geistliche in Landes- und Freikirchen sowie in der Mission61. Während die STH 1987 das Promotionsrecht verliehen bekam62, bemüht sich die Freie Theologische Akademie (FTA) in Gießen noch um die staatliche Anerkennung als Hochschule. Diese 1974 gegründete Akademie63 bietet ein "bibeltreues, wissenschaftliches und praxisnahes Theologiestudium auf Hochschulebene"64 an und verfügt über mehr als 120 Studienplätze65. Neben diesen beiden Akademien gibt es noch eine ganze Reihe weiterer fundamentalistisch geprägter theologischer Ausbildungsstätten66 und anderer Einrichtungen, wie z.B. Verlage und Missionswerke67.

Will man die Fundamentalisten unter soziologischen Gesichtspunkten aufschlüsseln, so finden sich relativ wenige Theologen, die den strengen Biblizismus vertreten, dafür aber viele Nichttheologen68. Fragt man nach ihrer Konfessionszugehörigkeit, so finden sich wohl unter allen evangelischen Denominationen Fundamentalisten, relativ mehr aber unter den Mitgliedern der Freikirchen als der Landeskirchen. Als Freikirchen mit einem größeren Anteil von fundamentalistisch gesinnten Gläubigen gelten der Bund Freier evangelischer Gemeinden, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (hier besonders die darbystisch geprägten Brüdergemeinden) und die Pfingstgemeinden69.


3.1.2. Das kirchliche Bekenntnis

Die drei altkirchlichen Symbole (Apostolikum, Nicaeno- Constantinopolitanum und Athanasianum) sind für die gesamte deutsche EB von erheblicher Bedeutung. Unmittelbar evident ist ihre große Relevanz für die Bekenntnisbewegung, deren Name bereits ihr Programm andeutet, nämlich "... um die schrift- und bekenntnisgebundene Verkündigung des Evangeliums zu beten und zu ringen ..."70. Doch auch der Christliche Gemeinschaftsverband Mülheim/Ruhr, ein Zweig der deutschen Pfingstbewegung71, druckt sogar in seinem "kurzgefaßten Lehrzeugnis" alle drei Symbole ab72 und reiht sich damit in die Tradition der "einen heiligen christlichen Kirche" ein. Andere Freikirchen, die der Deutschen Ev. Allianz nahestehen, beschränken sich überwiegend auf das Bekenntnis zum Apostolikum, da sie in ihm die zentralen biblischen Wahrheiten angemessen und hinreichend zum Ausdruck gebracht sehen73.

Im Blick auf die reformatorischen - sowohl die lutherischen wie die reformierten - Bekenntnisschriften ist die Haltung der Evangelikalen allerdings uneinheitlich. Während die Bekenntnisbewegung für ihre Gültigkeit eintritt, können die Evangelikalen aus den Freikirchen, die sich zu den Allianz- und Pfingst-Evangelikalen rechnen, nicht uneingeschränkt den Bekenntnisschriften der Reformationszeit zustimmen, obwohl sie "den Grundsätzen der Reformation"74 (solus Christus, sola gratia, sola scriptura) völlig beipflichten. Verantwortlich dafür sind Unterschiede im Kirchen- und Sakramentsverständnis sowie - teilweise - in eschatologischen Fragen (vgl. den Abschnitt 4.1.1.1.). Doch diese (in den Augen vieler Evangelikaler relativ geringen) Unterschiede haben manche Freikirchler nicht daran hindern können, in der Bekenntnisbewegung mitzuarbeiten und für die zentralen christlichen Glaubenswahrheiten, wie man sie im Apostolikum ausgedrückt zu finden glaubt, einzutreten.

Für alle Evangelikalen ist das buchstäbliche Verständnis der drei ökumenischen Bekenntnisse, besonders des Apostolikums, verpflichtend. Daß an dieser Stelle keine Konzessionen gemacht werden, zeigt das Beispiel des früheren Rektors des Theologischen Seminars des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden) in Hamburg, Dr. E. Schütz, der aufgrund seiner Leugnung des wörtlichen Verständnisses der Jungfrauengeburt seine verantwortungsvolle Stelle aufgeben mußte75.

Die EB stimmt den grundlegenden Aussagen des christlichen Glaubens, wie sie in den drei ökumenischen Symbolen zum Ausdruck kommen, zu und tritt für deren wörtliches Verständnis ein. Eine Darstellung der in den Bekenntnissen angedeuteten dogmatischen Lehrstücke (Christologie, Soteriologie usw.) in evangelikaler Interpretation kann hier übergangen werden, da eine "evangelikale Dogmatik" noch aussteht76. Allerdings soll im Folgenden die Stellung der Evangelikalen zu einzelnen, nicht ausdrücklich in den Bekenntnissen erwähnten, aber für die Evangelikalen bedeutsamen theologischen Themen erörtert werden.


3.2. Das Missionsverständnis der Evangelikalen

Das Missionsverständnis der deutschen EB, wie es sich seit Mitte der siebziger Jahre darstellt, muß begriffen werden als Ergebnis der Besinnung auf die neutestamentlichen Aussagen zum Thema "Mission" verbunden mit der bewußten Bejahung der aus Pietismus und Erweckungsbewegung kommenden Missionstradition und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Missionsverständnis des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).


3.2.1. Mission im Neuen Testament

Die Evangelikalen unterscheiden im Neuen Testament zwei unterschiedliche Missionsaufträge, einen vor- und einen nachösterlichen. Der vorösterliche, der während der irdischen Wirksamkeit Jesu erging, sollte dazu dienen, das Volk Israel (nicht die Heidenvölker!, vgl. Mt 10,5f.) zur Umkehr sowie zum Glauben an das bevorstehende Reich Gottes und seinen Verkündiger zu rufen77, damit dieses Reich anbrechen könne (vgl. Mk 1,14f.; 6,7ff.; Lk 1,68ff.). Doch die Juden verwarfen das Evangelium vom Reich Gottes, taten nicht Buße (vgl. Mt 11,20ff.) und töteten den, der es verkündigte (vgl. Mk 12,1ff.; Joh 12,37ff.; Apg 3,13ff.). So blieb das Reich Gottes zwar in der von den Juden erwarteten Weise (vgl. Lk 1,71) aus, doch wurde durch den Tod Jesu Christi, der gemäß "dem bestimmten Ratschluß und dem Vorherwissen Gottes" (Apg 2,23; vgl. auch Lk 24,26.46; Apg 13,27 und 1 Petr 1,20) geschah, die Versöhnung der Welt vollbracht (vgl. Röm 3,25f; 2 Kor 5,19)78. Inhalt des nachösterlichen Missionsauftrages ist nun die Verkündigung dieses Wortes von der Versöhnung. Das Evangelium nach Ostern lautet also nicht mehr: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15), sondern es hat den Inhalt: "... daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften; und daß er begraben wurde, und daß er auferweckt worden ist am dritten Tage, nach den Schriften ..." (1 Kor 15,3f.). Dieses Evangelium von Christi stellvertretendem Sterben und Auferstehen zu verkündigen, ist für die Evangelikalen der Inhalt des nachösterlichen Missionsbefehls (vgl. Mt 28,18ff.; Lk 24,46f.; Gal 1,4ff.)79. Dabei sind die Evangelikalen überzeugt von der Wahrheit des in Apg 4,12 formulierten Absolutheitsanspruches Jesu Christi: allein in Christus gibt es Rettung für die Menschen. Zugleich betonen sie ebenso den allgemeinen Heilswillen Gottes, der nicht das Verderben, sondern die Rettung der Menschen will (vgl. 1 Tim 2,4)80.
Als Träger der Mission gilt die Gemeinde und somit jeder einzelne Christ81, der - ausgerüstet mit der Kraft des Heiligen Geistes (Apg 1,8) - das Evangelium in Wort und Tat bezeugen soll. Nach dem Neuen Testament gehören Verkündigung und Diakonie untrennbar zusammen (vgl. Apg 6,1ff.), und die Evangelikalen bemühen sich, diese Einheit zu lehren82 und zu praktizieren83. Der Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, besteht bis zur Wiederkunft Jesu Christi (vgl. Mk 13,10), also dem Zeitpunkt, in dem der Herr, der bisher nur als der Unsichtbare in seiner Kirche gegenwärtig war (vgl. Mt 28,20), sichtbar erscheint (vgl. Mk 13,26; Apg 1,11)84.


