DIE ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER DEUTSCHEN EVANGELIKALEN BEWEGUNG


Einleitung: Es ist nicht möglich, ein bestimmtes Jahr für die Entstehung der deutschen Evangelikalen Bewegung (EB) anzugeben. Dies schon deshalb nicht, weil die Bewegung sich nie förmlich konstituiert hat. Ihre Entstehung vollzog sich in einem längeren Prozeß über einen Zeitraum von einigen Jahren. Angestoßen wurde die Herausbildung der EB durch Tendenzen in Theologie und Gesellschaft, die als bedrohlich angesehen wurden. Die gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik, vor allem der Wandel ethischer Normen und Verhaltensweisen, wurde von den Gruppen, die sich zur EB formierten, als Gefährdung christlicher Maßstäbe betrachtet. Und ähnlich wie in den USA ist auch in Deutschland als ein auslösendes Moment für das Aufkommen der EB die bibelkritische Theologie, in Deutschland vor allem die Rudolf Bultmanns und seiner Schüler, zu nennen, die diesen Wandlungen Vorschub zu leisten schien. Diese Entwicklungen riefen als Reaktion in den Jahren seit 1950 konservative, an "Bibel und Bekenntnis" orientierte Kräfte innerhalb der deutschen ev. Landeskirchen auf den Plan, die sich später in der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" sammelten.
Der entscheidende Auslöser für die Entstehung der EB sind die von den USA (besonders Billy Graham) ausgehenden missionarischen Impulse, die zu einem neuen Bewußtwerden des Auftrags der Evangelisation und Mission führten. Es war vor allem die Deutsche Evangelische Allianz (DEA), die diese Anregungen aufnahm und an die mit ihr verbundenen christlichen Kreise weitergab. Mit einer missionarisch-evangelistischen Offensive versuchte man, sich der bedrohlichen Entwicklung zu erwehren und durch den Rückzug auf Bibel und Bekenntnis ein Bollwerk zu errichten.

In den beiden genannten Organisationen, der DEA mit den ihr verbundenen Werken und der Bekenntnisbewegung (bzw. dem Dachverband "Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands"), findet die deutsche EB im wesentlichen ihren Ausdruck. Beide sollen im Folgenden untersucht werden. Daneben wird noch - etwas kürzer - auf Pfingstgemeinden und charismatische Kreise sowie auf einige freie evangelikale Werke einzugehen sein, die entweder der DEA oder der Bekenntnisbewegung oder den enthusiastisch geprägten Gemeinden nahestehen.


2.1. Die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) und die ihr verbundenen evangelikalen Werke

Entsprechend der Themastellung dieser Arbeit wird auch im Blick auf die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) nur der Zeitraum von 1965 bis 1985 ausführlich dargestellt. Um aber das Wesen der Allianzbewegung leichter verstehen zu können, ist ein kurzer Blick in die Geschichte unverzichtbar.


2.1.1. Entstehung und Entwicklung der DEA bis 1945

Als eine Frucht der Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts entstand 1846 die "Evangelical Alliance"1. Die 921 Vertreter aus über fünfzig verschiedenen Kirchen, die sich in London zur Gründungsversammlung trafen, wollten "nicht eine sichtbare, organisierte kirchliche Einheit mit gleicher Lehre und gleichem Kultus ... schaffen, sondern einen sichtbaren Bruderbund aller, die an Jesus Christus glauben"2. Der Wunsch, als Christen der unterschiedlichsten Denominationen näher zusammenzurücken, entsprang der Entdeckung, daß die Übereinstimmung in Glaubensfragen unter den "Evangelicals" groß genug sei, um viel intensiver als bisher Gemeinschaft zu pflegen3. - Als Ergebnis der Gründungsversammlung wurden - neben einigen allgemeinen Entschließungen - vier Hauptbeschlüsse4 gefaßt:
Im ersten legen die Gründungsväter der Allianz ihre ekklesiologische Grundeinsicht dar, daß die Kirche Christi niemals ihre wesentliche Einheit ("its essential unity") verloren habe noch verlieren könne. Diese Einheit sei nicht erst zu schaffen, sondern sie bestehe schon in Christus. Sie müsse aber bekannt und sichtbar gemacht werden, damit deutlich werde: ein lebendiges und ewiges Band verbindet alle wahrhaft Gläubigen miteinander. Dabei sollten die einzelnen Kirchen durchaus ihre jeweilige Prägung behalten, die sie nach Gottes Führung in ihrem geschichtlichen Gewordensein erhalten hätten. Die Gläubigen der verschiedenen Denominationen sollten einander jedoch als Glieder des einen Leibes Christi in herzlicher und brüderlicher Gemeinschaft begegnen. Diese hier skizzierte ekklesiologische Konzeption weist eine große Ähnlichkeit mit der sogenannten "Tropenlehre" Zinzendorfs5 auf, die den Gründungsvätern der Allianz bekannt gewesen sein könnte.
Der zweite Hauptbeschluß formulierte die neun Punkte umfassende "Basis" der Evangelischen Allianz, die einerseits unter den Evangelikalen bestehende theologische Unterschiede nicht verneinen, andererseits aber das Verbindende und theologisch Verbindliche herausstellen wollte. Diese Basis sollte zum "Credo" der Evangelikalen werden. Als Kernpunkte dieser Basis gelten das Bekenntnis zur göttlichen Inspiration der Bibel (Art. 1), zur Trinität (Art. 3), zur Verderbtheit der menschlichen Natur infolge des Sündenfalls (Art. 4), zur Inkarnation und zum Versöhnungswerk des Sohnes Gottes (Art. 5), zur Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben (Art. 6) und zur Auferstehung des Leibes mit folgender ewiger Seligkeit der Gerechten und ewiger Verdammnis der Bösen (Art. 8)6.
Im dritten Hauptbeschluß wird unter Hinweis auf Joh 17,21 dazu aufgerufen, die geistliche Einheit der Gläubigen durch brüderlichen Austausch zu intensivieren und dem Gebot, einander zu lieben, entschiedener Folge zu leisten. Die Allianzvertreter verpflichteten sich außerdem dazu, die Anliegen der Evangelikalen zu fördern und den der Allianzbewegung entgegengebrachten Widerstand von Ungläubigen, vom Papsttum und von "anderen Formen des Aberglaubens" soweit wie möglich zu reduzieren. Im Hintergrund dieses Beschlusses steht die große Sorge, mit der die Gründer der Evangelischen Allianz die missionarischen Anstrengungen der römisch-katholischen Kirche beobachteten, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem spürbaren Aufschwung des Katholizismus besonders in Großbritannien geführt hatten. Doch nicht nur diesen Entwicklungen wollte man sich entschieden entgegenstellen, sondern auch andere Arten des Aberglaubens ("other forms of superstition") bekämpfen. Hierzu rechnete man besonders die Religionen der nichtchristlichen Völker, während unter den "Ungläubigen" jener immer größer werdende Teil der Bevölkerung des christlichen Abendlandes verstanden wurde, der sich seit der Aufklärung deistischen, pantheistischen oder gar atheistischen Vorstellungen angeschlossen hatte7.
Der vierte Hauptbeschluß schließlich legte die geplante Organisation der Allianz in sieben regionalen Zweigen fest: Großbritannien und Irland; USA; Frankreich, Belgien und französische Schweiz; Norddeutschland; Süddeutschland und deutsche Schweiz; Kanada; Westindien.

In Deutschland entwickelte sich die Allianzarbeit anfangs vergleichsweise langsam. Verantwortlich dafür war neben Diskriminierungen, denen Vertreter religiöser Minderheiten in manchen deutschen Fürstentümern ausgesetzt waren, vor allem der Widerstand der bekenntnistreuen preußischen Lutheraner. Zum einen empfanden sie die Allianz als eine britische Angelegenheit, die, nach Deutschland gekommen, nur den konfessionellen Frieden stören könnte. Zum anderen sei die Glaubensbasis, aus lutherischer Sicht gesehen, viel zu schmal und besitze nicht einmal bindende Kraft, könne aber gleichwohl zur Gründung einer neuen Kirche führen. Dies aber gelte es auf jeden Fall zu verhindern, damit die konfessionelle Zersplitterung nicht noch weiter fortschreite8.
Trotz der genannten Schwierigkeiten gab es bereits Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einzelne Kreise evangelischer Christen, die sich in verschiedenen deutschen Städten im Sinne der Allianz-Basis versammelten. So wurde z.B. die Allianzarbeit in Berlin von einem Baptisten-Pastor, G. W. Lehmann, und dem Berliner Pfarrer an der Elisabethkirche, E. Kuntze, vorangetrieben. Sie sammelten, wie es in der Anfangszeit der Allianzbewegung an vielen Orten üblich war, in Privathäusern jene Christen aus Landes- wie Freikirchen, die durch gemeinsames Gebet und Bibelstudium ihre geistliche Einheit dokumentieren wollten9. Den eigentlichen Durchbruch erfuhr die deutsche Allianzbewegung aber erst im Jahre 1857, als in Berlin die dritte Weltkonferenz der Allianz stattfand. Zu dieser unter der Schirmherrschaft von König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) stehenden Konferenz fanden sich etwa 1.300 Teilnehmer (davon fast 1.000 Theologen) aus der gesamtevangelischen Welt ein. Unter den deutschen Vertretern waren Persönlichkeiten aus fast allen Landeskirchen sowie aus der methodistischen bischöflichen Freikirche und den baptistischen Gemeinden10 . Die Bedeutung dieser internationalen Konferenz lag für die dem Allianzgedanken nahestehenden deutschen Teilnehmer vor allem darin, zu sehen, wie die erst elf Jahre zuvor ins Leben gerufene Evangelische Allianz weltweit gewachsen war und an Bedeutung gewonnen hatte. Erfüllt von diesen Eindrücken, kehrten die deutschen Teilnehmer in ihre Gemeinden zurück und trieben die Allianzarbeit intensiver voran. So kam es, besonders in den Zentren der Erweckungsbewegung (Rheinland und Württemberg), zu einer entscheidenden Belebung des Allianzgedankens mit der Folge der Gründung eines rheinischen und eines württembergischen Zweiges der Evangelischen Allianz11. 1880 entstand dann die Westdeutsche Evangelische Allianz12 und 1886 begannen die Blankenburger Allianzkonferenzen13 (Blankenburg in Thüringen). Weitere Zentren der Allianzbewegung entstanden in Königsberg, Nürnberg, Heilbronn und Siegen14.
Wenn sich auch die Allianzarbeit seit 1857 relativ schnell in Deutschland ausbreitete, darf nicht übersehen werden, daß sie mit manchen Widerständen zu kämpfen hatte. König Friedrich Wilhelm IV. war allein wegen seiner Übernahme der Schirmherrschaft der Berliner Konferenz vom konfessionalistischen Flügel des preußischen Oberkirchenrats heftig unter Druck gesetzt worden, so daß die Durchführung der Konferenz eine Zeitlang fraglich war. Und auch in den folgenden Jahren gab es besonders von seiten strenger Lutheraner vereinzelt Widerstand gegen die Allianz15. Dennoch gewann die Bewegung immer mehr an Bedeutung, was besonders eine Folge der jährlich in der ersten Januarwoche durchgeführten Allianz-Gebetswoche war. Diese Gebetswoche sollte den dritten Hauptbeschluß der Gründungsversammlung in die Tat umsetzen und dazu beitragen, daß die Gläubigen der unterschiedlichen Denominationen durch gemeinsame Gebetszeiten ihre geistliche Einheit darstellen. In Deutschland wurde 1859 zum ersten Mal zur Allianz-Gebetswoche eingeladen16, die seitdem eine der wesentlichen Lebensäußerungen der DEA darstellt.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das schon seit 1890 erscheinende "Evangelische Allianzblatt"17 das offizielle Organ des Gesamtverbandes der deutschen Allianz18; es diente zugleich als einigendes Band der verschiedenen regionalen Allianzgruppen. Sein Schriftleiter war seit 1918 Gustav Friedrich Nagel, zuvor Prediger einer Freien ev. Gemeinde, der von 1926 an auch erster Vorsitzender der DEA wurde19. In seinen Beiträgen im Ev. Allianzblatt ging es Nagel darum, das Zeitgeschehen (Ende der Monarchie, Weimarer Staat, Sozialdemokratie) vom biblischen Standpunkt aus heilsgeschichtlich-endzeitlich zu deuten. Diese hieß für Nagel: Mit dem Ende der bis 1918 bestehenden preußischen Monarchie, die als ein Garant für Zucht und Ordnung betrachtet wurde, würden sich nun Dekadenzerscheinungen im Volk ausbreiten (Sittenlosigkeit, Auflösung des Rechts), die von der Weimarer Republik nicht aufgehalten werden könnten20. Dieser sittlich-moralische Niedergang in der Mitte Europas würde dem Antichristen den Weg zu seiner Schreckensherrschaft bahnen, die zwar grundsätzlich nicht abgewendet, aber doch aufgeschoben werden könnte. Ein solcher Aufschub aber sei nur von einem starken Führertum zu erwarten, das sich gegen alle sittlichen Auflösungserscheinungen stelle und das Nagel, wie viele andere Christen auch, anfänglich im Nationalsozialismus zu erkennen glaubte21. Doch nachdem das wahre Gesicht der Nationalsozialisten offenbar geworden war - auch die Allianzkreise wurden seit 1940 in ihrer Wirksamkeit zunehmend eingeschränkt22 -, blieb manchen Führern der Allianzbewegung nur das Eingeständnis, den antichristlichen Charakter des Dritten Reiches zu spät erkannt und nicht rechtzeitig davor gewarnt zu haben.