3.2.2. Mission in Pietismus und Erweckungsbewegung

Bekanntlich war es der Pietismus, der im Protestantismus ein breites Bewußtsein für die Notwendigkeit der Mission weckte. Die vermehrt eintreffenden Berichte aus jenen Ländern, die durch Entdeckung und Kolonisation erschlossen worden waren, riefen die Verantwortung wach, das Evangelium auch den nichtchristlichen Völkern zu bringen. Vor allem entfalteten der hallesche Pietismus - in Zusammenarbeit mit der dänischen Krone - und die Herrnhuter Brüdergemeine umfangreiche missionarische Aktivitäten85. Während die dänisch-hallesche Mission jedoch die konfessionell-lutherische Prägung wahrte, wollte Zinzendorf die Übertragung der konfessionellen Gegensätze in die Missionsgebiete vermeiden86. In der Zeit der Erweckungsbewegung verstärken sich die missionarischen Bemühungen; es kommt zur Gründung verschiedener neuer Missionsgesellschaften. Zugleich aber ist auch eine zunehmende Konfessionalisierung der Missionswerke zu beobachten ("die lutherische Kirche kann nur lutherische Mission treiben!")87. Mit der Gründung der Evangelischen Allianz im Jahre 1846 und der entstehenden Gemeinschaftsbewegung kommen vermehrt überkonfessionelle Missionswerke ("Glaubensmissionen") auf (z.B. Allianz-Mission, gegr. 1889; Liebenzeller Mission, gegr. 1899), die sowohl aus dem landes- wie auch dem freikirchlichen Raum Unterstützung erhalten88. Diese Missionen sehen ihren vorrangigen Auftrag darin, Menschen durch die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus aus Sünde und Verlorenheit zu retten. Wie sehr die Missionare jener Missionsgesellschaften eine Verantwortung für die Menschen empfanden, die noch nie die Botschaft von der Sündenvergebung gehört hatten, zeigt beispielhaft ein Abschnitt aus einem Brief des Gründers der China-Inland-Mission89, Hudson Taylor (1832-1905). Er schreibt: "Ich fühle mich stärker denn je nach China gezogen. Bedenke doch - 360 Millionen Seelen ohne Gott und ohne Hoffnung in dieser Welt! Denke an die mehr als zwölf Millionen Mitgeschöpfe, die Jahr für Jahr ohne jeglichen Trost des Evangeliums sterben! ... Armes, vernachlässigtes China! Gibt es doch kaum jemanden, der sich darum kümmert."90 - Doch vergaßen die "evangelikalen" Pioniere der Mission keineswegs das leibliche Wohl der ihnen anvertrauten Menschen. Der erwähnte H. Taylor z.B. hielt ein Medizinstudium für die in seinem Fall beste Ausbildung, um den Chinesen wirkungsvoll dienen zu können91.

Viele der im vergangenen Jahrhundert oder Anfang dieses Jahrhunderts in Deutschland gegründeten Missionswerke bestehen heute noch und halten bewußt an der Tradition fest, sowohl das "Heil der Seele" wie das "Wohl des Leibes" der Menschen zu suchen. Indem sie sich an der heilsgeschichtlichen Konzeption des Neuen Testaments92 orientieren, nach der die Menschheit nicht infolge von Fortschritt in eine Heilszeit eintritt, sondern bis zur Parusie Christi schweren Gerichtszeiten entgegengeht (vgl. Mk 13,14ff.; 2 Thess 2,3ff.; Offb 6ff.), hat für sie - wie schon für die Missionswerke der Erweckungsbewegung - allerdings die Rettung des Menschen vor "dem kommenden Zorn" (1 Thess 1,10) Priorität. Diese Missionsgesellschaften sind seit 1969 in der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM) zusammengeschlossen93, deren Bekenntnisgrundlage neben der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz die Frankfurter Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission ist94. Letztere sowie die 1974 verabschiedete Berliner Ökumene-Erklärung sind zu zentralen Dokumenten in der Auseinandersetzung über das Missionsverständnis zwischen der EB und dem ÖRK geworden.



3.2.3. Evangelikale Mission angesichts des Missionsverständnisses des ÖRK

Nach Meinung mancher Kritiker des Ökumenischen Rates hat sich dessen Missionsverständnis in den letzten vier Jahrzehnten geändert. Es gehe dem ÖRK nicht mehr primär um die Aufforderung an Nichtchristen, sich zu Jesus Christus zu bekehren, sondern um den Eintritt in einen Dialog mit anderen Religionen und somit um eine Relativierung des Absolutheitsanspruches Jesu Christi (vgl. Apg 4,12)95. Wie das neu entstandene Verständnis von Mission zu beurteilen ist, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. Zu den schärfsten Kritikern der Genfer Ökumene gehören seit Beginn der siebziger Jahre die Evangelikalen. Zwar gibt es innerhalb der weltweiten EB auch Strömungen, die dem veränderten Missionsverständnis des ÖRK wohlwollend gegenüberstehen96; im deutschen Evangelikalismus sind sie jedoch kaum anzutreffen, so daß sie hier unberücksichtigt bleiben können. Die deutschen Evangelikalen zählen im Gegenteil zu den entschiedensten Gegnern des augenblicklichen Kurses des ÖRK und haben durch ihre Kritik an Genf, wie sie in der Frankfurter Erklärung97 und besonders in der Berliner Ökumene-Erklärung98 zum Ausdruck kommt, ihre eigene Position schärfer herausarbeiten können als je zuvor. Im einzelnen geht es den Evangelikalen um folgende Punkte:
1. Während der ÖRK (nach evangelikaler Ansicht) vom Absolutheitsanspruch Jesu Christi als dem einzigen Weg zu Gott abrücke, die anderen Religionen auch als Wege zu Gott akzeptiere und behaupte, daß Jesus Christus auch in Revolutionen zum Heil der Welt handle99, halten die Evangelikalen die Bekehrung zu und den Glauben an den von der Bibel bezeugten Jesus Christus für den einzigen Weg, um gerettet zu werden100.
2. Während der ÖRK unter Vernachlässigung der biblischen Heilsgeschichte und Eschatologie sowie des fundamentalen Unterschiedes zwischen Kirche Christi und Welt auf das Ziel nicht nur einer Welteinheitskirche101, sondern auch einer Einheit der ganzen Menschheit in Frieden und Freiheit zugehe ("utopische Vision")102 und zur Erlangung dieses Ziels auch vor der Unterstützung gewaltanwendender Gruppierungen, die einen gesellschaftlichen Umsturz anstreben, nicht zurückschrecke103, bekennen sich die Evangelikalen zur biblischen Heilsgeschichte. Nach dieser sei scharf zu unterscheiden zwischen der gegenwärtigen, durch Zerrissenheit und Unfrieden gekennzeichneten, und der kommenden Weltzeit, in der Frieden und Harmonie herrschen werden. Letztere werde aber nicht durch menschliches Vermögen auf evolutionärem Wege aus der Gegenwart hervorgehen - denn der in Sünde gefallene Mensch könne nicht eine heile Welt schaffen -, sondern - in radikaler Diskontinuität zur Gegenwart stehend - durch die Parusie Christi heraufgeführt werden104. Für die jetzige Weltzeit ergebe sich "das entschlossene Eintreten aller Kirchen für die Gerechtigkeit, den Frieden und den Entwicklungsdienst als eine zeitgemäße Verwirklichung der göttlichen Forderung nach Barmherzigkeit und Recht sowie des Liebesgebotes Jesu"105, aber selbstverständlich nicht die Unterstützung gewaltanwendender Gruppen (vgl. Mt 26,52).
3. Während der ÖRK aufgrund seiner (in den beiden vorhergehenden Punkten genannten) Prämissen die Verkündigung des biblischen Evangeliums von der durch Tod und Auferstehung Christi erfolgten Sündenvergebung für vernachlässigbar halte und durch den Ruf zur sozialpolitischen Befreiung zu ersetzen suche106, ist für die Evangelikalen das Wort vom Kreuz und der Aufruf zur Bekehrung zu Christus der zentrale Inhalt jeder missionarischen Arbeit, die allerdings von der diakonischen Tat flankiert sein soll107.

Die Auseinandersetzung mit dem Missionsverständnis des ÖRK führte bei den deutschen Evangelikalen einerseits zu einer klar umrissenen Beschreibung des eigenen Standpunktes, wie er sich in der Frankfurter und der Berliner Erklärung kundtut108, andererseits aber zu einer deutlichen Abwehrhaltung gegenüber der Genfer Ökumene. Alle drei deutschen evangelikalen Strömungen haben sich gegen den augenblicklichen Genfer Kurs ausgesprochen. Wie schon erwähnt, gehört die Frankfurter Erklärung zur Bekenntnisgrundlage der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen; der Gnadauer Verband hat sie ebenfalls übernommen109. Die Berliner Ökumene-Erklärung zählt zu den Bekenntnisgrundlagen der deutschen wie auch der internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften110. Die Pfingst-Evangelikalen, die zwar offiziell keine der beiden Erklärungen übernommen haben, lehnen gleichwohl den gegenwärtigen Kurs des Weltkirchenrates als "unbiblisch"111 ab.

Besonderes Mißfallen hat bei den Evangelikalen der "Sonderfonds des Programms zur Bekämpfung des Rassismus" des ÖRK hervorgerufen. Der Sonderfonds will durch geeignete Maßnahmen jeglicher Rassendiskriminierung entgegenwirken und sie überwinden, da sie "eine krasse Leugnung des christlichen Glaubens"112 darstelle. Obgleich diese Zielsetzung eindeutig humanitär ausgerichtet ist - so werden finanzielle Mittel für Soziales, Gesundheit, Ausbildung u.ä. bereitgestellt -, erhalten dennoch seit 1970 auch bewaffnete Befreiungsbewegungen finanzielle Unterstützung aus dem Sonderfonds. Dagegen haben verschiedene evangelikale Erklärungen protestiert und die Aufhebung dieses Programms gefordert, da es niemals die Aufgabe der Kirche sein könne, politische Bewegungen "in ihrem gewalttätigen Kampf zu unterstützen"113. Der Gnadauer Verband forderte die EKD wiederholt auf, ihre Mitgliedschaft im ÖRK ruhen zu lassen, da Genf weder Anstalten mache, das Antirassismus-Programm aufzugeben noch die Bereitschaft zeige, andere notwendige Kurskorrekturen vorzunehmen114. Die Heilsarmee trat 1981 sogar aus dem Weltkirchenrat aus.
Die Evangelikalen Deutschlands sind sich bei aller Kritik dessen bewußt, daß nicht der ganze ÖRK auf (nach ihrer Meinung) unbiblischen Wegen geht, sondern von "Genf her auch noch echt biblische Töne hörbar sind"115. Doch die Vermengung von Wahrheit und Irrtum sei das eigentlich Gefährliche.
Auf dem Weg der Wahrheit sehen sich nun die Evangelikalen, die sich ihr Missionsverständnis nicht von "den gesellschaftspolitischen Analysen unserer Zeit und den Anfragen der nichtchristlichen Menschheit"116, sondern vom Neuen Testament diktieren lassen wollen. Der Biblizismus der Evangelikalen ist letztlich ausschlaggebend für ihr Missionsverständnis. Aus der Bibel aber ersehen sie, daß die Verkündigung des Wortes vom Kreuz (1 Kor 1,18) und der Ruf zur Bekehrung der zentrale Auftrag der christlichen Gemeinde ist (vgl. Lk 24,46f.; Apg 26,17f.). Daher wird der Predigt auch grundsätzlich der Vorrang vor der Diakonie zugesprochen117. Ein weiterer Grund für die Anerkennung der Priorität der Verkündigung ist die Überzeugung der Evangelikalen, "daß die Umgestaltung der Welt durch die Umgestaltung der Menschen kommt"118. Alle umgekehrten Versuche, nämlich den Menschen durch eine vorangegangene Veränderung der Gesellschaft zu ändern, betrachten die Evangelikalen als gescheitert. Eine Veränderung des Menschen, eine "neue Schöpfung" (2 Kor 5,17), aber kann nur Gott wirken, der es dort tut, wo sein Wort verkündigt wird. - Doch halten die Evangelikalen zugleich die sozial-diakonische Tat für unverzichtbar. Verkündigung und Diakonie müssen Hand in Hand gehen119. Dies mag bei den Biblizisten nicht immer so unmißverständlich betont worden sein120; praktiziert wurde es jedoch stets seit dem Aufkommen protestantischer Missionsgesellschaften im Pietismus und in der Erweckungsbewegung. Diakonie aber bedeutet nach Ansicht der Evangelikalen auch (gewaltloser) Protest gegen jede "Art von Unterdrückung"121. Daher setzte sich z.B. die Evangelische Allianz bereits kurz nach ihrer Entstehung (1846) für die Aufhebung der Sklaverei ein122 und kämpft heute für die Beachtung der Würde der schwächsten Menschen unserer Gesellschaft, der ungeborenen Kinder123.