2.1.2. Die DEA von 1945 bis 1965

Als erste Veröffentlichung der DEA nach dem Krieg erschien daher im November 1946 die Flugschrift "Hundert Jahre Evangelische Allianz". In ihr legte die DEA ein Schuldbekenntnis im Blick auf ihr Verhalten während des Dritten Reiches ab und rief zugleich zu einem Neuanfang der Allianzarbeit in Deutschland auf. In diesem Schuldbekenntnis gesteht man ein, den "Irrtum" der ganzen nationalsozialistischen Zeit nicht sofort erkannt und versäumt zu haben, "ihm ein klares, mutiges Bekennntis"23 entgegenzustellen.
In beiden Teilen Deutschlands gewann die Allianzarbeit Anfang der fünfziger Jahre neuen Schwung. Das Ev. Allianzblatt konnte seine Auflagenhöhe auch dann noch halten, als die Bezieher in der DDR ausfielen, weil der Postversand von Druckschriften aus dem Westen unterbunden wurde24. Die Allianzkonferenzen fanden wieder in zahlreichen Städten unter starker Beteiligung junger Menschen statt25, die jährliche Gebetswoche förderte die geistliche Verbundenheit und die von der Allianz initiierten Evangelisationen verbanden zur gemeinsamen Aufgabe der Mission. Mission unter den entchristlichten Massen wurde überhaupt zum Schwerpunkt der Allianzarbeit in den fünfziger und sechziger Jahren. Seit 1953 wurde Billy Graham zu evangelistischen "Feldzügen" in deutsche Großstädte eingeladen26; der Zuspruch zu dieser Art von Evangelisation war unerwartet groß, so daß Graham den Veranstaltern riet, Großevangelisationen nicht an seine Person zu knüpfen, sondern mit eigenen Mitarbeitern fortzusetzen, was mit ihm begonnen worden war: "Deutschland muß durch Deutsche evangelisiert werden. Die Deutsche Evangelische Allianz muß sich zur Großevangelisation entschließen."27 Daraufhin wurden unter der Verantwortung der DEA Evangelisationen mit Dr. Gerhard Bergmann28 durchgeführt, die zwar nicht die Größenordnung der Graham-"Kreuzzüge" erreichten, aber die gesteckten Erwartungen erfüllten29. Eigens für die Evangelisationen gründete die DEA den Verein "Großevangelisationen der Deutschen Evangelischen Allianz"30, der in Zusammenarbeit mit den örtlichen Allianzkreisen für die Durchführung der Evangelisationen zuständig war.

Im Jahre 1965 gab es in Westdeutschland etwa 3.000 Ortsallianzen, die jährlich ihre Allianz-Gebetswochen durchführten31. Die kirchliche Herkunft der Glieder der einzelnen örtlichen Allianzkreise hängt von den konfessionellen Gegebenheiten der jeweiligen Stadt ab; meist aber treffen sich in der Allianz Mitglieder von Landeskirchen und landeskirchlichen Gemeinschaften sowie von verschiedenen Freikirchen32.
Das Ziel der Allianz war stets, "ein Höchstmaß von Stärkung in der ... Gemeinde Jesu" mit "einem Kleinstmaß an Organisation"33 zu erreichen. Einer Rechtsform war man deshalb bisher aus dem Wege gegangen. Erst 1988 kam es zur Vereinsgründung34, nachdem es im Vorfeld zahlreiche Diskussionen über Vorteile und Nachteile eines Vereins gegeben hatte35. Die Mitglieder des Vereins sind identisch mit denen des Hauptvorstandes der DEA; den Vorstand des e.V. bildet der "Geschäftsführende Vorstand" des Hauptvorstandes der DEA, der aus dem Vorsitzenden, seinem Stellvertreter, dem Schatzmeister, dem Geschäftsführer und einer weiteren Person besteht36. Wie die Glieder der Allianz, so gehören auch die Mitglieder des Hauptvorstandes verschiedenen Landes- und Freikirchen an37. Der Hauptvorstand, der seine Arbeit ehrenamtlich versieht38, zählt zu seinen vornehmsten Aufgaben39 die Planung und Durchführung der Allianz-Gebetswoche, der jährlichen Allianz-Hauptkonferenz in Siegen und der überregionalen Allianz-Evangelisationen sowie die Herausgabe des Evangelischen Allianzblattes40. Daneben hat die Allianz aber auch seit ihrer Gründung auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam gemacht und sich für deren Beseitigung eingesetzt41 sowie die Gründung neuer christlicher Werke angeregt und unterstützt42.

Der neue Aufschwung, den die deutsche Allianzarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg nahm, hielt auch in den sechziger Jahren an. "... durch den gemeinsamen Evangelisationseinsatz auf vielen Ortsebenen und durch die Großevangelisationen mit Billy Graham" hat die DEA "an Kraft, Bedeutung und innerer Festigkeit gewonnen"43. In den auf 1965 folgenden beiden Jahrzehnten blieb zwar die Evangelisation weiterhin eine Hauptaufgabe der DEA; denn die Entfremdung der Massen vom christlichen Glauben setzte sich mit noch größerer Geschwindigkeit fort. Zugleich aber sah sich die Allianz verstärkt genötigt, auf die Herausforderungen der Konsequenzen der Säkularisierung sowie der bibelkritischen Theologie mit ihren Folgen für die Landeskirchen und auch Freikirchen einzugehen, was besonders seit 1970 zur Gründung mehrerer neuer christlicher Werke in Verbindung mit der DEA führte44.


2.1.3. Die Entwicklung der DEA seit 1965

Die Darstellung der Entwicklung der DEA in den Jahren 1965 bis 1985 wird im wesentlichen an den von der Allianz in diesem Zeitraum ins Leben gerufenen bzw. geförderten Werken entlanggehen, verbunden mit einem Blick auf die ursprünglichen Tätigkeitsfelder der Allianz, die jährliche Gebetswoche im Januar, die Allianzkonferenz im September in Siegen und die verschiedenen auf der Basis der DEA durchgeführten Evangelisationen.


2.1.3.1. Der Evangeliums-Rundfunk (ERF)

Obgleich die Gründung des ERF schon 1959 erfolgte, wird er erst an dieser Stelle dargestellt. Dies geschieht deshalb, weil seine Bedeutung erst in den sechziger Jahren kontinuierlich wächst und in den achtziger Jahren mit der Einführung neuer Medien einen vorläufigen Höhepunkt findet.
Der ERF wurde im Oktober 1959 als deutschsprachiger Zweig der 1954 gegründeten internationalen Radiomissionsgesellschaft "Trans World Radio" (TWR) ins Leben gerufen45. Rechtlich ist er ein eingetragener Verein mit Sitz in Wetzlar, der inzwischen in der Schweiz und in Österreich neue Zweige aufgebaut hat46. Seine Aufgabe besteht in der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus "unter Ausnutzung aller bekannten funkischen Formen (neben dem üblichen Monolog der Predigt: Hörspiele, Interviews, Reportagen, Musik)."47 Zielgruppen sind sowohl die Christen der unterschiedlichsten Denominationen und Altersstufen als auch der biblischen Botschaft entfremdete Menschen, die mit evangelistischen Programmen erreicht werden sollen. Fast so breit wie das Hörerspektrum ist die Mitarbeiterschaft: die Sendungen werden von Christen aus Landeskirchen und Freikirchen, aus landeskirchlichen Gemeinschaften und freien Werken48 zusammengestellt.
Der Arbeit des ERF "steht auf der Basis der Evangelischen Allianz"49; sie wurde aber nicht direkt vom Hauptvorstand der DEA initiiert, sondern von einigen mit der DEA verbundenen Christen50. Die "Glaubensgrundlage"51 des ERF stimmt auch nicht wörtlich mit der Basis der Allianz überein; inhaltlich aber entsprechen die sieben Punkte der "Glaubensgrundlage" den neun Punkten der Basis der Evangelischen Allianz.
Als der ERF gegründet wurde, gab es in Deutschland noch keine "Evangelikalen". Er war eine Radiomission von Christen im Umkreis der DEA. Seitdem der Begriff "evangelikal" in die deutsche Sprache aufgenommen wurde, ist der ERF eine "evangelikale Radiomission"52 geworden, wobei freilich keine inhaltlichen Veränderungen der ERF-Arbeit erfolgt sind; denn "evangelikal" bedeutet: in Übereinstimmung mit den Grundlagen der Evangelischen Allianz53.
Im Unterschied zum Vorgehen der in den USA verbreiteten "electronic church" will der ERF weder "Radio-Gemeinden" noch überhaupt eine neue Kirche gründen54. Die Hörer, die Christen sind, sollen in ihren Kirchen bleiben; diejenigen, die durch Sendungen des ERF Christen geworden sind, sollen sich Gemeinden in ihrem Wohnort anschließen.

Die Arbeit des ERF ist seit Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts erheblich erweitert worden. Die neuen Medien wurden auch vom ERF, der die "älteste private Rundfunkanstalt im deutschsprachigen Europa"55 ist, als Gelegenheit erkannt, das Wort Gottes noch wirkungsvoller zu verbreiten56. Zwar werden auch heute noch die in Wetzlar produzierten Hörfunkprogramme vornehmlich über Trans World Radio Monte Carlo ausgestrahlt, in den letzten Jahren aber auch zunehmend über Privatfunk in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien. Außerdem nimmt der ERF die Möglichkeit wahr, über Kabelfernsehen Filme mit christlichem Inhalt zu verbreiten57. Die vermehrten Aufgaben haben das hauptamtlich tätige Mitarbeiterteam in Wetzlar auf (2000) 191 Personen anwachsen lassen, die fast 17.000 Stunden Hörfunkprogramme produzierten58. Erreicht werden mit den deutschsprachigen Sendungen täglich zwischen 500.000 und einer Million Hörer59; sie ermöglichen durch ihre Spenden die Arbeit des ERF, dessen Budget 1999 bei ca. 26 Millionen DM lag60.

Der ERF ist ein Bewährungsfeld für die Evangelikalen. Daß die Arbeit auf ein insgesamt positives Echo stößt - und zwar bei Hörern der unterschiedlichsten Denominationen, auch aus der katholischen Kirche - und daß keine größeren Spannungen zwischen den aus den verschiedenen Richtungen der EB kommenden Mitarbeitern des ERF entstehen, ist einerseits ein Zeichen dafür, daß die Evangelikalen in den Grundlagen des Glaubens übereinstimmen und bereit sind, gemeinsamen großen Zielen - in diesem Fall die evangelistische Verkündigung über den Rundfunk - eigene, nicht an die Grundlagen des Bekenntnisses (vgl. die Basis der Evangelischen Allianz) reichende Glaubensüberzeugungen unterzuordnen, andererseits aber auch ein Hinweis auf weises Verhalten der Programmleitung des ERF, die den Rundfunk nicht zu einem Forum für evangelikale Streitthemen61 werden läßt.


2.1.3.2. Der Weltkongreß für Evangelisation in Berlin 1966

Unmittelbarer Anlaß des Weltkongresses für Evangelisation vom 26. Oktober bis 4. November 1966 in Berlin unter dem Thema "Eine Menschheit - Ein Evangelium - Ein Auftrag" war das zehnjährige Bestehen der US-amerikanischen Zeitschrift "Christianity Today", die zu den einflußreichsten theologischen Zeitschriften in der englischsprechenden Welt gehört62. Der Kongreß fand zwar direkt nach einer von der DEA in Berlin durchgeführten Großevangelisation mit Billy Graham63 statt, stand aber in keinem Zusammenhang zu dieser64. Obwohl der Träger des Kongresses "Christianity Today" war und die DEA lediglich einige Teilnehmer unter den insgesamt 1.200 Delegierten und Beobachtern aus 100 Ländern stellte, besaß diese "erste wirkliche Welt-Konferenz zum Thema Evangelisation" seit "dem Apostelkonzil in Jerusalem"65 so große Bedeutung für die DEA, daß sie in dieser Darstellung nicht übergangen werden darf.