Zum Erfassen des evangelikalen Missionsverständnisses muß unbedingt der Begriff "Heilsgeschichte" berücksichtigt werden, der in der gesamten Theologie der Konservativen eine zentrale Stellung einnimmt124. "Das große Bibellexikon", eines der wichtigsten theologischen Nachschlagewerke aus evangelikaler Feder, definiert "Heilsgeschichte" als theologischen Begriff, "der eine Beziehung der Geschichte zum Handeln Gottes ausdrückt"125. Gott handle in der Geschichte, und zwar zum Heil der Menschen. Daher sei Heilsgeschichte "die Geschichte im Blick auf die göttlichen Verheißungen, d.h. auf das von Gott gegebene eschatologische Ziel"126. Diese Heilsgeschichte erstrecke sich von der Erschaffung der Welt, über den Sündenfall, die Erlösung durch Jesus Christus bis hin zu seiner Parusie und der Weltneuschöpfung. Entsprechend dieser heilsgeschichtlichen Konzeption, die im übrigen nicht eine Sonderlehre evangelikaler Theologen aus Deutschland ist, sondern in der weltweiten EB allgemein anerkannt wird127, bekennen sich die Verfasser der Lausanner Verpflichtung zur Erwartung der Parusie Christi128. Ausdrücklich stellen sie in Artikel 15 fest, daß die Zeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft Christi von der christlichen Gemeinde dazu genutzt werden muß, das Evangelium den Nichtchristen zu verkündigen. Der Eifer, der die Evangelikalen bei diesen ihren Missionsaktivitäten auszeichnet, entspringt der Überzeugung, daß mit der Parusie Christi die gegenwärtige "Gnadenzeit" zu Ende geht und dann jene Menschen, die das Evangelium kannten, aber ablehnten, verloren sind in der "ewigen Trennung von Gott"129. Daher drängt sie "die Liebe des Christus" (2 Kor 5,14), und sie bitten die Ungläubigen "an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!" (2 Kor 5,20).

Daß dieses biblizistische Missionsverständnis, das in erster Linie - aber nicht ausschließlich - jenseitsorientiert geprägt ist130, mit dem mehr diesseitsorientierten des ÖRK immer wieder in Konflikt gerät, braucht nicht hervorgehoben zu werden131.


3.3. Eschatologie in der Evangelikalen Bewegung

Eschatologische Themen zählen fraglos zu den für die Evangelikalen interessantesten überhaupt. Wenn schon die Veröffentlichungen zum Schrift- und Missionsverständnis zahlreich sind - die zur Eschatologie sind fast unüberschaubar. Die Angst des Menschen vor der Zukunft und sein Wunsch, sie zu kennen, läßt auch die Endzeitliteratur der Evangelikalen zeitweise Auflagen in Höhe sechsstelliger Zahlen erreichen.

Die Evangelikalen bekennen sich mit der ganzen Christenheit aller Zeiten zur Erwartung der sichtbaren Wiederkunft Jesu Christi und den damit in Zusammenhang stehenden Ereignissen, wie sie im Neuen Testament bezeugt und in den altkirchlichen Symbolen und den reformatorischen Bekenntnisschriften formuliert wurden. Doch während die Bekenntnisse nur mit knappen Worten auf die Parusie eingehen132, sind seit dem Aufkommen der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert und besonders seit der Entstehung der EB zahlreiche Veröffentlichungen zu eschatologischen Fragen erschienen. Das Anliegen dieser Publikationen ist es, einerseits den Christen in der immer knapper werdenden Zeit bis zur Parusie Christi ein stärkeres Bewußtsein ihrer missionarischen Verantwortung zu vermitteln, andererseits einer vor großen Problemen stehenden Menschheit zu bezeugen, "daß der auferstandene Jesus Christus sich selbst vor den Gläubigen und Ungläubigen als universaler Herr und Richter enthüllen und die Welt in einer neuen Schöpfung zur Vollendung führen wird"133.

Die Evangelikalen sind nahezu einmütig der Ansicht, daß die gegenwärtige Zeit als "Endzeit" zu charakterisieren ist134. Unter Endzeit verstehen sie den Abschnitt der Geschichte, der der Parusie Christi unmittelbar vorangeht und nach dem biblischen Zeugnis von schweren Naturkatastrophen, zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, kosmischen Veränderungen und einem weltweiten Abfall vom Christentum verbunden mit einem einschneidenden sittlich-moralischen Niedergang gekennzeichnet ist135. Die Evangelikalen vertreten also keinen Fortschrittsoptimismus hinsichtlich der Entwicklung der Menschheit, sondern rechnen mit zunehmender Dekadenz, der erst die Parusie Christi Einhalt gebieten wird. Ihren Höhepunkt wird die Endzeit mit der "großen Trübsal"136 und dem Auftreten des Antichristen finden (vgl. Dan 7,25; Offb 13,5). In ihm werden die antigöttlichen Mächte gebündelt sein, so daß für die Christen eine Zeit schwerer Verfolgung anbrechen wird (vgl. Offb 13,7). Auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet scheint er jedoch Hervorragendes vollbringen zu werden; daher werden ihm die Völker zufallen und göttliche Verehrung erweisen (Offb 13,4.8.12; 2 Thess 2,4)137. Die 42-monatige Wirksamkeit des Antichristen, den man sich nach den neutestamentlichen Aussagen als einen Beherrscher der ganzen Erde vorzustellen hat (vgl. Offb 13,11ff.), wird durch die sichtbare Ankunft Jesu Christi jäh beendet werden (vgl. 2 Thess 2,8)138.