Es war ein Kongreß für Evangelisation, nicht für Mission, d.h. es ging nicht um neue Strategien zur Missionierung anderer, vom Evangelium noch unerreichter Völker, sondern um "die Evangeliums-Verkündigung unter dem eigenen Volk".66 Die Besucher der Konferenz waren also Evangelisten, die in ihren jeweiligen Ländern evangelistisch arbeiteten. Sie kamen sowohl aus Kirchen, die dem ÖRK angehören, als auch aus solchen, die sich nicht zur ökumenischen Bewegung halten67. Die Atmosphäre auf der Konferenz kann zwar nicht als ökumene-feindlich beschrieben werden, aber doch - und dies bereits im Jahre 1966, zwei Jahre vor Uppsala68 - als ökumene-kritisch. Der Vorsitzende des Berliner Kongresses, der Herausgeber von "Christianity Today", Carl F. Henry, grenzte sich deutlich von einem von Teilen des ÖRK vertretenen Missionsverständnis ab, nach dem alle Menschen bereits durch Christus gerettet seien und die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung nicht mehr gegeben sei69.
Doch ging es den Veranstaltern nicht in erster Linie um Polemik und Abgrenzung, sondern um die Verdeutlichung der Dringlichkeit der Evangelisation. Das stetige Anwachsen der Weltbevölkerung70 und die fortschreitende Säkularisierung, verbunden mit dem Wissen, daß Menschen ohne Christus verloren sind, weckten in den Evangelisten neuen Eifer, sich ihrem Dienst noch entschiedener hinzugeben.
In den Arbeitsgruppen wurden drei Problemkreise behandelt: Die Grundlagen evangelistischer Verkündigung, Hindernisse bei der Evangelisation und Methoden der Evangelisation71. Interessant ist, daß als wesentliches Hindernis für Evangelisation nicht die säkulare Welt, sondern "die weithin verweltlichte und zeugnisarme Kirche"72 erkannt wurde. Mutmachend war für die Delegierten aus den eher verweltlichten Kirchen der westlichen Welt zu hören, wie in anderen Teilen der Erde erweckliche Aufbrüche viele Menschen in die christlichen Gemeinden führen73.

Innerhalb der deutschen Teilnehmerschaft hinterließ dieser unter der Verantwortung von Evangelikalen der USA durchgeführte Kongreß einen so starken Eindruck, daß er als "ein Zeichen für den Beginn einer neuen Epoche der Evangelisation auf Weltebene"74 gewertet wurde. Ein Teil der deutschen Delegierten verfaßte eine "Erklärung", "um den Gemeinden in unserem Lande ihren Eindruck von diesem Kongreß ... zur Kenntnis zu bringen." In ihr bekennen sie sich zum unvermindert gültigen Evangelisationsauftrag und erklären sich bereit, in Zukunft "für die Evangelisierung unseres Landes mehr als bisher zu beten und zu wirken."75 Unterzeichnet wurde die Erklärung u.a. auch von dem Verein "Großevangelisationen der Deutschen Evangelischen Allianz"76.

Rückblickend kann der Berliner Kongreß für Evangelisation als Auftakt von in den folgenden Jahren in unregelmäßigen Abständen stattfindenden internationalen Konferenzen der Evangelikalen zum Thema Evangelisation und Mission betrachtet werden77. Innerhalb der DEA entstand ein noch stärkeres Bewußtsein für die Evangelisierung des eigenen Landes, die nach zahlreichen evangelistischen Aktionen in der folgenden Zeit mit dem missionarischen Jahr 1980 einen vorläufigen Höhepunkt fand.


2.1.3.3. Die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM) und die von ihr gegründeten Arbeitszweige

Bei der bisherigen Darstellung der DEA ist der Begriff "evangelikal" relativ selten gefallen. Er erscheint erst ab 1965 im Ev. Allianzblatt78, zunächst sehr zurückhaltend79, dann aber, nachdem eine grundlegende Erklärung des Ausdrucks im Allianzblatt80 gegeben wurde, immer häufiger. - Die erste christliche Organisation, die in ihrem Namen die Bezeichnung "evangelikal" enthält und in "Verbindung mit der Deutschen Evangelischen Allianz"81 1969 ins Leben gerufen wurde, ist die "Konferenz Evangelikaler Missionen", die seit 1974 "Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen"82 heißt. Bereits 1967 entstand aus an der Bibelschule Wiedenest83 für freikirchliche Missionare durchgeführten Kursen zur Weiterbildung die "Arbeitsgemeinschaft für freikirchliche Missionen"84. Hier rückten einige Missionsgesellschaften zusammen, die zu den ökumenischen Bestrebungen und Zusammenschlüssen - besonders zu Integration des Internationalen Missionsrates in den ÖRK (1961) - eine abwartende oder auch ablehnende Haltung einnahmen, zugleich aber auch das Bedürfnis empfanden, in eine engere Verbindung mit gleichgesinnten Missionsgesellschaften zu treten85. Aus der ersten Tagung Evangelikaler86 Missionen87 vom 13. bis 15. Februar 1969 ging die Konferenz Evangelikaler Missionen hervor, in der sich etwa 30 Missionsgesellschaften zusammenfanden, zu denen über 650 Missionare gehörten88.
Diese von nun an sich als "evangelikale Missionen" bezeichnenden Gesellschaften haben ihre Wurzeln in Pietismus, Erweckungs- und Gemeinschaftsbewegung sowie in der englischen und amerikanischen EB89, die nach dem Zweiten Weltkrieg Zweige ihrer Missionsgesellschaften in Deutschland gründete90. Die Trägergemeinden der zur AEM gehörenden Gesellschaften sind überwiegend in den landeskirchlichen Gemeinschaften und den Freikirchen, vereinzelt aber auch den Landeskirchen zu suchen.

Auf ihrer vierten Jahrestagung 1972 in Velbert verabschiedete die Konferenz Evangelikaler Missionen "folgende Entschließung:
1. Ihrer Verbundenheit mit der Deutschen Evangelischen Allianz entsprechend verpflichten sich die evangelikalen Missionen auch weiterhin auf die Glaubensgrundlage (Basis) der Evangelischen Allianz in Deutschland. Sie verzichten auf die Formulierung einer eigenen Glaubensgrundlage.
2. Im Blick auf ihr Verständnis von Mission in der heutigen Zeit machen sich die evangelikalen Missionen vollinhaltlich die 'Frankfurter Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission' zu eigen, unter der Voraussetzung, daß in ihrem Kreis verschiedene Verständnisse von Kirche und Sakrament vertreten sind und daß die Zustimmung zur Frankfurter Erklärung nicht eine Festlegung auf eines dieser verschiedenen Verständnisse bedeutet."91

 

Mit der Annahme der Frankfurter Erklärung setzt sich die AEM zugleich "von einer 'ökumenischen' Missionstheologie und -praxis" ab, "in der sie den biblischen Grund der Weltmission verlassen und die Errettung der Menschen ... als ihr zentrales Prinzip ausgeklammert sieht."92 Die evangelikalen Missionen verstehen ihre Arbeit als einen "umfassenden Dienst der Liebe mit dem evangelistischen Wort und der diakonischen Tat im Namen und in der Kraft Jesu Christi"93, wobei auf der Verkündigung des Evangeliums ein so starkes Gewicht liegt, daß Diakonie ohne Verkündigung inakzeptabel, Verkündigung ohne Diakonie zwar nicht die Regel, aber denkbar, manchmal sogar der einzig gangbare Weg ist94. Sozialethische Fragen will die AEM nicht ausklammern, sondern vom Wort Gottes her beurteilen. So verfaßte sie z.B. 1972 eine Erklärung zum Rassismus, die den evangelikalen Missionaren eine Hilfe in der Auseinandersetzung auf den Missionsfeldern sein soll95.
Neben der Basis der DEA und der Frankfurter Erklärung ist für die AEM auch die 1974 verabschiedete Lausanner Verpflichtung96 maßgebend97; mit ihr haben evangelikale Missionen der verschiedensten Länder eine einheitliche Grundlage erhalten, die zu einem näheren Zusammenrücken der weltweiten evangelikalen Missionsgesellschaften beiträgt98.

Die AEM "versteht sich als Bruderschaft der evangelikalen Missionen"99; juristisch ist sie ein eingetragener Verein, der seine Beschlüsse und Verlautbarungen durch die jeweiligen Blätter seiner Mitgliedsmissionen sowie besonders durch den Informationsdienst der DEA (idea) verbreitet100. - Zum Deutschen Evangelischen Missions-Tag bzw. seiner Nachfolgeorganisation, dem 1975 gegründeten Evangelischen Missionswerk (EMW), steht die AEM besonders wegen des unterschiedlichen Missionsverständnisses in einem gespannten Verhältnis: Während die Evangelikalen dem EMW Vernachlässigung der missionarischen Verkündigung zugunsten sozialkaritativer Aktionen vorwerfen, wehrt sich das EMW gegen "aufdringliche Bekehrungsversuche" der evangelikalen Missionen, die ihrerseits soziales Engagement vermissen ließen101.

In den Jahren seit 1972 hat der Einfluß der AEM stetig zugenommen. Gegenwärtig (2000) gehören 65 evangelikale Missionsgesellschaften und Ausbildungsstätten zur AEM102, die über 2.300 Missionare - etwa drei Viertel aller deutschen protestantischen Missionare - in alle Kontinente entsenden103. Eine jährlich von der AEM herausgegebene "Personalbedarfsliste für den weltweiten Dienst der Mitgliedsmissionen der AEM" weist im Februar 1988 einen Bedarf von über 2.000 Mitarbeitern in der Mission aus. Gesucht werden neben Theologen vor allem Pädagogen, Mitarbeiter für den medizinischen Bereich, Verwaltungskräfte und Medienfachleute104. Erstaunlich ist das jährliche Spendenaufkommen der Missionen105, die ihre bis zu 200 Mitarbeiter106 ohne staatliche und kirchliche Zuschüsse finanzieren.
Im Laufe ihrer bis heute knapp 30-jährigen Geschichte hat die AEM verschiedene neue Arbeitszweige aufgebaut, von denen die drei wichtigsten im Folgenden dargestellt werden107.


a) Hilfe für Brüder (HfB)

Als Clearingstelle gründete die DEA 1977 die Organisation "Hilfe für Brüder", die "mit Geldern der kontinentalen europäischen Evangelischen Allianzen vor allem theologische evangelikale Ausbildungsstätten in der Dritten Welt finanzieren"108 sollte. Schon ein Jahr später bat die DEA die AEM, das neue Werk zu übernehmen109, und 1980 trat HfB mit einem Spendenaufruf an die Öffentlichkeit. Ziel der Arbeit war nicht mehr nur die Unterstützung evangelikaler Ausbildungsstätten, sondern auch die Förderung evangelistischer Projekte einheimischer Kirchen in der Dritten Welt110. Die Notwendigkeit dieser Arbeit ergab sich für die Evangelikalen einerseits aus dem Wissen um einen großen Mangel an gut ausgebildeten Pastoren, Evangelisten und Lehrern in vielen Staaten der Dritten Welt. Die schnell wachsende Zahl der Christen in den Entwicklungsländern verlange nach Weiterführung und Schulung im christlichen Glauben111. Andererseits erhalten viele der evangelikalen Kirchen der Dritten Welt keine finanzielle Förderung durch den ÖRK, da sie aus theologischen Gründen eine Mitgliedschaft im ÖRK ablehnen, so daß die evangelikalen Kirchen Europas hier eine besondere Verpflichtung zur Hilfe hätten112.
Die Arbeit von HfB, die von Anfang an "Hilfe zur Selbsthilfe" für die Kirchen der Entwicklungsländer war, fand in evangelikalen Kreisen "große Resonanz"113. Bis 1986 wurden 400 Projekte114 mit einem Gesamtvolumen von 30 Millionen DM abgewickelt115.


b) Christliche Fachkräfte International (CFI)