Eine zentrale Stellung in den eschatologischen Überzeugungen der Evangelikalen nimmt die Lehre von der Entrückung der ecclesia invisibilis ein. Nach 1 Kor 15,23f. muß (entsprechend evangelikaler Ansicht) zwischen einer Auferstehung der Christen und der Nichtchristen unterschieden werden: Die Auferweckung der Christen wird der der Ungläubigen zeitlich vorangehen. Diese Auferstehung der Gläubigen wird nach 1 Thess 4,13ff. unter besonderen Umständen erfolgen und ist gemäß Vers 17 als ein "Entrückt-Werden" zu kennzeichnen. Die unter den Biblizisten (schon im vergangenen Jahrhundert) lebhaft diskutierte Frage lautet nun: Wann wird diese Entrückung stattfinden? Drei unterschiedliche Antworten werden gegeben:
1. Manche Ausleger meinen, die Entrückung der ecclesia invisibilis sei vor der großen Trübsal, so daß die Christen die notvolle Endzeit nicht zu erleben brauchten ( "Prae-Tribulationisten");
2. Andere datieren die Entrückung in die Mitte der Trübsalszeit ("Mid-Tribulationisten");
3. Viele glauben schließlich, Parusie und Entrückung fallen zusammen, so daß die Christenheit die Trübsal zu erleiden habe ("Post-Tribulationisten")139.

Der Zeitpunkt der Entrückung ist unter den Evangelikalen umstritten140, nicht jedoch die Tatsache, daß zwischen der Entrückung, also der Auferweckung der Gläubigen, und der Auferstehung der Ungläubigen am Jüngsten Tag zu unterscheiden ist. Denn nach Meinung der meisten deutschen Evangelikalen wird zwischen der Parusie Christi und dem Jüngsten Tag das Millennium, das Tausendjährige Friedensreich, liegen141. Mit ihrem Festhalten am buchstäblichen Verständnis von Offb 20,1ff. befinden sich die Biblizisten allerdings nicht mehr in Übereinstimmung mit den reformatorischen Bekenntnissen und der gegenwärtigen theologischen Wissenschaft. Die Reformatoren nämlich lehnten entschieden jeden Chiliasmus ab, weil sie in ihm judaisierende Tendenzen zu erkennen glaubten und auch durch die Ereignisse um das Täuferreich von Münster allem chiliastischen Gedankengut äußerst kritisch gegenüberstanden142. Ab dem 17. Jahrhundert setzte sich dann aber der Millenniarismus mehr und mehr in Teilen des Protestantismus durch. Verantwortlich dafür war vor allem die exegetische Erkenntnis, daß die einzige neutestamentliche Perikope zum Thema Millennium, Offb 20, nur eschatologisch gedeutet werden könne und nicht, wie bisher weithin üblich, auf eine tausendjährige Periode der Vergangenheit zu beziehen sei. Zunächst in England, später dann im Zusammenhang mit dem "Great Awakening" in Nordamerika und unter dem Einfluß J. A. Bengels (1687-1752) auch in Deutschland, breitete sich die Lehre vom Millennium besonders in biblizistisch geprägten Kreisen rasch aus143. Obgleich chiliastische Vorstellungen in der wissenschaftlichen Theologie der Gegenwart weitgehend diskreditiert sind (und auch von der kath. Kirche abgelehnt werden, vgl. DS 3839), glauben die Evangelikalen, dem biblischen Zeugnis über das Millennium nur mit der Annahme einer real auf dieser Erde sich manifestierenden Herrschaft Jesu Christi gerecht werden zu können.
Mit der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches sehen die Evangelikalen die alttestamentlichen Verheißungen144 über das messianische Friedensreich verwirklicht. Die Hoffnung der Juden, einmal, "gerettet aus der Hand unserer Feinde, ohne Furcht ihm" zu dienen "in Frömmigkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage" (Lk 1,74f.), wird nach Überzeugung der Evangelikalen Wirklichkeit werden. Denn "Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erkannt hat" (Röm 11,2). Nach evangelikaler Ansicht ist das Volk Israel lediglich eine gewisse Zeit von Gott zur Seite gestellt worden; sobald jedoch die "Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird" (Röm 11,25), wird Gott sich seinem Volk wieder zuwenden145.

Selbstverständlich haben die Staatsgründung Israels im Jahre 1948 sowie die Besetzung Jerusalems während des Sechs-Tage-Kriegs (1967) für die Biblizisten eine große Bedeutung, da sie in diesen Ereignissen die Erfüllung biblischer Weissagungen erkennen146. Besonders wegen der am 7. Juni 1967 erfolgten Einverleibung Jerusalems glaubt man, daß das Ende des gegenwärtigen Zeitalters und die Ankunft Jesu Christi (vgl. Lk 21,24) und somit der Anbruch des Millenniums nahe bevorstehen. In diesem Tausendjährigen Reich werden die Juden, nachdem sie zuvor ihren Messias erkannt haben (vgl. Sach 12,10f.; Offb 1,7), unter seiner Herrschaft eine bevorzugte Stellung innehaben, die einer geistigen und geistlichen Führerschaft im Blick auf die anderen Nationen gleichkommt (vgl. Jes 2,2-4)147. Erst nach Abschluß des Millenniums beginnt das Weltgericht (Offb 20,11ff.), das einen doppelten Ausgang nehmen wird148. Daran schließt sich die Neuschöpfung von Himmel und Erde an (vgl. Offb 21,1), so daß das paulinische Wort in Erfüllung gehen wird: Gott wird sein alles in allen (1 Kor 15,28)149.

Die eschatologischen Überzeugungen der Evangelikalen spiegeln sich natürlich in ethischen Positionen wider. Weil man mit der Parusie Christi und dem Jüngsten Gericht rechnet, wird ein an den Geboten Gottes ausgerichteter Lebenswandel angestrebt. Dadurch soll Gott geehrt und zugleich die nichtchristliche Welt auf Christus aufmerksam gemacht werden. Besonders die missionarischen Aktivitäten der Evangelikalen sind motiviert von der Erwartung der Wiederkunft Jesu Christi. Denn bis zum Tag der Parusie gelte es, gemäß Mt 24,14 das Evangelium allen Menschen zu predigen.

Wie für das evangelikale Missionsverständnis ist auch für die eschatologische Konzeption das Schriftverständnis der Evangelikalen verantwortlich. Indem sie die Bibel wörtlich nehmen und als Einheit auffassen, entsteht als Ergebnis das hier (nur in Grundzügen) skizzierte eschatologische System, das ebenfalls durch eine gewisse Einheitlichkeit gekennzeichnet ist, sich damit aber von den durch die historisch- kritische Exegese eruierten verschiedenen eschatologischen Modellen innerhalb des Neuen Testaments unterscheidet. Daß sich die Evangelikalen von vielen Konzeptionen der wissenschaftlichen Theologie mit ihren teilweise rein präsentischen und immanentistischen Ansätzen150 unterscheiden, ist ihnen durchaus bewußt151. Indessen gibt es für sie keinerlei Alternative zum buchstäblichen Verständnis der Bibel. Denn sie erkennen viele biblische Weissagungen als bereits wörtlich in Erfüllung gegangen152 und folgern, daß sich die noch ausstehenden in gleicher Weise erfüllen werden153.


3.4. Ethische Grundpositionen der Evangelikalen

3.4.1. Voraussetzungen: Schöpfungs-Ethik - Reichsgottes-Ethik

Bereits im Pietismus des 17./18. Jahrhunderts findet sich die Unterscheidung einer allgemeinverbindlichen und einer spezifisch christlichen Ethik. So war es Ph. J. Speners Meinung, daß ein Christ als wiedergeborener Mensch strengeren ethischen Maßstäben unterliege als ein Nichtchrist154. Ähnlich differenzierte auch A. Schlatter in seiner ethischen Konzeption zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für ihn ist die "am Kreuz vollbrachte Versöhnung mit Gott ... die unabdingbare Grundlage einer jeden christlichen Ethik"155, so daß nur der diese Versöhnung annehmende Mensch unter den Anspruch des christlichen Ethos fällt. In dieser Tradition stehend - obgleich ohne ausdrückliche Berufung auf Spener oder Schlatter -, betrachten auch die Evangelikalen das Heilsgeschehen von Karfreitag und Ostern sowie Bekehrung und Wiedergeburt156 als notwendige Voraussetzungen der christlichen Ethik. Es ergibt sich daher die Unterscheidung von einer "Reichsgottes-Ethik" (auch "Ethik der Neuen Kreatur", "Nachfolge-Ethik" oder schlicht "christliche Ethik" genannt) und einer "Schöpfungs-Ethik" (auch "allgemeine Ethik" genannt). Während die erste nur der christlichen Gemeinde gilt, richtet sich die allgemeine Ethik über die Christen hinaus auch an die Nichtchristen und formuliert die aus biblischer Sicht für alle Menschen verbindlichen Maßstäbe Gottes157.

Der Ermöglichungsgrund der allgemeinen Ethik liegt in der Geschöpflichkeit des Menschen, der der christlichen Ethik in der Wiedergeburt (vgl. Joh 3,3ff.; 2 Kor 5,17). Nach evangelikaler Überzeugung hat der Nichtchrist wegen seiner Geschöpflichkeit die Verpflichtung, sich an das in sein Herz geschriebene Gesetz Gottes zu halten, das im wesentlichen mit dem Dekalog übereinstimmt (vgl. Röm 2,15). Dieser, der zunächst dem Volk Israel gegeben ist, dokumentiert den göttlichen Erhaltungswillen der in Sünde gefallenen Welt158; der usus politicus der Zehn Gebote soll ein Riegel gegen die Sünde sein und gilt nach evangelikaler Ansicht "auch für die Verhältnisse einer demokratischen Rechtsstaatlichkeit"159 mit religiösem Pluralismus160.
Die im Folgenden gegebene Darstellung einiger ethischer Grundpositionen der Evangelikalen wird sich nur auf die Schöpfungs-Ethik beziehen. Dies geschieht deshalb, weil bereits eine größere Zahl evangelikaler Sachbücher zu Themen aus der Reichsgottes-Ethik vorliegt161 und außerdem solche Themen in dieser Arbeit verschiedentlich erwähnt wurden.


3.4.2. Die Abtreibungsproblematik

Das vielleicht zentralste Thema evangelikaler Schöpfungs-Ethik der vergangenen zwei Jahrzehnte ist die Abtreibungsfrage162. Bereits 1971 wandte sich die Konferenz Bekennender Gemeinschaften (KBG) in einem Schreiben an die Bundesregierung, den Bundestag und den Bundesrat gegen die beabsichtigte Revision des Paragraphen 218 StGB163. Nachdem die Revision dennoch beschlossen worden war164, kam es in den folgenden Jahren sowohl aus den Reihen der KBG165 als auch von seiten der Deutschen Evangelischen Allianz166 und des Gnadauer Verbandes167 immer wieder zu Protesten gegen die gängige Abtreibungspraxis, die bis zu einer von Evangelikalen initiierten Fastenaktion gegen die behördliche Zulassung einer Abtreibungsambulanz führten168.

Der Grund für das entschiedene Eintreten der Evangelikalen für das ungeborene Leben liegt in ihrer Überzeugung, daß jede Abtreibung Tötung menschlichen Lebens ist. Während bis vor einigen Jahren noch bei manchen Forschern die Vorstellung herrschte, der menschliche Keim sei durchaus nicht von Anfang an als vollwertiger Mensch anzusehen, sondern wiederhole (in Anlehnung an E. Haeckels Hypothese vom sog. "biogenetischen Grundgesetz") in seiner Entwicklung die gesamte Evolution, also auch z.B. fischähnliche Stadien mit Kiemen usw., weiß man inzwischen aufgrund von humanembryologischen Untersuchungen, daß mit der Befruchtung ein "vollständiger, ... kleiner Mensch sein Leben beginnt"169. Wenn dem aber so ist, wird mit jeder Abtreibung das biblische Gebot "Du sollst nicht töten!" gebrochen. Nach evangelikaler Ansicht aber wird eine Gesellschaft nicht ungestraft über längere Zeit nach dem Ebenbild Gottes geschaffene Menschen töten können. Daher warnen die Evangelikalen immer wieder vor dem richtenden Eingreifen Gottes, der am gewaltsamen Tod von seit 1945 über zehn Millionen170 ungeborenen Kindern in Deutschland nicht gleichgültig vorübergehen werde: "Unser Volk und unsere evangelische Kirche aber müßte aus den Erfahrungen des Dritten Reiches wissen, was es bedeutet, durch Massenliquidation wehrloser Unschuldiger Gottes Gericht herauszufordern."171 Zwar begrüßen die Evangelikalen jede Bemühung, die auf einen Bewußtseinswandel im Blick auf die Achtung vorgeburtlichen Lebens innerhalb der Bevölkerung zielt, doch halten sie zugleich die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen für unzureichend172. Von der seit 1976 geltenden erweiterten Indikationenregelung173 können sie nur die medizinische Indikation akzeptieren174. Vor allem die sogenannte "soziale Indikation", die einen Schwangerschaftsabbruch wegen einer zu erwartenden sozialen Notlage der Mutter erlaubt und die am häufigsten gestellte Indikation ist, erscheint den Evangelikalen - und nicht nur diesen - in der Bundesrepublik als einem der reichsten Länder der Erde völlig deplaziert175.
Als ein Zeichen zunehmenden Verfalls humanen Empfindens und eines maßlos gesteigerten Egoismus ist nach evangelikaler Überzeugung die Forderung nach völliger Freigabe des Paragraphen 218 unter Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau ("mein Bauch gehört mir!") zu werten. Es entspreche nämlich "dem allgemeinen Grundkonsens demokratischer Gesellschaften, daß das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen seine Grenze am Selbstbestimmungsrecht anderer Mitglieder der Gesellschaft findet und niemals die physische Vernichtung eines Konfliktpartners einschließen kann" 176.