In Verbindung mit der DEA gründete die AEM 1985 den Verein "Christliche Fachkräfte International", der noch im gleichen Jahr vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit als "Träger des Entwicklungsdienstes" anerkannt wurde116. CFI entsendet beruflich qualifizierte Christen117 als Entwicklungshelfer in Einrichtungen von Kirchen und Missionen im Bereich der weltweiten Evangelischen Allianz (WEF). Sie sollen "in der Ausbildung einheimischer Christen in der Dritten Welt" auf den Gebieten "des Gesundheitsdienstes, der Landwirtschaft, der Flüchtlingshilfe und der Sozialarbeit tätig werden."118 Daneben aber sollte jeder Entwicklungshelfer missionarisch aktiv sein: "Die CFI-Partner in der Dritten Welt wünschen sich Spezialisten, mit denen man beten und über Glaubensfragen sprechen kann."119
CFI ist ein Hinweis darauf, daß der den Evangelikalen manchmal gemachte Vorwurf, sie hätten nur das Seelenheil der Menschen im Auge, zu Unrecht besteht. Allerdings ist es typisch für die Evangelikalen, Entwicklungshilfe ohne missionarische Arbeit nicht durchführen zu können. "Für CFI gehören die Verkündigung des Evangeliums und praktische Hilfe zusammen."120

Die beiden evangelikalen Hilfswerke HfB und CFI werden von der DEA als "notwendige Alternativen"121 und "unverzichtbare Ergänzung"122 zu den Entwicklungsdiensten der EKD verstanden, denn: "In der Entwicklungsarbeit vertreten Evangelikale in der Bundesrepublik Deutschland Positionen, die sich unterscheiden von anderen kirchlichen Positionen und Strategien ..."123. Die Unterschiede betreffen den Empfängerkreis und die Art der Hilfeleistungen: Die Evangelikalen unterstützen nur Kirchen, während der kirchliche Entwicklungsdienst bewußt auch nichtchristlichen Gruppen Hilfe zukommen läßt. Wegen ihrer zwischenkirchlichen Kontakte senden die Evangelikalen daher nur solche Fachkräfte aus, die ihren sozialen Dienst "demütig als Brüder und Schwestern unter Christen der Dritten Welt" versehen "und sich auch an ihrem gottesdienstlichen Leben ... beteiligen."124 Außerdem sehen es die Evangelikalen als ihre Aufgabe an, solchen christlichen Gruppen Hilfe zukommen zu lassen, die "als Bittsteller nicht in die bestehenden kirchen-politischen und manchmal auch politischen Raster offizieller kirchlicher Entwicklungshilfeorganisationen hineinpassen."125 Im Blick auf die Art der Hilfeleistungen liegen die Unterschiede neben dem schon erwähnten starken missionarischen Engagement der Evangelikalen in ihrer betonten Zurückhaltung hinsichtlich politischer Aktionen, während die kirchlichen Entwicklungshilfewerke es als ihre Aufgabe betrachten, auch politisch aktiv zu sein und Wege zur Änderung der politischen Verhältnisse zu unterstützen. Von evangelikaler Seite wird bezüglich der Unterschiede zwischen kirchlicher und evangelikaler Entwicklungsarbeit betont, daß man die Differenzen sehen und akzeptieren, aber nicht als Anlaß nehmen sollte "zu ständigen Reibereien und daraus folgendem Reibungsverlust."126


c) Die Freie Hochschule für Mission (FHM)

Die Liebenzeller Mission, ein Mitglied der AEM, richtete 1975 erstmals einen fünfwöchigen Kurs für Missionare auf Heimaturlaub ein, die auf diese Weise eine Möglichkeit der theologischen Weiterbildung erhalten sollten. Andere Missionswerke der AEM zeigten Interesse an den Kursen und regten an, die missionarische Fortbildung zu einer gemeinsamen Aufgabe der AEM zu machen127. So wurde am 28. Januar 1980 in Bad Liebenzell ein "Seminar für missionarische Weiterbildung" eröffnet128, das aufgrund steigender Nachfrage 1984 in geräumigere Gebäude nach Korntal umzog und den Namen "Freie Hochschule für Mission" annahm129.
Die Glaubensgrundlage der FHM ist identisch mit der seiner "Gründerin": Es gelten sowohl die von der Konferenz evangelikaler Missionen 1972 in Velbert verabschiedeten beiden Glaubensgrundsätze130 als auch die Lausanner Verpflichtung aus dem Jahre 1974131. "Theologisch steht die Hochschule im konservativen biblischen Christentum und gründet sich auf die Bibel als der alleinigen und unfehlbaren Offenbarung Gottes."132 "Geistlich findet die Hochschule ihre Wurzeln im deutschen Pietismus und in den Erweckungsbewegungen des letzten Jahrhunderts und versucht, in einem missionarisch-erwecklichen Geist zu wirken ... "133.

Als ihre wesentlichen Aufgaben betrachtet die FHM die missionswissenschaftliche Aus- und Fortbildung von Missionaren134 sowie die Bereitstellung und Auswertung neuerer missionswissenschaftlicher Erkenntnisse für die evangelikale Theologie135. Das Fächerspektrum der FHM umfaßt neben Missiologie, Religionskunde, Kulturstudien und Kirchenkunde anderer Länder auch Dogmatik, Ethik, biblische Theologie und Sprachstudien136. Als schwierig haben sich die bisherigen Versuche der Schulleitung erwiesen, der FHM einen in der Bundesrepublik Deutschland anerkannten akademischen Abschluß zu sichern137. Gegenwärtig (2000) gibt es nur die Möglichkeit, über im Anschluß an das Studium in Korntal aufgenommene Ergänzungsstudien an US-amerikanischen theologischen Seminaren international anerkannte akademische Titel zu erwerben138.
Ein besonderer, noch im Aufbau befindlicher Arbeitszweig der FHM ist das Forschungszentrum der AEM. Es ist eine Sammelstelle von Büchern und Zeitschriften aller deutschsprachigen Missionswerke und stellt Informationsmaterial vor allem über jene Missionsländer zusammen, in denen AEM-Missionare arbeiten139.

Die FHM hat unter den Evangelikalen ganz neu Interesse an missionswissenschaftlichen Themen geweckt; dies ist vor allem ein Verdienst des Missionswissenschaftlers George W. Peters140, der sowohl der Leiter des Seminars für missionarische Weiterbildung in Bad Liebenzell als auch von 1984 bis 1987 der Rektor der FHM in Korntal war. Peters gehörte auch zu einem Kreis von evangelikalen Missiologen, der sich im Januar 1985 auf die Gründung eines "Arbeitskreises für evangelikale Missiologie" (AfeM) verständigte141, die dann ein Jahr später erfolgte142. Der AfeM strebt die Förderung der evangelikalen Missiologie auf mehreren Wegen an:
1. es sollen Fachtagungen durchgeführt werden;
2. eine missionswissenschaftliche Zeitschrift soll erscheinen;
3. diverse missiologische Literatur soll publiziert werden;
4. missionswissenschaftlicher Nachwuchs soll gefördert werden143.
Verwirklicht wurden bisher vor allem die ersten beiden Punkte. Neben verschiedenen missiologischen Tagungen, die in Zusammenarbeit mit der FHM stattfinden, erscheint seit 1985 vierteljährig die Zeitschrift "Evangelikale Missiologie" (em). Herausgegeben wird sie von dem AfeM, der als Verein zwar selbständig ist, aber in enger Zusammenarbeit mit der AEM und der FHM steht144.

Blickt man auf dieses Kapitel zurück, so verdeutlicht die
Art der unter den Fittichen der AEM gedeihenden Werke, daß das Herz der Evangelikalen besonders bei all dem schlägt, was mit Mission zusammenhängt. Als Christen, die sich in der Tradition von Pietismus und Erweckungsbewegung stehen sehen, setzen die Evangelikalen die evangelistischen und missionarischen Aktivitäten ihrer "pietistischen Väter" fort, die Anfang des 18. Jahrhunderts mit dem Wirken August Hermann Franckes145 begannen und in der folgenden Zeit bis in die Gegenwart hinein durch Gründungen vieler missionarischer Werke ihre Weiterführung fanden.


2.1.3.4. Europa-Tele-Evangelisation 1970 in Dortmund

Die von der DEA durchgeführten Evangelisationen und Glaubenskonferenzen finden meist in einem regional begrenzten Rahmen statt146. Eine Ausnahme von dieser Regel bildete "Euro 70", eine vom 5. bis 12. April 1970 in der Dortmunder Westfalenhalle abgehaltene Evangelisation mit dem US-amerikanischen Evangelisten Billy Graham, die durch Fernsehübertragung zugleich in 14 deutschen und 22 anderen europäischen Städten miterlebt werden konnte147.
Der Hauptvorstand der DEA war sich wohl der hohen finanziellen Belastung und des damit verbundenen Risikos148 bewußt, das ein solches in seiner Größe in Deutschland bisher einmaliges Unternehmen mit sich bringen würde. Doch man war der Überzeugung, in einer immer gottloser werdenden Zeit "unserem Volk diesen außerordentlich starken Ruferdienst schuldig zu sein."149 Auf Billy Graham als Redner fiel die Wahl deshalb, weil er "als ein von Gott bestätigter Bote Jesu"150 Zugang zu den Menschen wie kaum ein anderer Prediger hat. Und wenn auch im Vorfeld der Großevangelisation manche Kritik am Evangelisten mit seinen "altmodischen Bekehrungsmethoden"151 laut wurde, so blieben die von verschiedenen Seiten angekündigten Störaktionen nahezu völlig aus152.
Die Allianz hatte den Dienst Grahams von Anfang an als die Arbeit eines Säenden verstanden153, der das Evangelium möglichst breitgestreut weitergeben sollte. Daran habe sich dann die Nacharbeit "durch Zurechtweisung, Lehre, Information und Seelsorge"154 anzuschließen. Diese Ziele wurden weitgehend erreicht. Die Zahl der Zuhörer, die Graham in Dortmund hörten und die in einer der in 36 weiteren Städten angemieteten Hallen das Geschehen in der Westfalenhalle durch Direktübertragung verfolgen konnten, lag bei über 800.000. Dazu kamen noch Hunderttausende, die über den ERF, der jeweils eine Stunde nach Abschluß der Veranstaltung den Abend ausstrahlte, die evangelistischen Botschaften Grahams hörten155. Etwa 15.000 Menschen wurden seelsorgerlich betreut, von denen mehr als ein Drittel unter 25 Jahren alt war156.

Obwohl der DEA ein halbes Jahr nach Abschluß von "Euro 70" noch ein finanzielles Defizit zu schaffen machte157, beurteilte sie rückblickend ihre bisher größte evangelistische Aktion durchweg positiv. Nicht nur waren innerhalb einer Woche mehr Menschen in Deutschland mit dem Evangelium erreicht worden als je zuvor im gleichen Zeitraum; es war außerdem auch im Laufe der langen Vorbereitungsphase von "Euro 70“ zu einer vertieften Begegnung von evangelikal gesinnten Christen aus Landes- und Freikirchen sowie landeskirchlichen Gemeinschaften gekommen, und dies nicht nur in Deutschland158, sondern auch in anderen europäischen Ländern, die durch Direktübertragung mit den Abenden in Dortmund verbunden gewesen waren159. Die Allianz hatte sich als Plattform für die Zusammenarbeit der Evangelikalen bewährt.
Bedeutsam ist noch der Hinweis, daß die Evangelikalen Deutschlands, nachdem sie seit den fünfziger Jahren das Medium Radio für die Ausbreitung des Wortes Gottes entdeckt hatten, mit der "Euro 70"-Evangelisation erstmals das Fernsehen für den missionarischen Dienst in Anspruch nahmen, was zu jener Zeit unter vielen Christen noch Bedenken hervorrief160.

Im Unterschied zu früheren Großevangelisationen mit Billy Graham erwuchsen aus "Euro 70" mehrere von der DEA initiierte Einrichtungen, von denen der "Informationsdienst der Evangelischen Allianz" (idea) die größte Bedeutung erlangte161.