Seit Beginn der achtziger Jahre sind innerhalb der EB einige Initiativen entstanden177, die es nicht bei Protesten gegen die gängige Abtreibungspraxis belassen wollen. Sie helfen Schwangeren in Konfliktsituationen, indem sie finanzielle Unterstützung gewähren oder die Hilfe suchenden Frauen in besondere Häuser aufnehmen, in denen die jungen Mütter eine gewisse Zeit wohnen und lernen können, mit ihrer neuen Situation umzugehen178.
Erstaunlich ist die Beobachtung, daß die Evangelikalen in ihrem Einsatz für den Schutz des ungeborenen Lebens relativ wenig Unterstützung von seiten der EKD erhalten179; die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche erweist sich da weit weniger problematisch180. Zwar hatte die Deutsche Evangelische Allianz bereits 1976 darauf hingewiesen, daß aufgrund schwerwiegender Lehrunterschiede Evangelikalen nicht der Besuch gottesdienstlicher Veranstaltungen der römisch-katholischen Kirche zu empfehlen sei; doch bedeute dies nicht unbedingt eine "Ablehnung der Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche oder ihren Gliedern auf diakonischem, kulturellem, sozialem oder politischem Gebiet"181. Daher kommt es auch immer wieder zur Unterstützung von Aktionen katholischer Abtreibungsgegner durch Evangelikale und umgekehrt182.


3.4.3. Moderne Technologien

Während es im Blick auf die friedliche Nutzung der Atomkraft unter den Evangelikalen183 so wenig einen Konsens gibt wie in der Gesamtgesellschaft und auch die Argumente von Befürwortern bzw. Gegnern denen aus Politik und Wirtschaft entsprechen, findet man eine weitgehende Einmütigkeit der Evangelikalen bezüglich der Beurteilung der Gentechnologie und der extrakorporalen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation). Bereits im Jahre 1983 trat eine evangelikale Diakonie-Einrichtung mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit, in der die In-vitro-Fertilisation und der Embryo-Transfer entschieden abgelehnt wurden184. In der Stellungnahme wird die Ansicht vertreten, daß nicht alles Machbare gut und dem Menschen zu tun erlaubt sei. Der Mensch sei zwar mit der Herrschaft über die Schöpfung Gottes betraut worden, doch schließe diese "die Verfügung über den Mitmenschen, also über menschliches Leben und menschlichen Tod, nicht ein"185. Als Geschöpf dürfe sich der Mensch nicht Kompetenzen anmaßen, die nur dem Schöpfer zustehen. Das Geschehen der extrakorporalen Befruchtung versage außerdem dem Menschen als ganzer Person, an der Zeugung beteiligt zu sein; damit gehe "aber ein Stück menschlichen Wesens verloren"186. Ausdrücklich verweist die Erklärung auch auf die Konsequenzen jeder In-vitro-Fertilisation, die schwerwiegende ethische Probleme aufwerfen: überzählige befruchtete Eizellen gehen entweder zugrunde, was jeweils den Tod eines Menschen in seiner frühesten Entwicklungsphase bedeutet, oder sie können zu Experimenten benutzt werden, die das Tor zu einem weiten Spektrum möglicher Manipulationen mit unkalkulierbaren Folgen öffnen187. Daher rät die Stellungnahme dazu, von der extrakorporalen Befruchtung Abstand zu nehmen und statt dessen Unfruchtbarkeit, die ja nicht unbedingt als Krankheit zu definieren und deshalb nicht medizinisch behandlungsbedürftig ist188, als eine Fügung Gottes zu akzeptieren. Für ein Ehepaar, das keine eigenen Kinder habe, gebe es viele andere Aufgaben, nicht zuletzt die der Adoption, die "sich in vielen Fällen als eine echte Lebenshilfe für alle Beteiligten erwiesen"189 habe.

Seit der Veröffentlichung der genannten Stellungnahme im Jahre 1983 haben sich verschiedene evangelikale Institutionen ihrer Position angeschlossen und lehnen die extrakorporale Befruchtung ab190. Die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) brachte ihre Bedenken gegen sie bei einem Gespräch mit der Bundesregierung in Bonn im November 1985 zum Ausdruck; sie sprach sich außerdem dafür aus, die Ersatzmutterschaft, Analyse des Erbgutes sowie Genmanipulationen gesetzlich zu untersagen, damit der Schutz des menschlichen Lebens vom Zeitpunkt seiner Entstehung an gewährleistet bleibe191. - Knapp zwei Jahre nach dem Gespräch mit der Bundesregierung veröffentlichte der Hauptvorstand der DEA im Juli 1987 eine Erklärung unter dem Titel "Die neuen Möglichkeiten der Gentechnologie. Grundsätzliche ethische Überlegungen"192, die der Bundesregierung zugeleitet wurde. In ihr wird, ausgehend von der Erkenntnis, daß menschliches Leben mit der Befruchtung der Eizelle beginnt, ein umfassender Schutz des Menschen von der Zeugung an durch den Gesetzgeber gefordert. Die im Grundgesetz der Bundesrepublik formulierten Grundrechte des Menschen auf "Leben und körperliche Unversehrtheit" sowie auf "freie Entfaltung seiner Persönlichkeit"193 seien nur dann zu gewährleisten, wenn die Gefahren der Gentechnik erkannt und durch Gesetze möglichst ausgeschlossen würden194. Daher sei so schnell wie möglich den Empfehlungen verschiedener Kommissionen von Experten zu folgen und gesetzliche Verbote aufzurichten, die genetische Eingriffe in Keimbahn-Zellen des Menschen sowie die Erzeugung genetisch-identischer Menschen (Klonen) und von Mischwesen aus Mensch und Tier (Schimären) verhindern195. Diese Verbote, über die ein weitgehender Konsens bei den Experten und in der Gesamtgesellschaft besteht, möchten die Evangelikalen ergänzt sehen von verschiedenen anderen gesetzlichen Regelungen. So wird z.B. die Forderung erhoben, jeden Versuch und genetischen Eingriff am menschlichen Embryo zu verbieten; denn niemand könne garantieren, daß selbst Eingriffe, die einzig therapeutischen Zwecken dienen sollten, nicht unkontrollierbare Folgen nach sich ziehen196. Auch den Gentransfer in menschliche Körperzellen (somatische Gentherapie) lehnen die Vertreter der DEA ab, da er "der erste Schritt auf dem Weg zur Züchtung des Menschen"197 sei. Ebenso könnten molekular-biologische Verfahren zur Entschlüsselung menschlicher Erbanlagen (Genomanalyse), sei es bei der pränatalen Diagnostik oder bei Reihenuntersuchungen an Arbeitnehmern, nicht akzeptiert werden. Denn auch hierbei könne selbst durch ein kompliziertes Sicherungssystem der Mißbrauch nicht ausgeschlossen werden; außerdem werde es bei durch pränatale Diagnoseverfahren erkannten genetischen Defekten vermehrt zu Abtreibungen aufgrund von eugenischer Indikation kommen, also zur planmäßigen Tötung von Menschen, denen andere Menschen das Recht zu leben verweigern198. Schließlich spricht sich die Stellungnahme auch gegen die Ersatzmutterschaft und die extrakorporale Befruchtung sowie das Einfrieren und Auftauen von Embryonen (Krykokonservierung) aus. Bei der Krykokonservierung sei der Tod von Embryonen praktisch "vorprogrammiert"; außerdem werde die für das "Wesen des Menschen konstituierende Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgesprengt und seine geschichtliche Existenz aufgelöst"199. Welche Folgen dies für einen "Spätgeborenen" habe, sei unabschätzbar.