2.1.3.5. Der Informationsdienst der Evangelischen Allianz (idea)

"Um für eine schnellere und bessere Information aller Kreise zu sorgen, die an der 'Euro 70' interessiert oder beteiligt gewesen waren"162, wurde idea ins Leben gerufen. Im Sommer 1970 bildeten Vertreter der DEA, des Evangeliums-Rundfunks (ERF) und der Konferenz Evangelikaler Missionen (KEM) einen Herausgeberausschuß163 und veröffentlichten am 1. August 1971 die erste Ausgabe von idea164. - Rechtlich ist idea ein eingetragener Verein mit Sitz in Wetzlar, dessen Vorstandsvorsitzender, Horst Marquardt165, der eigentliche Initiator dieses Nachrichtendienstes ist166. Laut Satzung bezweckt der Informationsdienst der DEA "die Belebung und Förderung der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt wird und in der Glaubensgrundlage der Evangelischen Allianz seinen Ausdruck gefunden hat. Er dient der christlichen Bewußtseinsbildung. Dies geschieht durch Sammlung und Weitergabe von Nachrichten sowie deren Kommentierung aus biblischer Sicht."167 Obgleich idea vorwiegend "über jenen sehr aktiven und lebendigen Kreis tätiger Christen in Landes- und Freikirchen sowie landeskirchlichen Gemeinschaften berichtet, die in der evangelischen Allianz ihre geistliche 'Plattform' sehen"168, soll er dennoch ein Informationsdienst für den gesamten Protestantismus sein169. Als Begründung dafür, daß es neben dem Evangelischen Pressedienst (epd) idea als zweiten Nachrichtendienst des deutschen Protestantismus geben müsse, verweisen die Evangelikalen auf die stiefmütterliche Behandlung von Informationen aus dem evangelikalen Bereich im epd170. Doch sei der Informationsdienst der Allianz nicht als Konkurrenz zum epd zu verstehen, sondern als Ergänzung171.
Anfangs wurde idea von nebenamtlich tätigen Redakteuren betreut und erschien in unregelmäßigen Abständen172. Seit Konstituierung des Vereins im Jahre 1972 wird regelmäßig eine wöchentliche Ausgabe publiziert. Langsam aber stetig weiteten die Redakteure ihr Tätigkeitsfeld aus. Heute (1988) betreuen sechs idea-Redakteure sieben Arbeitszweige:
1. idea-telexdienst (täglich; der telexdienst wendet sich mit aktuellen Berichten aus der evangelischen Welt vor allem an Zeitungs- und Rundfunkredaktionen);
2. idea-Pressedienst (zweimal wöchentlich; der Pressedienst ist besonders für Redaktionen, Informationsstellen und Archive gedacht und enthält Interviews, Korrespondentenberichte, Kommentare, Reportagen und Nachrichten aus dem kirchlichen Leben);
3. idea-spektrum (wöchentlich seit 1979; auflagenstärkster deutscher evangelischer Wochen-Informationsdienst; enthält Nachrichten und Meinungen aus der evangelischen Welt);
4. englische Ausgabe (monatlich; wendet sich an Bezieher im Ausland, die am evangelischen Leben in Deutschland interessiert sind);
5. idea-Dokumentation (ca. 50 Ausgaben jährlich seit 1980; veröffentlicht Vorträge und Stellungnahmen über aktuelle Themen aus Kirche, Politik und Gesellschaft im Wortlaut);
6. idea-Bildschirmtext;
7. idea-Bild (seit 1986; ein aktueller Bilderdienst vor allem für Zeitungen, Zeitschriften und Gemeindebriefe).

Die bekannteste idea-Publikation, die auch zugleich die wichtigste Veröffentlichung für die deutsche EB darstellt, ist das seit 1979 wöchentlich veröffentlichte "idea-spektrum", das sich inhaltlich großenteils mit dem zweimal wöchentlich erscheinenden Pressedienst deckt173. Die Auflage von idea-spektrum stieg innerhalb des ersten Jahres seines Bestehens auf über 4.000 Exemplare an174 und erreichte 2000 mehr als 25.000 Exemplare pro Woche175. Diese große Nachfrage nach einem Informationsdienst, der in besonderer Weise das Geschehen innerhalb der EB berücksichtigt, widerlegt die Behauptung, der deutsche Protestantismus brauche nur einen Nachrichtendienst176. Vielmehr ist idea - und hier besonders idea-spektrum - für die Evangelikalen zu einem äußerst wichtigen Forum geworden, das sowohl die Verbindung zwischen den verschiedenen Zweigen der deutschen EB (DEA, Bekenntnisbewegung, charismatische Kreise) als auch den Kontakt der deutschen Evangelikalen zur weltweiten EB sowie das Gespräch zwischen EB und anderen Gruppen innerhalb des Protestantismus aufrecht erhält.

Bedeutsam für die deutsche EB sind auch die regelmäßigen Beilagen zu idea-spektrum: "Hilfe für Brüder" (HfB) informiert über die Tätigkeitsfelder des gleichnamigen Arbeitszweiges177 der AEM und Christliche Fachkräfte International (CFI) berichtet über neueste Entwicklungen im evangelikalen Entwicklungsdienst, der sich in den vergangenen Jahren steigender Bewerberzahlen erfreuen konnte.

Da der Nachrichtendienst der DEA bisher noch nicht kostendeckend arbeitet und im Gegensatz zum epd178 lange Zeit nicht von der EKD subventioniert wurde179, ist idea auf Zuschüsse und Spenden angewiesen, die sowohl von der DEA als auch von der AEM gegeben werden180.


2.1.3.6. Die neue Glaubensbasis der DEA von 1972

Die Basis der Evangelischen Allianz aus dem Jahre 1846181, die seit ihrer Erarbeitung in viele Sprachen übersetzt worden war, hatte sich mit ihrer Formulierung "des Entscheidenden und Einigenden"182 des christlichen Glaubens bewährt. Auf ihrer Grundlage war es zu einer weltweiten Bruderschaft von Christen der unterschiedlichsten Konfessionen gekommen. Dies konnte geschehen, weil die Basis der Allianz lediglich einen Minimalkonsens der christlichen Lehre darstellt, der jene Punkte nahezu unberücksichtigt läßt, die in der Christenheit schon viel Entzweiung mit sich gebracht haben: das Verständnis von Taufe und Abendmahl sowie die ekklesiologische Frage. Es ging nun die Basis von 1846 den innerhalb der Christenheit strittigen theologischen Fragen aus dem Wege, doch konnte sie es nicht vermeiden, daß sich die zur Zeit ihrer Abfassung aktuellen theologischen Fragestellungen in ihr widerspiegeln. So lehnt etwa Artikel 2 ("Das Recht und die Pflicht eines persönlichen Urteils in der Auslegung der Heiligen Schriften") die von der katholischen Kirche betonte Überzeugung ab, nur das kirchliche Lehramt sei Garant einer zuverlässigen Schriftauslegung. Artikel 9 ("Die göttliche Einsetzung des christlichen Predigtamts und die Verbindlichkeit und Beständigkeit der Anordnung von Taufe und Abendmahl") wendet sich gegen schwärmerische Gruppen, die die Dienstämter des Neuen Testaments ablehnten und Taufe und Abendmahl für überflüssig hielten183. Da diese Fragen nach Ansicht führender Allianzvertreter heute nur noch eine untergeordnete Bedeutung besitzen, hielt es die Evangelische Allianz Englands für sinnvoll, eine aktualisierte, den heutigen Erfordernissen angepaßte Basis zu formulieren184. Sie wurde 1970 veröffentlicht und in deutscher Übersetzung 1972 den Lesern des Evangelischen Allianzblattes vorgestellt185. Der Hauptvorstand der DEA konnte sich indessen nicht entschließen, die revidierte Fassung wörtlich zu übernehmen. Er änderte sie geringfügig ab und akzeptierte sie sodann "in Übereinstimmung mit dem Präsidium der Europäischen Evangelischen Allianz"186 auf seiner Sitzung am 6. April 1972187. Der wesentliche Unterschied zwischen der revidierten englischen (1970) und der revidierten deutschen Basis (1972) besteht in der Erweiterung von Artikel 8 um folgende beiden Sätze: "Das Fortleben der von Gott gegebenen Personalität des Menschen. Die Auferstehung des Leibes zum Gericht und zum ewigen Leben der Erlösten in Herrlichkeit." Die englische Fassung hatte das auch in evangelikalen Kreisen umstrittene Bekenntnis zur Unsterblichkeit der Seele (Personalität) nicht aufgenommen; die deutsche Revision übernimmt dagegen den Artikel 8 aus der Basis von 1846. Sie ändert lediglich die Formulierung: statt von "Unsterblichkeit der Seele" ist nun die Rede vom "Fortleben der von Gott gegebenen Personalität des Menschen". Außerdem bekennt die deutsche Fassung - in Übereinstimmung mit dem Original von 1846 und im Unterschied zur englischen Revision - ausdrücklich den doppelten Ausgang der Weltgeschichte.

Insgesamt gesehen läßt ein Vergleich von Original und Revision der Basis der Evangelischen Allianz das Urteil des Evangelischen Allianzblattes als sachgemäß erscheinen: "Inhaltlich ist die Substanz des Glaubens unverändert geblieben. In der Form hat man neue Formulierungen gefunden, um die Botschaft der Bibel deutlicher als bisher weiterzugeben ..."188.


2.1.3.7. Vom Europäischen Kongreß für Evangelisation zum Internationalen Kongreß für Weltevangelisation

Als eine "Art Nachlese zur 'Euro 70' "189 veranstaltete die Billy Graham-Missionsgesellschaft190 vom 28. August bis 4. September 1971 einen Kongreß für Evangelisation in Amsterdam. Die Veranstaltung, zu der sich 1.200 geladene Teilnehmer aus 35 Ländern Europas zusammenfanden191, stand unter der Schirmherrschaft der Europäischen Evangelischen Allianz192. Ziel der Konferenz war die Besinnung "auf die biblischen Grundlagen der Evangelisation" in Verbindung mit der Frage, "wie der biblische Auftrag zur Evangelisation in der heutigen Zeit ausgeführt werden kann ..."193. Der Kongreß bot elf Hauptreferate, die sich mit grundsätzlichen Fragen der evangelistischen Arbeit beschäftigten194, sowie zahlreiche Gruppengespräche, die gezielt besondere Einzelfragen der Evangelisationsarbeit behandelten195.
Einer der 152 deutschen Teilnehmer dieses evangelikalen Kongresses verließ Amsterdam mit dem Eindruck, daß "unsere Zeit nichts dringender braucht, als eine kompromißlose und jedem verständliche Weitergabe der biblischen Wahrheit."196 Um dies zu ermöglichen aber müßten die "evangelikalen Kräfte in aller Welt ... enger zusammenrücken und intensiver gemeinsam planen und arbeiten."197 Dazu aber böten sich "einige bewährte Sammlungsbewegungen"198 an, nämlich auf internationaler Ebene die World Evangelical Fellowship (WEF) und auf nationaler Ebene die einzelnen Länder-Allianzen. Diese geforderte Sammlung und Konzentration der evangelikalen Kräfte sollte sich auf nationaler wie auch internationaler Ebene in den folgenden Jahren ereignen. National kristallisierten sich mehr und mehr die Allianzen der einzelnen Länder als Sammelbecken der Evangelikalen heraus, international erfüllte die gleiche Funktion neben dem WEF die Lausanner Bewegung, die aus dem Internationalen Kongreß für Weltevangelisation in Lausanne (IKfW) hervorging und neben dem WEF als zweiter Dachverband der weltweiten EB gilt.
Der IKfW in Lausanne zählt zu den wichtigsten und auch folgenreichsten Ereignissen der weltweiten EB und kann wegen seiner Bedeutung für die deutsche EB nicht übergangen werden. Die Veranstaltung ist zurecht als ein "Kongreß der Superlative"199 bezeichnet und ein Vergleich mit der Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 nicht gescheut worden200.
Im schweizerischen Lausanne kamen vom 16. bis 25. Juli 1974 etwa 4.000 Menschen aus 150 Nationen zusammen201; damit war der IKfW das bisher größte Treffen evangelikaler Führungskräfte. Initiator und Ehrenpräsident des Kongresses war Billy Graham202, die Vorbereitung und Durchführung lag in den Händen eines internationalen Planungskomitees, das auch die 180 überwiegend mit der DEA verbundenen203 deutschen Teilnehmer festlegte204. Die deutsche Allianz hatte schon frühzeitig zur Fürbitte für den Lausanner Kongreß aufgerufen205 und legte ihm eine so große Bedeutung bei, daß sie im Rahmen ihrer Zeitschrift "Evangelischer Allianz-Brief" eine "Sondernummer Lausanne" veröffentlichte, um den mit der DEA verbundenen Christen einen ausführlichen Einblick in das Geschehen von Lausanne zu geben206.
Das Thema des Kongresses, "Alle Welt soll sein Wort hören"207, deutete bereits das Ziel der Tagung an, das sich in der Frage zusammenfassen läßt: Wie kann das Evangelium so schnell wie möglich den über zwei Milliarden Menschen, die von Christus noch nichts wissen, verkündigt werden? Um dieses Ziel zu erreichen, schien es den Verantwortlichen notwendig, sich auf die biblischen Antworten auf Fragen zur Weltevangelisation zu besinnen und "sich für diese Weltevangelisation vom Heiligen Geist bevollmächtigen zu lassen ..."208.

In seinem richtungweisenden Vortrag "Warum Lausanne?"209 drückte Billy Graham die Hoffnung aus, daß die Lausanner Konferenz zu einer neuen und verstärkten "Gemeinschaft aller Evangelikalen ... in der ganzen Welt"210 beitragen werde, daß man sich auf ein entschiedenes Bekenntnis zur Autorität der Heiligen Schrift verständigen, daß die Verlorenheit des von Christus getrennten Menschen bestätigt, daß die Erlösung durch Jesus Christus als einziger Weg der Errettung gesehen und daß der Zusammenhang von Wort und Tat in der Evangelisation betont werde211.
Die Vorträge im Plenum wie auch die überaus zahlreichen Arbeitsgruppen beschäftigten sich denn auch immer wieder mit den von Graham angeschnittenen Themen. Dabei traten durchaus unterschiedliche Standpunkte hervor; auch Anklagen der Evangelikalen untereinander wurden laut. So verurteilte etwa der lateinamerikanische Theologe R. Padilla die Vermengung von Christentum und dem "American Way of Life"212, die er als mitverantwortlich für die Reserviertheit vieler Südamerikaner gegenüber christlicher Mission betrachtet: "Es ist nicht verwunderlich, daß zumindest in Lateinamerika die Evangelisten heute mit ungeheuren Vorurteilen zu kämpfen haben; Vorurteile, die die Identifikation des 'Amerikanismus' in Verbindung mit dem Evangelium in der Erinnerung der Zuhörer widerspiegelt."213 Padilla zählte auch zu den Referenten, die sich vehement für einen "neuen Aufbruch zu sozialem Denken und Engagement der Evangelikalen"214 einsetzten. Diese Forderung fand auch in einem ausführlichen Passus215 Eingang in die Lausanner Verpflichtung. - Die Lausanner Verpflichtung216 gilt als Extrakt der zehntägigen Konferenz und als "Konsensus des Kongresses"217. Sie "ist keine Bekenntnisschrift, keine 'regula fidei' ... ", sondern sie "will eine Verpflichtung sein zur Erfüllung des Gehorsams, zu dem uns Christus ruft."218 Als Kern der 15 Artikel umfassenden Verpflichtung kann Abschnitt 9 ("Dringlichkeit der evangelistischen Aufgabe") verstanden werden. Hier wird unter dem Eindruck der Offenheit vieler Völker für das Evangelium die Überzeugung ausgedrückt, "daß jetzt die Zeit für Gemeinden und übergemeindliche Werke gekommen ist, ernsthaft für das Heil der bisher nicht Erreichten zu beten und neue Anstrengungen für Weltevangelisation zu übernehmen".219 Damit wurde die optimistische Haltung Grahams aufgenommen, der die Gegenwart als äußerst günstige Zeit für die Vollendung des Missionsauftrages Jesu Christi (Mt 28,18-20) betrachtet220. Auf diesem Hintergrund wurde den Kongreß-Teilnehmern die nach Artikel 15 stehende "Verpflichtung" zur verbindlichen Unterschrift vorgelegt: "Deshalb verpflichten wir uns, ... feierlich vor Gott und voreinander, für die Evangelisation der ganzen Welt zusammen zu beten, zu planen und zu wirken. Wir rufen andere auf, sich uns anzuschließen ..."221.

Die Erarbeitung der Lausanner Verpflichtung und ihre Anerkennung durch die meisten Teilnehmer des Kongresses darf angesichts der verschiedenen Richtungen innerhalb der weltweiten EB nicht als eine Selbstverständlichkeit betrachtet werden222. Sie ist aber "ein Beweis der großen geistlichen Einmütigkeit auf biblischer Basis, die die Evangelikalen in aller Welt heute miteinander verbindet"223 - trotz ihrer Differenzen in Einzelfragen. Von diesen Unterschieden in Einzelfragen ausgehend, lassen sich nach P. Beyerhaus224 innerhalb der weltweiten EB mindestens sechs Gruppen feststellen, die alle in Lausanne vertreten waren:
1. Die "Neuen Evangelikalen", die nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den USA aufgekommen sind. Sie lehnen den politischen Konservatismus der Fundamentalisten um Carl McIntire225 ab, sind kritisch-offen gegenüber der Wissenschaft und streben auf Allianzbasis die Zusammenarbeit mit möglichst vielen Denominationen an (Vertreter: B. Graham)226.
2. Die "Fundamentalisten", die in Lausanne nur sehr schwach repräsentiert waren, vertreten die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, sind teilweise dezidiert antirömisch und antiökumenisch eingestellt und halten nur ganz bestimmte politisch-ökonomische Anschauungen (Laissez-Faire-Wirtschaft) für aus christlicher Sicht vertretbar (Vertreter: Carl McIntire).
3. Die "bekennenden Evangelikalen" sind insbesondere die in Deutschland innerhalb der Konferenz Bekennender Gemeinschaften (KBG) zusammengeschlossenen Gruppen, die auf dem Boden der Frankfurter Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission und der Berliner Ökumene-Erklärung stehen (Vertreter: P. Beyerhaus)227.
4. Die "Pfingst-Evangelikalen" (einschließlich der Charismatischen Bewegung), die besonderen Nachdruck auf die Praktizierung der Charismen legen (Vertreter: L. Cunningham).
5. Die "radikalen Evangelikalen" betonen die soziale Verantwortung der Christen. Es gehe in der Mission nicht nur um Seelenrettung, sondern auch um die Erneuerung der Gesellschaft. Die Forderungen der radikalen Evangelikalen berühren sich an verschiedenen Stellen mit denen des ÖRK (Vertreter: R. Padilla)228.
6. Die "ökumenischen Evangelikalen" stehen in Mitgliedskirchen des ÖRK und bejahen auch grundsätzlich den Genfer Kurs; in einzelnen Fällen formulieren sie aber unmißverständlich ihre Kritik an vom ÖRK eingeschlagenen Wegen (Vertreter: F. Kivengere).

Kenner der weltweiten EB weisen jedoch mit Nachdruck darauf hin, daß die 1974 noch hervorgehobene Einheit der Evangelikalen in grundsätzlichen Punkten seit Beginn der achtziger Jahre Auflösungserscheinungen zeigt. Besonders die US-Evangelikalen vertreten sich widersprechende Überzeugungen zu Fragen der Autorität der Bibel, der Mission und der Ethik229, so daß bereits die Befürchtung geäußert wurde, "in Zukunft" werde man es "mit einer Vielfalt von 'Evangelikalismen' zu tun"230 haben.

Der IKfW ging mit dem 25. Juli 1974 zu Ende, doch die Lausanner Bewegung nahm nun ihren Anfang. Auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der Veranstaltung hatte es bereits Andeutungen gegeben, "daß aus dem Kongreß eine Organisation hervorgehen könne"231, was sowohl bei den Evangelischen Allianzen verschiedener Länder als auch beim ÖRK Bedenken hervorrief232. Am 24. Januar 1975 wurde dann tatsächlich ein "Lausanner Komitee für Weltevangelisation" (LCWE) konstituiert233. Die ihm angehörenden 75 Mitglieder234 sehen ihre Aufgabe darin, auf der Basis der Lausanner Verpflichtung die Christenheit zu ermutigen, den noch unvollendeten Auftrag der Weltevangelisation kraftvoll voranzutreiben. Dabei will das LCWE "in erster Linie als Stimulans und Katalysator"235 dienen, wozu regelmäßige Veröffentlichungen und vom LCWE durchgeführte Kongresse beitragen sollen236. Seit 1975 sind in verschiedenen Ländern nationale Lausanner Komitees ins Leben gerufen worden, die die Arbeit des LCWE in den Kirchen der einzelnen Länder bekanntmachen sollen. In Deutschland war das Echo auf Lausanne allerdings eher gering237. Erst 1984, zehn Jahre nach dem IKfW, startete die DEA eine Initiative, um auch in der Bundesrepublik ein nationales Komitee des LCWE zu bilden238. Ein Jahr später, am 13. März 1985, wurde die "Lausanner Bewegung - deutscher Zweig in Verbindung mit der DEA und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste" gegründet239. Im Leiterkreis dieser neuen Organisation sind sowohl Mitglieder aus dem Hauptvorstand der DEA als auch aus der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste240 vertreten241. Ziel der Arbeit ist, "die Sache der Evangelisation noch stärker bekannt" zu machen, "bereits bestehende Dienste und Aktivitäten" zu "intensivieren" und die Großstadtevangelisation ganz besonders zu fördern242.

Indem in Deutschland die DEA und das Lausanner Komitee in der erwähnten Organisation zusammenfanden, wurde ein weiterer nationaler, von der Evangelischen Allianz unabhängiger evangelikaler Dachverband vermieden. Auf Weltebene hatte man bereits 1980 versucht, eine Fusion von WEF und LCWE einzuleiten243, was jedoch von dem LCWE als "verfrüht" abgelehnt wurde244. So ist es bis heute - trotz weiterer Annäherungsbemühungen245 - bei zwei Dachverbänden der internationalen EB geblieben, dem 1951 gegründeten WEF und dem 1975 konstituierten LCWE246.


2.1.3.8. Die Konferenz evangelikaler Publizisten (kep)

Mit dem wachsenden Selbstbewußtsein der Evangelikalen verstärkte sich auch ihr Interesse, die Medien wirksamer für die Verwirklichung ihrer Ziele einzusetzen als das bisher geschehen war. Zwar erreichte man über den Evangeliums-Rundfunk247 mehrere hunderttausend Menschen, doch ist dies ein überwiegend dem christlichen Glauben nahestehender Personenkreis. Um aber auch Nichtchristen zu erreichen und somit dem Missionsbefehl Christi Folge zu leisten, sei es heute geboten, alle "erreichbaren publizistischen Mittel"248 wahrzunehmen.
Ein wichtiger Schritt der Evangelikalen zu mehr Engagement auf dem Mediensektor war die von der Konferenz Bekennender Gemeinschaften (KBG) unter dem Thema "Evangelikale Publizistik - und das Ende ihrer sträflichen Vernachlässigung" veranstaltete "Bundestagung für evangelikale Publizistik" im Februar 1974249. Die Veranstalter luden zu einem Gedankenaustausch mit Vertretern der deutschen Publizistik und der politischen Öffentlichkeit ein, um die "kirchlich orientierten Evangelikalen"250 bekannter zu machen. Die Evangelikalen aus den Reihen der KBG waren der Überzeugung, daß ihre im Bereich der Kirchen ständig wachsende Popularität auch in der Öffentlichkeit ein gewisses Maß an Beachtung finden dürfte, nicht um der Beachtung willen, sondern - wie es in einem auf der Tagung gehaltenen Referat hieß - "... zur Ehre Gottes und zum Heil und Wohl des Menschen."251

Ein Jahr nach der Tagung der KBG trafen sich 36 führende Vertreter der deutschen EB, um über eine "weitere Intensivierung und Koordination der publizistischen Arbeit der Evangelikalen"252 nachzudenken. Man beschloß die Gründung einer "Konferenz evangelikaler Publizisten" (kep), deren Aufgaben sein sollten, die evangelikalen Interessen gegenüber den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der Presse zu vertreten, sowie die interevangelikale Kommunikation zu verbessern253. Die kep handelt im Auftrag der DEA und ist bestrebt, deren medienpolitische Anliegen zu fördern254.
Entscheidende Impulse empfing die kep durch die vom 20. bis 23. Oktober 1978 in Amsterdam durchgeführte erste "Europäische Evangelikale Kommunikationskonferenz". Unter dem Leitthema "The message in media" kamen über 200 evangelikale Publizisten aus 25 Ländern zusammen, um darüber zu beraten, wie die Massenmedien noch effektiver für Evangelisation und Mission eingesetzt werden können255. Beschlossen wurde eine engere Zusammenarbeit zwischen den evangelikalen Publizisten der verschiedenen Länder Europas, die durch die "Europäische Arbeitsgemeinschaft für evangelikale Kommunikation" bewerkstelligt werden soll. Eine Zusammenarbeit wurde vor allem auf den Gebieten: Schulung von Journalisten, Einrichtung einer zentralen Stellenvermittlung und Austausch von Nachrichten ins Auge gefaßt256. Den deutschen Teilnehmern wurde besonders ihr vergleichsweise großer Rückstand im Blick auf die Nutzung der Medien für die Evangeliumsverkündigung deutlich - " ... in Amerika und England werden Medien längst genutzt, von denen die Evangelikalen hierzulande gerade anfangen zu sprechen"257 - ein Sachverhalt, der in den folgenden Jahren zu verstärkten Anstrengungen der kep führte.