Indem die Evangelikalen grundsätzlich jeden Eingriff in menschliche Gene ablehnen, möchten sie die dem Menschen (von der Zeugung an) von seinem Schöpfer gegebene (und auch vom Grundgesetz zuerkannte) Würde erhalten sehen. Das Recht, über Leben und Tod sowie die das Leben des Menschen bestimmenden Gene zu verfügen, komme allein Gott zu, weshalb dem Menschen jedes Experimentieren an den Erbanlagen untersagt sei. Im übrigen berge die Gentechnologie so große Gefahren für die Menschheit in sich, daß sich die Menschen schon aus "Selbstschutz" Grenzen ihres Tuns auferlegen müßten200. - Es geht den Evangelikalen bei ihren Vorschlägen zur Gentechnologie nicht um Wissenschafts- oder Technik-Feindlichkeit, sondern "um den verantworteten Umgang mit dem Risiko, weil hier der Mensch selbst unmittelbar Inhalt des Risikos ist und Art und Umfang der Schadensfolgen entsprechend schwer wiegen"201.


3.4.4. "Einfacher Lebensstil"

Seitdem die Lausanner Verpflichtung (Art. 9) die Christenheit zu einem "einfachen Lebensstil" aufgefordert hat, "um großzügiger zur Hilfe und Evangelisation beizutragen"202, und seit sich mit dem Beginn der achtziger Jahre die ökologische Krise ständig verschärft hat, ist auch den deutschen Evangelikalen ihre Verantwortung für die Umwelt vermehrt bewußt geworden. So beschäftigte sich der Arbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT) auf seiner ersten Konferenz 1979 in Tübingen mit dem Thema "Einfacher Lebensstil im Dienst von Evangelisation und sozialer Gerechtigkeit"203. Sowohl dieses Thema wie auch die Formulierung aus Artikel 9 der Lausanner Verpflichtung zeigen, daß die Evangelikalen mit einem einfacheren Lebensstil vor allem zwei Ziele verfolgen: es sollen die infolge Einschränkung des Lebensstandards freigesetzten Mittel zur Ausbreitung des Evangeliums und zur Unterstützung bedürftiger Menschen eingesetzt werden. Zu diesen beiden Zielen ist in der jüngsten Vergangenheit aber noch ein drittes hinzugekommen: Verzicht um der bedrohten Umwelt willen.

Die Adressaten der Aufforderung, einfacher zu leben, sind - wie Art. 9 der Lausanner Verpflichtung ausdrücklich sagt - diejenigen, die "im Wohlstand" leben, also besonders die Christenheit des westeuropäischen und nordamerikanischen Bereiches. - Das evangelikale Verständnis von "einfachem Lebensstil" ist nicht prinzipielle Armut, als ob die wohlhabenden Christen aufgefordert wären, ihren ganzen Besitz zu verkaufen und den Erlös den Armen zu geben204; es meint auch nicht nur die Beschränkung auf das Standesgemäße, so daß sich die Lebensführung des einzelnen, ob üppig oder bescheiden, jeweils nach seiner sozialen Stellung zu richten habe205. Es geht vielmehr darum, den eigenen Lebensstandard an den Erfordernissen des Nächsten, und zwar sowohl den geistlich-geistigen wie den materiellen Bedürfnissen, auszurichten. Dies bedeutet in Anlehnung an 2 Kor 8,13f.: Die Not des Andern läßt mich meinen Überfluß erkennen und veranlaßt mich zur Einschränkung, so daß ich von meinem Überfluß abgebe und der Nächste eine Besserung seiner Lebenssituation erfährt206. Diese Besserung bezieht sich, wie angedeutet, auf die geistliche Lage des Andern: wohlhabende Christen stellen Personen und Mittel zur Verfügung, um das Wort Gottes auszubreiten; sie bezieht sich aber auch auf die materiellen Bedürfnisse: durch Entwicklungshilfe und verschiedene andere soziale Maßnahmen wird fremde Not gelindert. Die Evangelikalen der Bundesrepublik versuchen, sich diesen Aufgaben durch die über 50 in der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM)207 zusammengeschlossenen Missionsgesellschaften sowie die beiden in Verbindung mit der DEA tätigen Hilfswerke "Hilfe für Brüder"208 und "Christliche Fachkräfte International"209 zu stellen210.

Besondere Aufmerksamkeit hat in der jüngsten Vergangenheit die Forderung nach einem einfachen Lebensstil auch deshalb gefunden, weil die Umweltzerstörung bedenkliche Ausmaße angenommen hat. Die Evangelikalen haben sich bereits relativ früh mit dieser Herausforderung beschäftigt211 und auf die Vernachlässigung des biblischen Auftrages zur Pflege und verantwortlichen Verwaltung der Erde (vgl. Gen 2,15) hingewiesen. Der Mensch sei von Gott als Verwalter (Haushalter) mit dem Auftrag eingesetzt, die Schöpfung Gottes zu bewahren212. Doch der "Mangel einer «Erhaltungs-Ethik»"213 innerhalb der Christenheit habe dazu beigetragen, daß der römisch-rechtliche Eigentumsbegriff214 im öffentlichen Leben beherrschend geworden sei und der Mensch den ihm von Gott gegebenen Auftrag fast vergessen habe und mehr zu einem Ausbeuter als einem Bewahrer der Schöpfung geworden sei. Die Christen und alle anderen Menschen haben daher (nach Ansicht der Evangelikalen) neu zu lernen, "nicht vom Kapital, sondern von den Zinsen", nicht "vom Saatgut, sondern von der Ernte"215 zu leben. Dies bedeutet praktisch: "Abkehr von der «Wegwerf-Gesellschaft», von einer auf ständigen Mehrkonsum drängenden Wirtschaftsform und Hinkehr zu bedachtsamer Erhaltung des uns in der Natur anvertrauten Gutes"216. Es gelte, das biblische Vorbild des genügsamen, bescheidenen Lebens nachzuahmen, das auch für unsere Zeit Gültigkeit besitze; denn es sei nicht eschatologisch motiviert, sondern werde mit der Endlichkeit des Menschen begründet (vgl. 1 Tim 6,6ff.)217. Ein einfacher Lebensstil ("Konsumverzicht") werde so einerseits der biblischen Anweisung, die Schöpfung zu bewahren, Rechnung tragen, andererseits aber auch Mittel freisetzen, mit denen bedürftigen Menschen geholfen werden könne. Es impliziere also die Erkenntnis, Haushalter des Eigentums eines anderen, nämlich Gottes, zu sein, sowohl einen bedachtsam-bescheidenen Umgang mit diesem Eigentum als auch die großmütige Fürsorge im Blick auf den Bedürftigen.