Ein Schritt zu größerer Effizienz der evangelikalen Medienarbeit bedeutete die Gründung verschiedener Arbeitszweige der kep. Auf einer Tagung im April 1980 beschloß man, eine "Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Schriftleiter", einen Arbeitszweig "Funk und Fernsehen" sowie die Gruppe der sogenannten "Freien Publizisten" ins Leben zu rufen258. Die beiden Zweige "Arbeitsgemeinschaft Verlage" und "Presse- und Informationsdienste" hatten bereits ihre Arbeit aufgenommen259. Ausdrücklich sprachen sich die evangelikalen Publizisten auf der erwähnten Tagung auch dafür aus, die neuen Medien - besonders Kabel- und Satellitenfernsehen - zu erproben und gegebenenfalls zu übernehmen260. Hier kommt dem Evangeliums-Rundfunk (ERF) eine Vorreiterrolle zu; frühzeitig erkannte er die Chancen der neuen Techniken und stellte sie in den Dienst der Verkündigung des Wortes Gottes261.
Mit dem am 16. und 17. März 1982 durchgeführten "ersten evangelikalen Medienkongreß" in Böblingen trat die kep erstmals im großen Stil an die Öffentlichkeit. Das Motto "Mehr Evangelium in den Medien!" war zugleich die Hauptforderung des Kongresses, an dem über 800 Medieninteressenten teilnahmen262. Aus der Überzeugung, daß das Evangelium "nichts Antiquarisches"263 ist, und aus dem Wissen um den Missionsbefehl Jesu Christi sei den Evangelikalen die Nutzung der Medien geboten. Dabei dürfe die Weitergabe der biblischen Botschaft in Radio und Fernsehen nicht auf den sonntäglichen Gottesdienst beschränkt bleiben, sondern müsse einen wesentlich größeren Raum einnehmen als bisher; denn es bestehe ein "weitgehendes Bedürfnis in der Bevölkerung"264 nach Sendungen mit christlichen Inhalten.
Der Böblinger Kongreß beeindruckte durch die Präsentation elektronischer Medien wie auch durch eine "evangelikale Bücherbörse". Buch und Zeitschrift sind überhaupt die von den Evangelikalen am intensivsten benutzten Medien. Seit Entstehung der EB Mitte der sechziger Jahre stieg der Anteil evangelikaler Bücher am evangelischen Literaturmarkt innerhalb von zwölf Jahren von 20 auf 60 Prozent an265. Verantwortlich dafür ist einmal die evangelistische Großveranstaltung "Euro 70" mit Billy Graham gewesen, die dem evangelikalen Verlagsgeschäft "den großen Durchbruch"266 verschafft hat; weiterhin aber müssen auch Umstrukturierungen im evangelikalen Verlagsbereich berücksichtigt werden, die zu zwei großen und effektiven Kooperationsgruppen führten267. Die eine Gruppe, 1971 unter dem Namen "ABC-team" gegründet und mehr freikirchlich orientiert, umfaßt die Häuser Aussaat- und Schriftenmissions-, R. Brockhaus-, Brunnen- und Oncken-Verlag sowie das Christliche Verlagshaus; der anderen Gruppe unter dem Namen "Telos" gehören der Blaukreuz-, Brendow-, Hänssler-, Schwengeler- und Trachsel-Verlag sowie die Verlage der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, der Francke Buchhandlung, der Liebenzeller Mission und der St. Johannis-Druckerei an268. Die Kooperation der Verlage umfaßt die Werbe-, Produktions- und Vertriebsaufgaben269, wobei die einzelnen Verlage allerdings ihre wirtschaftliche Selbständigkeit behalten und somit auch Konkurrenten bleiben270. Die Bedeutung der beiden evangelikalen Verlagskooperationen läßt sich anhand der Jahresproduktion ermessen: 1981 lag sie bei 360 Titeln. Davon waren über 200 Neuerscheinungen, der Rest bestand aus Neuauflagen bzw. Neuproduktionen vergriffener Werke271. - Auch die evangelikalen Zeitschriften weisen beachtliche Größenordnungen auf. Nach einer Untersuchung des Bonner Journalisten K. R. Durth272 aus dem Jahre 1981 beträgt die Jahresauflage von 144 evangelikalen Zeitschriften etwa 33 Millionen Exemplare, die Gesamtauflage aller evangelikal geprägten Zeitschriften wird mit mindestens 50 Millionen Exemplaren pro Jahr angegeben273. Ein großer Teil dieser Zeitschriften ist evangelistisch geprägt; denn es geht den Evangelikalen "bei aller publizistischen Arbeit" um die "Verkündigung der Frohen Botschaft von Jesus"274. Dabei wird die theologische Arbeit kaum mehr vernachlässigt. Nach Durth haben 15 von ihm erfaßte theologische Zeitschriften eine Jahresauflage von über 800.000 Exemplaren275. - Der unübersehbare Aufwärtstrend evangelikaler Literatur muß auch auf dem Hintergrund der Sinnkrise des modernen Menschen gesehen werden, die sich in den letzten drei Jahrzehnten noch verschärft hat. Zunehmende Umweltzerstörung, die Bedrohung des Friedens und die Auflösung familiärer Bindungen haben bei vielen Menschen ein neues Fragen nach Religion und Glauben hervorgerufen, wovon der evangelikale Buchmarkt, der bestrebt ist, mit seinen Publikationen auf die "eigentlichen Fragen des Menschen aktuell und substantiell Antwort"276 zu geben, auch profitiert hat.

Als Ergebnis des ersten evangelikalen Medienkongresses wurde den Evangelikalen ihre publizistische Stärke bewußt, sobald sie sich zum gemeinsamen Handeln entschließen. Zugleich war es ihnen gelungen, die Öffentlichkeit vermehrt auf die EB aufmerksam zu machen. Dies sollte in Zukunft noch verstärkt geschehen durch die auf dem Abschlußabend des Böblinger Kongresses angeregte Aktion "Mehr Evangelium in den Medien"277. Diese Aktion entstand einerseits auf dem Hintergrund der Sorge der Evangelikalen um die Menschen unseres Landes aufgrund eines ständig zunehmenden negativen Einflusses der Massenmedien278, und andererseits aus der Beobachtung, "daß das biblische Evangelium in den öffentlich-rechtlichen Medien und in der Presse zu kurz kommt ..."279. Gefordert wurde daher "aus unserer Verpflichtung gegenüber dem Missionsauftrag unseres Herrn Jesus Christus und der Liebe zu unserem Volk"280, daß die Programme der Massenmedien mehr von christlichen Wertvorstellungen geprägt werden. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wurden alle Christen eingeladen, sich der von der kep neugegründeten Aktion "Mehr Evangelium in den Medien" als fördernde Mitglieder anzuschließen, deren Ziele zu vertreten und dafür zu beten281. Obgleich die von der kep eingeleitete Aktion auch Widerspruch hervorrief282, verlief sie in den evangelikal geprägten christlichen Gemeinden erfolgreich: In den ersten zwei Jahren traten ihr über 20.000 Personen bei283.
Nach der guten Resonanz auf den ersten evangelikalen Medienkongreß stellte die kep einen hauptamtlichen Mitarbeiter an (W. Baake)284, der ihre sich ausweitenden Aktivitäten koordinieren und einen zweiten Kongreß vorbereiten sollte.
Vom 16. bis 18. April 1985 fand, wieder in der Böblinger Stadthalle, der zweite Medienkongreß statt285. Der Einladung der kep folgten etwa 800 Dauerteilnehmer und bis zu 1.600 Tagesbesucher286. Hatte sich der erste Kongreß noch vorwiegend mit der Frage nach dem Einsatz der neuen Technologien beschäftigt, so konnte nun über erste Erfahrungen mit den neuen Medien diskutiert werden, da seit 1984 verschiedene Kabelpilotprojekte angelaufen waren und seit Januar 1985 Deutschlands 1. Satelliten-Fernsehen (SAT-1) seinen Sendebetrieb aufgenommen hatte287. Neben verschiedenen Hauptvorträgen zu aktuellen Themen aus dem Medienbereich (z.B. Anspruch und Auftrag christlicher Publizistik; Machen Medien krank?; Medienbewältigung - auch bei Büchern nötig)288 wurden sechs Seminare angeboten289, eine Medienausstellung organisiert und eine Übersicht über das Angebot der evangelikalen Verlage präsentiert290.

Wenige Monate nach dem zweiten Böblinger Kongreß beschloß die kep die Gründung einer "Christlichen Medien-Akademie" (cma). Ihre Aufgabe ist es, "die Massenmedien zu beobachten, christliche Aktivitäten im Medienbereich zu koordinieren sowie in Seminaren und Schulungskursen Journalisten Orientierung, Fortbildung und seelsorgerliche Betreuung anzubieten."291 Am 1. November 1985 nahm die cma unter ihrem Leiter C. P. Thiede und im Rahmen der DEA ihre Arbeit auf292. Bezeichnend für die enge innere Verbundenheit der evangelikalen Medieninstitutionen ist ihre räumliche Nähe: idea, kep und cma, sie alle haben ihren Sitz in ein und demselben Haus in Wetzlar293.

"Die Stillen im Lande sind im Begriff, lautstark zu werden."294 Mit der Gründung der kep, spätestens aber mit den von ihr veranstalteten beiden Medienkongressen in Böblingen hat sich diese Feststellung E. Geldbachs bewahrheitet. Durch die Arbeit von idea wurde der deutsche Evangelikalismus insbesondere im Raum der christlichen Kirchen bekannt, die kep sorgte dafür, daß auch der säkulare Teil unserer Gesellschaft aufmerksam wurde auf die konservativen Christen in Landes- und Freikirchen.



2.1.3.9. Der Arbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT)

Im Anschluß an den IKfW in Lausanne kamen auf Anregung des englischen Theologen John Stott einige Teilnehmer aus verschiedenen europäischen Ländern in Chesieres (Schweiz) zusammen, um Vorbereitungen für einen Kongreß evangelikaler Theologen in Heverlee (Belgien) zu treffen295. Dieser Kongreß fand vom 31. August bis 3. September 1976 statt, wurde von 90 evangelikalen Theologen aus 16 europäischen Staaten besucht und führte zur Gründung der "Fellowship of European Evangelical Theologicans" (FEET)296. Die Aufgabe der FEET besteht darin, "evangelikale Theologie in Lehre und Forschung zu fördern, den theologischen Informationsfluß in Europa zu verbessern, gemeinsam an theologischen Publikationen zu arbeiten und durch Gastvorlesungen und Stipendien die bestehende Gemeinschaft evangelikaler Theologen weltweit zu intensivieren."297 Die Arbeit der FEET geschieht auf der Grundlage der Evangelischen Allianz298.

Der DEA war schon im Dezember 1974, also weit über ein Jahr vor der Konstituierung der FEET, von deutschen Teilnehmern des IKfW empfohlen worden, über die "Gründung einer Gesellschaft für evangelikale Theologie"299 nachzudenken. Die DEA wartete mit der Gründung aber zunächst noch, um das Ergebnis der ersten FEET-Tagung zu erfahren300. Am 12. November 1977 konstituierten dann Theologen aus Landes- und Freikirchen den "Arbeitskreis für evangelikale Theologie" (AfeT)301, dessen "Initiator und Träger ... die Deutsche Evangelische Allianz"302 ist. Der AfeT steht in enger Verbindung zur FEET303 und hat sich folgende drei Aufgaben gestellt:
1. Die Förderung der Zusammenarbeit und des Informationsaustausches unter evangelikalen Theologen durch theologische Tagungen und Facharbeitsgruppen.
2. Die Förderung evangelikaler theologischer Literatur (vor allem durch Vermittlung und Vergabe von Druckkostenzuschüssen für wissenschaftliche Arbeiten).
3. Die Förderung des evangelikalen wissenschaftlichen Nachwuchses (vor allem durch Vermittlung und Vergabe von Forschungsstipendien).304

Die vom AfeT alle zwei Jahre durchgeführten theologischen Studienkonferenzen über Grundfragen des christlichen Glaubens führen evangelikale Theologen aus dem ganzen deutschsprachigen Gebiet zusammen305 und wollen dazu ermutigen, bewußt "evangelikale Theologie" zu treiben306. Dies ist eine Theologie, "in der die Wesensmerkmale der evangelikalen Bewegung zum Tragen kommen:
1. daß Christsein in einer persönlichen Verbindung mit Jesus Christus als Herrn und Heiland besteht, begründet in einer Bekehrung des Einzelnen;
2. daß Evangelisation zentrales Anliegen jedes Christen ist;
3. daß in allem die Bibel als Gottes Wort Grundlage und höchste Autorität für Glauben und Leben ist."307

Eine Theologie, die unter diesen Voraussetzungen getrieben wird, könne "in Überwindung des Kritizismus und in Auseinandersetzung mit dem Denken unserer Zeit einer umfassenden theologischen Erneuerung von der Heiligen Schrift her dienen."308 Nach Römer 12,2 seien auch die Theologen dazu aufgerufen, ihr Denken von der Bibel her erneuern zu lassen309 und nicht den ständig wechselnden geistigen Zeitströmungen"310 nachzulaufen. Das Ziel aller Anstrengungen des AfeT ist somit, auf eine biblische Erneuerung der Theologie in möglichst allen ihren Disziplinen hinzuwirken311. Diesem Anliegen sind die inzwischen (1987) 75 Mitglieder312 verpflichtet, die zusammen mit einem aus etwa 600 Personen bestehenden Freundeskreis und mit der Hilfe der DEA und einer Freikirche313 fast 200.000 DM im ersten Jahrzehnt des AfeT- Bestehens zusammenlegten, um Stipendien und Druckkostenzuschüsse zu gewähren314. Bis 1987 konnten 23 wissenschaftliche Werke - meist Dissertationen - mit Hilfe eines Druckkostenzuschusses des AfeT veröffentlicht werden, die überwiegend in evangelikalen Verlagen erschienen315. Erstmalig wurde 1987 ein Treffen von dem AfeT nahestehenden Doktoranden durchgeführt, eine Einrichtung, die die schweizerische Bruderorganisation AfbeT (Arbeitskreis für biblisch erneuerte Theologie) schon seit längerem hat316.

Obwohl der AfeT grundsätzlich die Entstehung freier theologischer Ausbildungsstätten auf akademischem Niveau, die staatlich und kirchlich anerkannt, aber weder von Staat noch von Kirche abhängig sind, begrüßen würde, sieht er seinen Aufgabenbereich in erster Linie an den Universitäten und Kirchlichen Hochschulen, da sie bis heute das Ausbildungsmonopol für den Pfarrernachwuchs besitzen und an ihnen die maßgeblichen theologischen Standardwerke und Lehrbücher entstehen. Daher wird auch als eine weitere Möglichkeit der Förderung biblisch orientierter Theologie im Universitätsbereich die Einrichtung von Stiftungsdozenturen und -professuren erwogen317.


2.1.3.10. Evangelikal geprägte Bekenntnisschulen

Seit Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts vollzogen sich im Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland tiefgreifende Veränderungen. Die Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" hatte wiederholt auf besorgniserregende Tendenzen im evangelischen Religionsunterricht hingewiesen318 sowie auf die Reformen des Schulwesens aufmerksam gemacht, in deren Verlauf das bisher christlich-humanistisch geprägte Erziehungs- und Bildungswesen im Begriff stehe, von einem materialistisch ausgerichteten abgelöst zu werden319. Die Christen aus den Reihen der Konferenz Bekennender Gemeinschaften (KBG) hielten daher "die Errichtung von freien Schulen mit eigenständiger Zielsetzung im Rahmen der geltenden Verfassungen für dringend erforderlich."320
Die Gründung der ersten evangelikalen Schule im Jahre 1973, der "Freien Evangelischen Schule" in Reutlingen321, vollzog sich eher still und von der Öffentlichkeit wenig beachtet. Aufsehen erregte dagegen die erste evangelikale Schule in Norddeutschland, die "Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen". Mit der Begründung, daß infolge der Schulreform eine ausreichende Toleranz für eine bewußt christliche Grundhaltung nicht mehr gewährleistet sei322, begannen 1978 die Planungen für die Bremer Schule323. Der Trägerkreis der Schule, bestehend aus "Christen bibeltreuer Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche, der Freikirchen und christlichen Gemeinschaften"324, erhielt am 22. Januar 1979 die staatliche Genehmigung für einen Grundschulzweig325 und begann am 1. Februar 1979 mit dem Unterricht326, nachdem ein zuvor erhobener Einspruch gegen die Bekenntnisschule vom Senat der Stadt Bremen abgewiesen worden war327. - Die Bekenntnisschule Bremen ist nicht eine evangelische Konfessionsschule, denn die evangelische Kirche ist nicht ihr Träger, sondern sie versteht sich als eine private christliche Schule auf biblischer Basis328. Ihre Glaubensgrundlage ist das Bekenntnis der Evangelischen Allianz aus dem Jahre 1846329. In Übereinstimmung mit Artikel 4 dieses Bekenntnisses ("Die völlige Verderbtheit der menschlichen Natur infolge des Sündenfalls") verwirft die Bremer Schule auch das humanistische Menschenbild; sie sieht sich vielmehr der Tradition pietistischer Pädagogen, z.B. eines August Hermann Francke, verpflichtet330, deren pädagogische Konzeption den Fall des Menschen und seine daraus resultierende "völlige Verderbtheit" berücksichtigte.
Die Bremer Bekenntnisschule erwartet selbstverständlich von allen Lehrkräften uneingeschränkte Zustimmung zu den genannten Glaubensgrundlagen331; im Blick auf die Schüler (bzw. deren Eltern) ist jeder - unabhängig von seiner Weltanschauung oder seinem sozialen Status - willkommen, der bereit ist, die Zielsetzung der Schule zu akzeptieren und ein monatliches Schulgeld aufzubringen332.

Die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen hat sich in den ersten Jahren ihres Bestehens bewährt und die Anerkennung vieler gewonnen. Der Senat der Stadt Bremen erteilte ihr nacheinander die Genehmigungen für die Orientierungsstufe (seit 1980), die Sekundarstufe I mit Hauptschule, Realschule und gymnasialem Zweig (seit 1982) und die Sekundarstufe II, so daß alle Bildungsabschlüsse erreicht werden können333.

Fragt man danach, worin das spezifisch Christliche der Bremer Schule im Schulalltag zum Ausdruck kommt, so ist hier weniger der Hinweis auf die morgendliche gemeinsame Andacht zu geben - denn Andachten gibt es auch in anderen Konfessionsschulen -, vielmehr ist es das Bemühen der Lehrer, die "ganz profanen" Lerninhalte der einzelnen Fächer auf dem Hintergrund der Bibel und des sich in ihr offenbarenden Gottes darzubieten. Naturwissenschaft ist dann nicht nur das Erlernen von Gesetzmäßigkeiten, die "uns die Natur eben beschert hat", sondern das Staunen über Ordnungen, die der Schöpfer in seine Schöpfung gelegt hat334; und Geschichte ist nicht nur das Erfassen des zeitlichen Ablaufs des auf Erden sich vollziehenden Geschehens, sondern auch das Begreifen, wie der in der Geschichte handelnde Gott mit Menschen und Völkern in Gericht und Gnade umgeht. Außerdem versuchen die Pädagogen der Bremer Schule, durch enges Zusammenarbeiten mit den Eltern der Schüler - die Lehrer besuchen regelmäßig die Elternhäuser - die Individualität des Schülers bei der schulischen Erziehung zu berücksichtigen335.

Das Bremer Modell einer evangelikalen Schule wirkte inspirierend auf evangelikal geprägte Christen in verschiedenen Städten Deutschlands. Zu Beginn des Schuljahrs 1980/81 öffnete die "August Hermann Francke Schule" in Gießen ihre Tore336, ein Jahr später nahm die "Freie Christliche Schule in Frankfurt/Main e.V." den Unterricht auf337, und in den folgenden Jahren gab es weitere Gründungen evangelikaler Schulen in Hanau, Bochum, Essen, Berlin, Lemgo/Lippe, Lüdenscheid und Altenkirchen338. Außerdem bestehen zahlreiche weitere Initiativen, die Schulgründungen planen339. - Alle diese Schulgründungen wurden nicht - im Unterschied zu z.B. dem Arbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT) - vom Hauptvorstand der DEA initiiert. Vielmehr gehen sie zurück auf das Engagement einiger Evangelikaler, die ihre Kinder nicht weltanschaulich neutralen, sondern christlich geprägten Schulen anvertrauen wollten. Als Bekenntnisgrundlage dieser Schulen wählte man die Basis der Evangelischen Allianz, da die Evangelikalen in ihr das rechte Verständnis des christlichen Glaubens ausgedrückt sehen.


2.1.3.11. Das Missionarische Jahr 1980

Der Lausanner Kongreß für Weltevangelisation hatte weltweit zu einem Aufbruch der Evangelikalen geführt, die fortan verstärkte Anstrengungen zur Missionierung der über zwei Milliarden vom Evangelium noch unerreichten Menschen unternahmen340. In Deutschland ist als eine Frucht von Lausanne das "Missionarische Jahr 1980" zu betrachten341. Angeregt vom "Arbeitskreis für evangelistische Aktionen"342, der im November 1976 in Loccum ein "evangelistisches Großprojekt um das Jahr 1980"343 vorschlug, konstituierte sich am 12. Januar 1978 das Leitungsgremium dieses Projektes, zu dem Oberlandeskirchenrat J. Hasselhorn, der Präses des Gnadauer Verbandes, Pfr. K. Heimbucher, und der Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, K.H. Knöppel, gehörten344. Das Missionarische Jahr 1980 war also eine gemeinsame Aktion der evangelischen Landes- und Freikirchen sowie weiterer freier evangelistischer Werke345, wurde durchgeführt auf der Grundlage der Basis der DEA, der Lausanner Verpflichtung und der Studie "Evangelisation heute"346 und wurde vom Hauptvorstand der DEA ausdrücklich begrüßt347. Unter dem Thema "Christ aktuell"348 sollte mit dem Missionarischen Jahr 1980 eine "evangelistische Durchdringung Deutschlands"349 erreicht werden; denn Deutschland sei "zum Missionsland wie jedes andere Land geworden" und der Anspruch, christliches Abendland zu sein, "sei längst nicht mehr zu erheben."350 Als besonders erfreulich bewerteten die Verantwortlichen, daß es zu einem Miteinander von Landes- und Freikirchen351 kam, was angesichts der großen missionarischen Herausforderung nur zu begrüßen war352.

Mit dem Reformationsfest des Jahres 1979 begann dann das Missionarische Jahr, dessen Schwerpunkt bei lokalen und regionalen evangelistischen Veranstaltungen in ungezählten Städten und Dörfern der Bundesrepublik lag353. Dabei erwies sich die Zusammenarbeit zwischen den Christen der verschiedenen evangelischen Denominationen als fruchtbar und ermutigend354, doch blieb eine von manchen erhoffte umfassendere geistliche Erneuerung der christlichen Gemeinden aus355. Lediglich in einigen wenigen Kirchen stieg die Zahl der Hausbibelkreise an356; insgesamt aber hatte man besonders dem Evangelium fernstehende Menschen kaum erreichen können357.
Auf eine große Not hatte das missionarische Jahr die Verantwortlichen aufmerksam gemacht: Viele Kirchenmitglieder sind nicht in der Lage, mit anderen über ihren Glauben zu reden358; auch besteht im Blick auf Evangelisation und Gemeindeaufbau ein Defizit in der theologischen Forschung und Lehre, so daß die Pfarrer oftmals gar nicht in der Lage sind, ihre Gemeindeglieder in evangelistischer Gesprächsführung zu schulen. Die Erkenntnis dieser Mängel trug im Raum der Landeskirchen mit zu Forschungstagungen359 und einer beträchtlich ansteigenden literarischen Auseinandersetzung mit Fragen der Evangelisation und des Gemeindeaufbaus bei360.

"Das Missionarische Jahr 1980 ist zu Ende, die Mission geht weiter."361 So lautete die Bilanz des einjährigen evangelistischen Großprojektes von Landes- und Freikirchen. Es war eine neue Sensibilität für das Missionsgebiet Deutschland entstanden, die die Evangelisation als "ein dringliches Gebot der Stunde"362 erscheinen ließ. In den folgenden Jahren erfuhr die evangelistische Arbeit auch in der Tat einen Aufschwung, der beispielsweise bei der schon zeitweise totgesagten Zeltmission beträchtliche Zuwachsraten aufwies363.